#Roman
#Prosa

Das Gewicht der Bilder

Johannes Wally

// Rezension von Gerald Lind

Geradlinig und ohne Schnörkel. So könnte man Johannes Wallys Schreiben zusammenfassen. Ohne sich auf postmoderne Metafiktionen oder formale Spielereien einzulassen, sind die Texte des Grazer Autors geradezu klassisch komponiert: Eine (Liebes-)Beziehung bewegt sich auf einen letztlich existentiellen Konflikt zu, der als narrativer Flucht- und Wendepunkt funktioniert. In seinem literarischen Debüt Absprunghöhen (2014) variierte Wally diesen Zugang in einer Reihe von Erzählungen, in Das Gewicht der Bilder wird nun erstmals die Romanform erprobt.

Im Zentrum der Romanhandlung steht die Kunstlehrerin Vanja, die in einem Fitnesscenter den etwas dubios anmutenden Arthur kennen lernt. Schon bald werden die beiden ein Paar und Vanja übernimmt, nach einigem Zögern, die Bürgschaft für einen Kredit, um Arthur beim Weg in die unternehmerische Selbstständigkeit zu unterstützen. Vanja möchte Arthur mit der Übernahme der Bürgschaft näher kommen, ihre Beziehung verstetigen und ihm helfen, tatsächlich aber bewirkt sie – Ausgangspunkt des dramatischen Konflikts – das Gegenteil: Aus einer Liebes- wird eine Geschäftsbeziehung, aus Nähe wird Fremdheit, aus Gemeinsamkeit Einsamkeit.

Wesentliches Thema von Das Gewicht der Bilder ist der gesellschafliche Imperativ der Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung und seine Folgen, nämlich Selbstausbeutung und – im Extremfall – Selbstaufgabe. Symbolisch verdichtet wird dieser Zusammenhang mit der Wahl eines nicht sehr schicken Fitnesscenters als zentralem Handlungsort. Die Arbeit an den Geräten ist letztlich nicht nur eine Arbeit an und für sich, sondern auch gegen sich selbst, mit verheißungsvollem, aber letztlich ungewissem Ausgang: „Als ich mit dem ersten Set fertig war, erhöhte ich das Gewicht auf vierzig Kilo. Vielleicht, dachte ich, während ich an beiden Enden der Hantelstange je eine weitere Fünfkiloscheibe auflud, würde es mir ja gelingen, mich ins Glück zu stemmen.“ (85)

Erzählt wird der Roman aus der Sicht Vanjas, jedoch scheint es, als wäre nicht sie, sondern Arthur – mit seinen Ambitionen, Sehnsüchten und inneren Spannungen – die zentrale Figur des Textes, der auch das Hauptinteresse des Autors gilt. Bisweilen hat man deshalb den Eindruck, Vanja sei als Figur nicht vollständig ausdifferenziert, ihr Verhalten erscheint mitunter klischeehaft: „Ich griff nach dem Glas, trank aber nicht. Stattdessen schrieb ich mit dem Zeigefinger Arthurs Namen auf die Tischplatte: Die Magie der Buchstaben, die seinen Namen ergaben. Als ich fertig geschrieben hatte, schloss ich kurz die Augen.“ (37) Die hin und wieder in den Text eingewobenen Reflexionen auf einer Metaebene scheinen hierzu quer zu liegen, weshalb man als Lesender geneigt ist, die plötzliche (auch sprachliche) Komplexität eher dem Autor als seiner Figur zuzuschreiben: „War es nicht ebenso gut möglich, dass die Idee vom Unbewussten einfach eine Strategie war, damit sich im Wohlstand lebende Narzissten für geheimnisvoll und gefährlich halten konnten?“ (43)

Eine besondere Bewandtnis in Johannes Wallys Roman haben die im Titel angesprochenen „Bilder“, die eine durchgängig aktualisierte Symbolkonstante des Textes bilden und in einer entscheidenden, den Ausbruch des ständig schwelenden Konflikts mit Arthur darstellenden Szene mit Rilkes Gedicht Archaïscher Torso Appollos verbunden werden: Vanja malt Arthur zu dessen Unwillen als Torso, also ohne Kopf, aber mit Geschlecht. In gewisser Weise wird hier ein den gesamten Text bestimmender Wesenszug Vanjas ironisch-bildhaft umgekehrt, gespiegelt und gebrochen: Sie agiert nicht (für sich) selbst, sondern reagiert immer nur auf Arthur, was sich exemplarisch in der Übernahme der Bürgschaft zeigt, die ja letztlich nichts anderes als eine Reaktion auf Arthurs Wunsch ist, ein Unternehmen zu gründen.

Johannes Wallys Das Gewicht der Bilder ist ein ambitionierter, von kleinen Schwächen bei der Figurenzeichnung abgesehen auch erzählerisch überzeugender Roman, der vor allem auch den Mut aufbringt, sich eines großen Themas mit literarischen Mitteln anzunehmen: Des Sündenfalls der Spätmoderne verstanden als Ökonomisierung aller Lebensbereiche und somit auch, nach Eva Illouz, der Gefühle.

Das Gewicht der Bilder.
Roman.
Graz: Leykam, 2018.
172 Seiten, kartoniert.
ISBN: 978-3-7011-8089-9.

Rezension vom 08.10.2018

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Informiert
bleiben

Sie können 3 Newsletter abonnieren:

  • Literaturhaus Wien News
  • Literaturhaus Wien Veranstaltungsprogramm
  • Österreichische Exilbibliothek News

Bitte schicken Sie uns eine entsprechende Nachricht mit dem Betreff „Newsletter bestellen“. Für Abbestellungen bitte im Betreff „Newsletter abbestellen“ schreiben.