#Roman

Das Dorf ist wie das Internet, es vergisst nichts

Markus Köhle

// Rezension von Lina Buxbaum

Das Werk des Autors und Slam-Poeten Markus Köhle ist vielfältig. Nachdem in den letzten Jahren etwa ein Gedichtband für Kinder oder eine Lyrikreihe gemeinsam mit Peter Clar erschienen sind, widmet sich Köhle mit seinem neuen Roman Das Dorf ist wie das Internet, es vergisst nichts wieder einmal der Langstreckendisziplin der Literatur.
Im Zentrum der Handlung steht der Mittvierziger Lukas, der sich selbst als „Gründer der österreichischen Poetry-Slam-Szene“ bezeichnet und nicht nur in dieser Hinsicht einige biographische Ähnlichkeiten mit dem Verfasser des Romans teilt.

Lukas, der genau wie Köhle selbst in der Tiroler Gemeinde Nassereith aufgewachsen ist, wird vom dortigen Bürgermeister beauftragt, sich künstlerisch mit seiner Heimat auseinanderzusetzen und das Ergebnis im Anschluss vor versammelter Dorfgemeinschaft zu präsentieren. Im Gegenzug soll ihm der eigens zu diesem Zweck ins Leben gerufene Franz-Kranewitter-Preis verliehen werden. „Die eigene Herkunft lesbar aufzuarbeiten“ ist deshalb nicht nur das Ansinnen von Lukas, sondern auch zentrales Thema dieses autofiktionalen Romans.
Wie schon in Markus Köhles allererstem Roman „Dorfdefektmutanten“ begibt sich der Autor vorrangig auf einen Schauplatz, der gerne als „das Land“ bezeichnet wird. Quer durch Österreich bewegt sich Lukas bevorzugt auf Schienen und macht dabei im Speisewagen interessante Bekanntschaften. Da ist etwa Kurt, ein Hotelier mit Theaterleidenschaft, der ins Pflegeheimbusiness einsteigen möchte. Oder Tunja, die wortgewandte Speisewagenkellnerin, die sich während der Schließung der Gastronomie hauptberuflich Gurgeltestvideos angesehen hat. Ivo ist genau wie Lukas trink- und gesprächsfreudig und fährt jeden Tag im Speisewagen, um seine große Liebe wiederzutreffen. Und Mo ist auf einer Weltreise mit sich selbst auf Tuchfühlung gegangen und möchte in Zukunft weder mit dem Pronomen „er“, noch mit „sie“ angesprochen werden. Es ist nur naheliegend, dass es innerhalb dieses Speisewagenensembles zu Verwicklungen und schließlich zum großen Showdown kommt.
Die eigene Geschichte holt Lukas in Form von Erinnerungen immer wieder ein. In Lukas‘ Kindheit ist der Pfarrer eine Instanz, die maßgeblich über den sozialen Status zu entscheiden vermag. Der jugendliche Lukas fühlt sich von der Dorfgemeinschaft beengt und so ist bald einmal ein Anlass zum Trinken gefunden. Da kann auch die Fasnacht getrost zum gesellschaftlichen Höhepunkt des Jahres erklärt werden.
Neben seinen Auftragstexten für die nationale Tourismusorganisation „Österreich Werbung“ verfolgt Lukas ein eigenes Projekt, das er die „Verwortung Österreichs“ nennt. Die kurzen Texte widmen sich jeweils einer österreichischen Gemeinde und sind im Stil eines Wörterbucheintrags gehalten. Oft geht es dabei um die (erfundene) Herleitung des Ortsnamens, so auch im Eintrag zu Leoben: „1) Der ‚Leoben‘ ist die Schaumkrone der vom Wind abgekehrten Seite eines frisch gezapften Krügerls Bier.“
In Das Dorf ist wie das Internet, es vergisst nichts geht es immer wieder auch um Literatur. Die beiden Brüder von Lukas heißen nicht nur zufällig Thomas und Bernhard. Die Mündlichkeit bricht im Schreiben des Slam-Poeten immer wieder hervor, wenn Köhle die Figuren etwa „grad“ statt „gerade“ sagen lässt oder diese sich im tirolerischen Dialekt unterhalten. Ein Dialog ist sogar gänzlich im Dialekt gehalten und wird im Anhang übersetzt. Ergänzt wird Köhles Roman durch die liebevolle Buchgestaltung des Sonderzahl Verlags, der dem Text unter anderem eine Österreichkarte mit Touren durch die im Text erwähnten Ortschaften beigefügt hat.
Um Österreich zu verworten, zitiert Markus Köhle immer wieder aus Texten, die er Lukas in den Mund legt und die durchaus auch auf einer Poetry-Slam-Bühne funktionieren würden, vielleicht auch schon dort vorgetragen wurden. „Österreich, man muss dich einfach gernhaben. Österreich, du kannst mich gernhaben“, heißt es darin etwa.
Mit präziser linguistischer Arbeit geht Markus Köhle bei der Aufarbeitung der eigenen Herkunft der Sprache auf den Grund und (er)findet dabei Wahrheiten. Köhles Sprache ist dicht, verspielt und treffgenau. Wie der Titel des Romans schon vermuten lässt, geht es darin durchaus humorvoll zu, gleichzeitig wird auch eine Vielzahl an gesellschaftspolitischen Fragen aufgegriffen. Es geht unter anderem um prekäre Arbeitsbedingungen, Gleichberechtigung oder Gentrifizierung. Auch Care-Arbeit und Pflege sind darunter: „Die Mama hat sich um ihre Mama gekümmert. Die Mama hat auf die Oma geschaut. So wie die Oma auf die Enkelinnen und Enkel geschaut hat. Von Pflege war nie die Rede. Pflege brauchte sie nicht. Sie brauchte vieles nicht. Sie hatte vieles nicht. Aber sie hatte die Mama und das reichte meistens.“

Roman.
Wien: Sonderzahl Verlag, 2023.
240 S.; geb.
ISBN 978-3-99016-232-3.

Rezension vom 23.02.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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