#Sachbuch

DADADAGEBUCH

Kurt Bracharz

// Rezension von Petra Nachbaur

Am 28.8.2005 wendet sich der Künstler Paul Renner an seinen V-Mann, den Schriftsteller Kurt Bracharz: Per Email übermittelt er ihm die Bitte, Bracharz möge ihm „möglichst viele“ Begebenheiten der letzten 120 Jahre in komprimierter Form zusammenstellen.
Drei Tage später listet Kurt Bracharz in seiner Antwort 23 Geschehnisse der Jahre 1886 bis 1998 auf; einer der Vorschläge lautet:
„Am 14. Juli 1916 heißt es im ersten dadaistischen Manifest: Dada ist die beste Lilienmilchseife der Welt.“ (Nachzulesen ist das in „Caro Curtzio! Mon cher Popaul!“, unartproduktion 2010.)

Es bleibt nicht bei dieser einen ersten Zusammenschau: Im 2006 zum ersten Mal veröffentlichten Text „Ereignisse“ greift Kurt Bracharz seine Kompilation auf und gleitet in 43 Stationen von 1885 bis 2007 [!]. Diesmal gehen Vor- und Einfälle ineinander über. Für Dada ist in dieser Partie kein Platz mehr vorgesehen – das Jahr 1916 widmet der freie Chronist dem Auftakt zu Henry Dargers schlussendlich „19.000 Seiten“ umfassendem Außenseiterkunstwerk. 1961 ist vertreten durch Piero Manzonis „Künstlerscheiße“. Und an diese erinnert jenes Zitat, das Bracharz in sein „Dadadagebuch“ einmontiert: Auf einem überarbeiteten Schweizer Werbesujet für Zigaretten steht „WHY CUNTS / SELL SHIT / TO FOOLS“. (Ursprünglich formuliert durch Damien Hirst.)

Bracharz‘ Beitrag zum runden Dada-Jubiläumsjahr 2016 besteht nämlich nicht nur aus locker kalendarischem Fließtext, sondern ist zudem bestückt mit ausgeschnittenem, gerissenem sowie selbst fabriziertem oder verfremdend vervielfachtem Buchstaben- und Bildmaterial. Die am zugänglichsten gestaltete Doppelseite zeigt einen Ausschnitt einer Scrabble-Partie: Außen vor befinden sich die schwer vermittelbaren Lettern, während sich auf dem Spielbrett diverse „D“ und „A“, jeweils nur einen Gutpunkt einbringend, zusammentun und nicht einmal die Felder mit dem doppelten oder dreifachen Buchstaben-, geschweige denn „Wort Wert“ besetzen. Die Illustration korrespondiert mit Bracharz‘ Bericht von den Preisen für Dadaica und Pseudo-Dadaica am Kunst- und Antiquariatsmarkt.

In seiner Wahrnehmung der aktuellen Dada-„Feierlichkeiten“ richtet der Autor, der seinerseits eigene Collagen veröffentlichte und sein Werken dabei auch mithilfe der Berliner Dada-Ausprägung kontextualisierte („The Map“, 2013), das Augenmerk naheliegender Weise auf Zürich: Veranstaltungen und Publikationen werden in kurzen Spots angespielt, die Protagonisten der Ur-Dada-Szene sind dabei. Ein Fitzelchen aus Hugo Balls „Karawane“ kommt auf derselben Seite zu stehen wie eine alemannische Entgegnung auf den leitmotivischen Doppelsilber: „NA / DÖT DÖT“. Mit Balls „Flametti oder Vom Dandysmus der Armen“ als dreieinhalbstündige Lesung ergänzt Kurt Bracharz seine als „nicht repräsentativ“ charakterisierte Dada-CD-Sammlung und berichtet vom keineswegs vitalisierenden Hörerlebnis. Den Tod des US-Musikers Alan Vega nimmt er Ende Juli herein und thematisiert zu diesem Anlass die Verbindung von Punk und Dada in der Rezeption der einen wie der anderen Bewegung.

Am 1. April heißt es: „Es war wohl doch keine so gute Idee, dieses Dadadagebuch. Als ich es Gaul vorschlug,“ – „Gaul“ ist der landläufige Übername für Ulrich Gabriel, Musiker, Autor, Verleger der „Unartproduktion“ und dort Herausgeber sowie auch Beiträger der „Schundheft“-Reihe – „Als ich es Gaul vorschlug, dachte ich, es werde ein Jahr voll interessanter Ausstellungen und Ereignisse werden und Dada hätte mich immer schon stimuliert, so dass es kein Problem geben würde, eine so kleine Publikation darüber zu machen, aber mittlerweile ist mir klar geworden, wie sehr man dem ganzen Zeug anmerkt, dass es der Schnee von vor hundert Jahren ist, den man nur Karl-Valentin-mäßig in einer leeren Badewanne zeigen kann.“ Im folgenden Lemma („8. April“) bleibt die Seite weiß, der vorangestellten Aufforderung folgend: „Mach mal Pause, / Dadaco La“.

Von Überdruss und Unlust ist dem Autor nichts anzumerken. Freilich, das Heftchen ist ein Leichtgewicht im Vergleich zu Bracharz‘ ausführlichen diaristischen Buchveröffentlichungen wie den frühen gastrosophischen Bänden, seinem Mitschreiben „In einem Jahr vor meinem Tod“ von 1.1. bis 31.12.2000 oder dem Lektüre(tage)buch „Für reife Leser“. Gerade diese Leichtigkeit aber macht den Reiz der „Schundheft“-Reihe aus, zu der Kurt Bracharz bereits 2015 mit „Beugt Euch!“ (Schundheft 8) beigetragen hat und die heuer noch durch Christian Futscher bereichert werden soll.
Wie der Herausgeber selbst, der – in Heftform seit 2013 – als Baron von Zanzenberg in Wort und Bild agiert, nutzt auch Bracharz die handliche Serie mit ihrem programmatischen Bekenntnis zum A-Seriösen für eine Mischung aus Verspieltheit und Sarkasmus, Witz und Wissen, Kritik und kreativem Kommentar. Seinem so willkürlichen wie fundierten Blick auf die Welt verdanken sich erstaunliche Facetten.

Es ist nur konsequent, dass es sich bei der zwölften Ausgabe „Schundheft“ eher um lose Notizen handelt als um ein systematisches Tagebuch. Nichtsdestoweniger sind Kurt Bracharz‘ Aufzeichnungen beginnend mit „1. Jänner“ datiert und halten die Fiktion des Authentischen auch dadurch aufrecht, dass sie mit „30. September“ enden, sodass diese Publikation nicht über ihre Drucklegung hinaus schaut. In einem Mini-Anhang werden neun Statements überliefert, das früheste von 1918, das jüngste von 1958, ohne Quellenangaben, aber mit Kennzeichnung von Auslassungen.

Die Auslassung ist Prinzip in diesem luftigen Querlesen der ersten drei Quartale des Erscheinungsjahres unter dem Motto Dada. Manchmal offenherzig, manchmal süffisant, manchmal insiderisch, manchmal informativ gibt sich dieser bewusst brüchige Leitfaden, der sich sowohl dem 100-Jahres-Hype verweigert als auch der Idee des Kompendiums. Gerade dadurch wird Kurt Bracharz dem Geist und allen guten Geistern des Dada vermutlich so etwas wie gerecht.

Kurt Bracharz DADADAGEBUCH
Schundheft 12.
Dornbirn: unartproduktion, 2016.
62 S.; brosch.
ISBN 978-3-902989-12-3.

Rezension vom 16.11.2016

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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