#Roman

Das Jüngste Gericht des Michelangelo Spatz

Michael Scharang

// Rezension von Riki Winter

Wer eine Reise tut, kann etwas erzählen. Peter Handke hat es getan, Josef Haslinger und Reinhard P. Gruber haben es getan, jetzt hat Michael Scharang zugeschlagen: Amerika sehen und ein Buch schreiben. Was in den siebziger Jahren (Handke) noch ein „Road Movie“ war, in den Neunzigern ein launiger Reisebericht (Haslinger, Gruber) hat sich bei Scharang zu einem skurrilen, endzeitanalytischen Schelmenroman ausgeweitet.

Ein österreichischer Vertragsbediensteter, angestellt im Museum für Völkerkunde am Wiener Heldenplatz, reist nach New York, um erstens auf eine Hündin aufzupassen, um zweitens festzustellen, daß New York die „Hauptstadt des 20. Jahrhunderts“ ist, um drittens seine Gedanken zum Hereinbrechen der „kleinbürgerlichen Epoche“ zu ordnen und um viertens und letztens eine amerikanische TV-Anstalt mit einem Projekt zur TV-Serie „Das jüngste Gericht“ zu beglücken. Dieses Projekt aber entwickelt sich erst im Laufe des New York-Aufenthalts. Um der Stadt die Möglichkeit zu geben, sich ausreichend mitzuteilen, muß Scharangs Ich-Erzähler länger bleiben als geplant, was sich auf die knappen finanziellen Ressourcen eines österreichischen Vertragsbediensteten negativ auswirkt. Was in Wien nicht mehr möglich ist, in der „Hauptstadt des 20. Jahrhunderts“ aber schon, ist der Entwurf einer medialen Parallelaktion: eine TV-Serie mit dem Titel „Das jüngste Gericht“, die niemals geschrieben wird, aber dennoch Geld abwirft; geplant mit Hilfe des österreichischen Kreativkollegen Michelangelo Spatz, einem Musiker und Schönberg-Adepten. Scharangs Protagonisten entwickeln das Modell einer Fernseh-Soap, das letztlich die Differenz zwischen Wirklichkeit und Fiktion aufhebt und damit gleichzeitig auch ein Modell für diesen Roman sein könnte. Michael Scharang macht sich das Vergnügen, das europäische Gewicht der Reflexion in den Glasfassaden Manhattans zu spiegeln. Sein ironisch gefärbter Blick fällt dabei auf die Überlebensübungen talentierter Weltuntergangsmelancholiker in einer Stadt, die ihre Neurosen im Supermarkt, an jeder Straßenecke und in zig Fernsehkanälen als Exponate einer nie enden wollenden Disney-Show ausstellt.

Hier zeigt sich Michael Scharang als großer Erzähler, der aus der unendlichen Geschichte des Scheiterns am amerikanischen Traum konkrete Lebensgeschichten herausgreift, um sie mit der Geschichte seines Ich-Erzählers zu vernetzen. Dieser erweist sich in der „Hauptstadt des 20. Jahrhunderts“ als naiv-philosophischer Beobachter, der – ausgestattet mit dem Bewußtsein eines traditionellen Erzähler-Ichs – von der Schwerelosigkeit der Großstadt erfaßt wird.
Gewürzt mit essayistischen Passagen, Stadtbildern und einer österreichisch-skurrilen Familiengeschichte, präsentiert sich „Das Jüngste Gericht des Michelangelo Spatz“ als intelligentes Lesevergnügen.

Roman.
Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1998.
414 S.; geb.
ISBN 3-498-06296-4.

Rezension vom 18.08.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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