#Roman

Das Journal der Valerie Vogler.

Constantin Schwab

// Rezension von Ursula Ebel

Polare Phantasien

Ein Kunstkollektiv und eine Einzelgängerin, die Kunstkritikerin Valerie Vogler, arbeiten eine Woche lang miteinander in einem abgeschiedenen Atelier. Das Journal der Valerie Vogler, der Debütroman des 1988 in Berlin geborenen Constantin Schwab, verhandelt lustvoll das Aufeinanderprallen dieser beiden Lebensmodelle, wobei eines der beiden im gegenwärtigen System der neoliberalen Selbstoptimierung eine minoritäre Position einnimmt. „Niemand kann alles, aber zusammen sei fast alles machbar“, fasst ein Mitglied des Kollektivs seine Überlegungen gegenüber der Protagonistin zusammen, ist es tatsächlich so simpel?

Selbstsicher und voller Erwartungen startet Vogler ihre Reise nach Spitzbergen, denn die Protagonistin folgt einer Einladung des äußerst erfolgreichen und zugleich geheimnisvollen Künstlerkollektivs AURORA, dessen Werke im Großformat am internationalen Kunstmarkt horrende Summen erzielen. Das Kollektiv arbeitet weitgehend unbehelligt von Einflüssen der Gesellschaft in einer lebensfeindlich glazialen Weltengegend. Voglers Journal erstreckt sich exakt über diese eine Woche, vom 5. bis 11. November 2018. Der/die Leser:in ist dem Charakter des Journals entsprechend auf Valerie Voglers Auskünfte und ihren Wissensstand zum jeweiligen Zeitpunkt der Handlung angewiesen. Daraus ergeben sich viele Leerstellen, genau darin steckt das Potential des Buchs. Anstatt ähnlich einem kubistischen Bild gleichzeitig mehrere Interpretationsmöglichkeiten anzubieten, ist eine Perspektive vorgegeben, jene von Valerie Vogler.

Kunst bedarf perfider Mittel

Unweit des Pols wird es einem düster beim Lesen, denn das ausschließlich aus Männern bestehende Kollektiv hat nicht nur einen starken Willen, sondern auch vermessene Vorhaben. AURORAs dominante Position gegenüber der Protagonistin ist dem besonderen Gehabe der Männer geschuldet; schulmeisterlich weisen die Mitglieder des Kollektivs sie auf ihre Position und ihren Aufgabenbereich hin. Dass der Runde nicht zu trauen ist, wird spätestens klar, als Valerie Voglers Blut für die Vollendung eines Kunstwerks verwendet wird. Perfide Mittel, egomanes Verhalten und eine Distanzierung von der Gesellschaft, aus diesem Stoff ist die Welt des AURORA-Kollektivs gemacht.

Anfangs wirkt das Kollektiv harmlos auf die Kunstkritikerin. „In ihren weißen Kitteln und den daraus wachsenden dunklen Rollkrägen erscheinen sie mir wie eine intellektuelle, nordische Version der Dalton-Brüder. Der längste Dalton wäre Gunnar, dann kommt Lasse, Per (der einzige, der Mütze trägt), und Henrik ist klar der kleinste.“ Doch AURORA legt klare Regeln fest – kein Handy, kein Internet und kein Computer –, zudem darf das Gebäude nicht verlassen werden. Zunehmender Bedrohung ausgesetzt, werden diese Regeln, die das Kollektiv als ergiebige Formen der Selbsteinschränkung feiert, zu einem Fluch. Schwab verwebt eindringlich Reflexionen über selbstauferlegte Regelwerke von Künstlern – wie „Munchs Manifest von Saint Cloud, Malewitsch und sein schwarzes Quadrat, Bretons Surrealisten, Dogma 95“ – mit deren Auswirkungen auf eine anfänglich unbeteiligte Figur. Männliche Gewalt und weibliches Ausgeliefertsein im Sinne der wahren Kunst sind im Falle Schwabs das Resultat vom Aufeinandertreffen eines Kollektivs und einer Kritikerin.

Roman.
Graz: Literaturverlag Droschl, 2022.
128 S.; geb.
ISBN 978-3-99059-099-7.

Rezension vom 20.06.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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