#Prosa

Das Apfelhaus

Christoph Wagner

// Rezension von Emily Walton

Wer schreibt, muss die Welt spüren. Muss beschreiben, wie sie aussieht, riecht, schmeckt. Nicht verwunderlich ist es daher, dass Restaurantkritiker Christoph Wagner sich ans Schreiben gewagt hat. Nach diversen Kriminalromanen – darunter Gefüllte Siebenschläfer (2007) oder Schattenbach (2009) – ist nun ein letztes Buch des 2010 verstorbenen Autors und Feinschmeckers erschienen.

Schön ist das Buch, so viel fällt zunächst auf: Wasserpanorama, in der Ferne ein paar Segelschiffe. Irritierend ist da der Titel Das Apfelhaus, der zunächst einen Widerspruch, dann auch Neugierde erzeugt: auf die acht Geschichten, die im Untertitel als Mario Carozzis mysteriöse Erlebnisse im Innern Europas zusammengefasst werden.

Das Innere Europas – das ist für Wagner die weitere Umgebung von Triest. Schauplätze der Geschichten sind etwa die kroatische Insel Balaor, Ljubljana, Bled, das slowenische Karstgebirge. Aber auch Tragöß in der Steiermark kommt vor, die Liebe zum Traunsee wird erwähnt.

Die Hauptfigur dieses Krimi-Erzählbands ist der Amateurdetektiv Mario Carozzi, eine Figur, die Leser schon aus anderen Wagner-Werken kennen können. Carozzi ist ein Archäologe, der mit der Hoteldirektrice Valeria liiert ist, die für den gemeinsamen Unterhalt sorgt. Denn: Carozzi ist meist arbeitslos und hat somit Zeit für Abenteuer und Gelegenheitsjobs – als Museumskurator oder Reisejournalist ist er in seinen Geschichten unterwegs. Carozzi ist ein liebenswürdiger, manchmal allzu gutmütiger Held, der – wie sollte es anders sein – einen feinen Gaumen hat. Keine Geschichte kommt ohne die Erwähnung von kulinarischen Köstlichkeiten aus. Serviert werden etwa Jota, die dicke slowenische Suppe mit Sauerkraut und Speck, getrüffelte Gnocchi, Fohlensteaks und säuerlicher, lokaler Rotwein.

Die Schwerpunkte der Texte sind dabei völlig unterschiedlich. Manche haben Krimi-Charakter, manche sind rätselhaft bis absurd, vielleicht ein wenig mystisch. Passagenweise erinnern sie an moderne Märchen. Da gibt es etwa den alten Professor und Weinkenner, Tribuson, der in einem Keller haust. Oder ein Männlein mit Wurzelknollen-Nase, das dem Protagonisten am Seeufer auflauert.

Wagner hat die Ich-Perspektive gewählt, die zu Beginn irritiert. Die Sprache ist für diese Perspektive zu detailreich und beschreibend, sodass sie besser zu einem auktorialen Erzähler passen würde. Das führt auch dazu, dass die Figur nicht durchgehend dreidimensional wirkt. Carozzi erzählt seine Geschichten, er (er)lebt sie nicht. Dafür ist Wagners Sprache deutlich weniger flapsig als in anderen österreichischen Krimis. Das Apfelhaus – titelgebend ist die erste Erzählung, die in Ljubljana spielt – hat Lokalkolorit, erzeugt Atmosphäre und beinhaltet zahlreiche volkskundliche Anekdoten über die Schauplätze und die jeweilige Landesküche: Ein altes Rezept für „Geduenstete Aenten mit kleinen Zwiebeln“ wird angeführt und der Leser erfährt von der Sitte, Karpfen mit Gänsemist zu mästen. (Diese Weisheit dürfte Wagner besonders interessiert haben – sie kommt in mehreren Geschichten vor.)

Stellenweise ist Wagner ausschweifend. Auch sind viele der Sätze mit Adjektiven überladen. Das fällt zu Beginn auf, stört später weniger. Es wäre zu schade, sich von solchen Kleinigkeiten ablenken zu lassen.

Das Apfelhaus. Mario Carozzis mysteriöse Erlebnisse im Innern Europas.
Krimi-Erzählband.
Innsbruck, Wien: Haymon Verlag, 2011.
140 Seiten, gebunden.
ISBN 978-3-85218-688-7.

Verlagsseite mit Informationen über Buch und Autor

Rezension vom 05.07.2011

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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