#Roman

Crashtest Dummies

Mercedes Spannagel

// Rezension von Jana Volkmann

In Mercedes Spannagels zweitem Roman Crashtest Dummies wird die moribunde Autoindustrie zum Schauplatz eines Kampfs um Geschlechtergerechtigkeit – ein Kampf, der mit fairen Mitteln kaum zu gewinnen scheint.

Eine Person arbeitet in der Automobilindustrie. Welches Bild haben Sie vor Augen? Einen Mann im Overall, der an einer von der Decke hängenden Karosserie schraubt? Einen Autohändler? Jemanden mit Motoröl im Gesicht oder vielleicht eine ganze Reihe identischer Jemande an einem Fließband? In Mercedes Spannagels zweitem Roman Crashtest Dummies arbeiten die Figuren alle in der Autoindustrie, allerdings weit höher auf der Karriereleiter.

Cleo beispielsweise ist Ingenieurin. Dass sie, die Hauptfigur des Romans, ihren Platz in der betriebsinternen Hackordnung permanent verteidigen muss, scheint in diesem Setting außer Frage zu stehen – nicht nur hat sie zahlreiche Konkurrenten, obendrein sind diese auch fast ausschließlich männlich. Als Cleo jedoch ein verheißungsvolles Jobangebot erhält, konkretisieren und konzentrieren sich die Machtkämpfe. Und sie werden persönlich – denn anders als bei einem kontrollierten Crashtest im Labor kollidieren hier echte Menschen, auch wenn gerade die Männer oft robotisch wirken, mit ihren vorhersehbaren und doch enervierenden Sprüchen stets am Rande politischer Korrektheit und ihren Alltagsproblemen. Kein Wunder, dass Cleo permanent Fluchtimpulse unterdrücken muss.

Einstempeln. Beim Blick in die Spiegelfront der Aufzugskabine empfinde ich Scham. Mein Gesicht sieht eindeutig nach zu we-nigen Stunden gutem Schlaf und nach ein paar zu vielen abartigen Traumsequenzen aus, die das Gehirn zum Glück wieder aus dem Bewusstsein gelöscht hat. Die Spuren der Verstörung bleiben. Ich würde gerne sofort desertieren.

Die Innensicht auf eine Industrie, die wie kaum eine andere durch eine ideologisch gefärbte Brille wahrgenommen wird (Klima, Arbeitsplätze, Tempolimits, Arbeitsmigration, Export), gelingt Mercedes Spannagel absolut glaubhaft.

Dass die heuer mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis ausgezeichnete Schriftstellerin Maschinenbau studiert hat, mag zum Eindruck von Authentizität und Insiderinnenwissen beitragen. Zugleich lässt sich Cleos Erfahrung als Frau in einer sogenannten Männerdomäne – sprich an einem Ort, an dem das Patriarchat (noch) kaum für seine Dominanz zu rechtfertigen hat – auf andere Lebenswelten übertragen, ohne dass der Roman sein hochspezifisches Setting auf dem Altar des Universalismus opfern würde. Cleo mag den männlichen Kollegen in mancher Hinsicht ebenbürtig, in mancher auch überlegen sein. Aber sie ist in der hier gezeigten Arbeitswelt die einzige, die immer und immer wieder in die Wirklichkeit ihres (weiblichen) Körpers zurückgeholt wird, egal, worum die Gespräche mit den Kollegen gerade kreisen.

In den letzten Jahren gab es unter Autor:innen immer wieder Debatten um Lohnarbeit: etwa darüber, wie „Brotjobs“ die Produktionsbedingungen von Literatur und damit in weiterer Folge die Literatur selbst unverhältnismäßig stark bestimmen. Oder auch, ob und wie die Klassenzugehörigkeit von Autor:innen die Ästhetiken literarischer Texte der Gegenwart beeinflusst – man erinnere sich an die 2014 unter dem Slogan „Lasst mich durch, ich bin Arztsohn“ (nach einem Kommentar von Florian Kessler in der Zeit) geführte Debatte um die Demografie an Schreibschulen. Oder, in jüngerer Zeit, an die von Christoph Wenzel, Iuditha Balint, Julia Dathe, Kathrin Schadt herausgegebene Anthologie Brotjobs & Literatur.

Bislang wurde in diesen Debatten wenig auf die Sprache selbst eingegangen, etwa auf in bestimmten Arbeitswelten gebräuchlichen Jargons, die in die Alltags- und schließlich die Literatursprache hineinlavieren. In Crashtest Dummies wird permanent geredet; es gibt wenige Romane, die sich derart kompromisslos auf den Dialog verlassen. Das trägt keinen geringen Anteil daran, dass der Text szenisch gelesen werden will, man sieht die Episoden vor sich wie bei einer Serie. Strukturiert ist der Roman nicht etwa in Kapitel oder Folgen, sondern in Kalenderwochen, kurz KW. Glücklich, wer nicht wissen muss, in welcher man sich grad befindet.

Aus Cleo locken diese Strukturen nichts Gutes hervor. Immer weiter eskaliert der Konkurrenzkampf mit ihrem Kollegen Martin, immer neue Grenzen werden von ihr überschritten. „Vielleicht muss ich keine Angst haben, weil ich das Problem bin“, denkt sie. Dabei scheint es um etwas Grundsätzliches zu gehen – um mehr jedenfalls als das eine Prestigeprojekt, um das die beiden wetteifern. Sogar um mehr als um die Zukunft ihrer Branche „in this economy“: Sind das nun Todeskrämpfe einer unzeitgemäßen Industrie, oder schafft das Automobil die Wiederauferstehung? Der Roman interessiert sich mehr dafür, was jenen Menschen widerfährt, die zwischen Ausbeutung und Selbstausbeutung zu unterscheiden verlernt haben und deren Identität von ihrem Beruf bestimmt wird. Das klingt nicht von ungefähr nach Postmoderne- und Spätkapitalismuskritik. Diese ist hier weit weniger zugespitzt als etwa in Kathrin Rögglas Arbeitsweltsatire wir schlafen nicht, aber die Botschaft ist klar und der Tonfall deutlich.

 

Jana Volkmann, geb. 1983 in Kassel, lebt seit 2012 in Wien. Als Autorin schreibt sie Prosa und Lyrik. Veröffentlichte zuletzt die Romane Auwald  (Verbrecher Verlag, 2020) und Der beste Tag seit langem (Residenz, 2024) sowie den Lyrikband Investitionsruinen (Limbus Verlag, 2021, Zeichnungen von Jörn Peter Budesheim). Für Auwald wurde ihr der Förderpreis der Bremer Literaturpreises 2021 zugesprochen. 2022 wurde Jana Volkmann mit dem Reinhard-Priessnitz-Preis ausgezeichnet.
Als Journalistin schreibt sie Essays und Rezensionen zum Beispiel für das Tagebuch und der Freitag. In ihrer Dissertation schrieb sie über Hotels in der jüngeren Literatur: als Schauplätze heimlicher Affairen, konspirativer Zusammenkünfte, prekärer Arbeit – oder als letzte Ruhestätten. Homepage von Jana Volkmann

Mercedes Spannagel Crashtest Dummies
Roman.
München: Blessing, 2026.
398 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag.
ISBN 978-3-89667-783-9.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

Homepage von Mercedes Spannagel

Rezension vom 29.10.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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