#Prosa

Das Chefbuch.

Gerhard Ruiss

// Rezension von Helmuth Schönauer

Radikale Literatur geht immer an jene Grenze, wo es nicht mehr eindeutig klar ist, ob es sich noch um Literatur handelt oder schon wieder. Gerhard Ruiss ist ein Meister dieser Literatur, stets oszillieren seine Texte zwischen deklarierter Fiktion und nützlicher Gebrauchsanweisung.

Seine Textsammlung über Chefs und Chefsachen ist auf der ersten Ebene eine Collagensammlung mit echten Zeitungsausrissen, in denen jeweils das Wort Chef vorkommt. Allein die vielen Schlagzeilen, die mit ihrem ordinären Flunkern Zeile für Zeile eine jeweils neue Nuance des Begriffes anschlagen, ergeben so etwas wie ein großes Gedicht, ein Epos aus Inschriften.
Der Sinn ist oft so abstrus, daß er eigentlich nur zwischen den Zeilen liegen kann, denn nichts ist so kraftlos wie eine Schlagzeile, der man den Unterbau genommen hat. Und Gerhard Ruiss montiert die Sätze alle einzeln ab, ehe er aus ihnen etwas Neues zusammenmontiert.
Untereinander gereiht wirken die Sätze schaurig monströs, der Vergleich mit einem verstörten Insektenattentäter drängt sich auf, der die ausgerissenen Gliedmaßen einer Insektensammlung einzeln untereinander legt, in einem völlig neuen Kontext.

Dabei hat alles so harmlos begonnen. Anfang 1997 wurde die österreichische Kulturverwaltung organisatorisch herabgestuft, aber semantisch aufgewertet zur Chefsache. Gerhard Ruiss hat daraufhin als Beobachter der politischen Szene und im „dienstlichen“ Interesse als Vertreter der IG Autorinnen und Autoren mit dem Sammeln von Chef-Sätzen begonnen.
Davon handelt die zweite Ebene dieser Textsammlung, wie nämlich politische Leermeldungen ständig neu ausgeworfen werden müssen, um durch das permanente Nachjustieren von angeblichem Sinn die Chef-Sätze am Leben und in der Presse zu halten. Das Chefbuch ist eine wunderbare Materialiensammlung zum Wortdesign in der österreichischen Politik.

Die dritte Bedeutungsebene liegt im Sinne eines Sachbuches in der Anleitung zum Selbermachen und Glücklichsein. Wie sollte ein Chefbuch beschaffen sein, damit es seinem Benützer bei der Bewältigung von Defiziten im Bereich Chef, in der Kommunikation mit ausgewiesenen Chefs und in der Installation von Möchtegern-Chefs helfen kann? In diesem angewandten Teil des Chefbuches werden Regeln zum Verfassen von Chef-Texten angegeben, es gibt genau definierte Verfahrensweisen, wie man die Chefsache gliedern und montieren sollte, und schließlich eine sogenannte offene Liste, in der alle Begriffe, die konnotativ zum Chef gehören, aufgelistet sind. „Ausnahmeerscheinung“, „Bundesbruder“ oder „Champion“ sind nur drei Begriffe aus dem großen ABC der Chefsache.

Wie einst in Oswald Wieners grandiosem Roman über „Die Verbesserung von Mitteleuropa“ wird hier die Literatur zuerst irritierend, dann unterhaltend und schließlich nützlich wirksam. – Kein Wunder, daß mancherorts die Literatur zur Chefsache erklärt wird.

Weil der Chef bin ich. Sparausgabe.
Chefbeweise 1997 – 2001.
Wien: edition selene, 2001.
222 S.; geb.
ISBN 3-85266-161-7.

Rezension vom 07.02.2002

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Informiert
bleiben

Sie können 3 Newsletter abonnieren:

  • Literaturhaus Wien News
  • Literaturhaus Wien Veranstaltungsprogramm
  • Österreichische Exilbibliothek News

Bitte schicken Sie uns eine entsprechende Nachricht mit dem Betreff „Newsletter bestellen“. Für Abbestellungen bitte im Betreff „Newsletter abbestellen“ schreiben.