#Lyrik

Covids Metamorphosen.

Maë Schwinghammer

// Rezension von Holger Englerth

Dass der Band den Titel Covids Metamorphosen trägt, ist ein erster Hinweis auf die Transparenz und das Bemühen um Nachvollziehbarkeit, die Schwinghammers Arbeit auszeichnen: Es ist eine rückhaltlose Lektüre von Ovids „Metamorphosen“ in Zeiten des Umbruchs und der Verletzlichkeit, des Verlustes von Sicherheiten und – das muss da schon nicht mehr extra betont werden – des Wandels. Dennoch ist es eine achtungsvolle Annäherung an das Werk des antiken Dichters, die sich mit der Zeit auch durch Gesten des Widerspruchs und der Verstörung erweitert, bis sie zur Suche nach den Alternativen in Ton, Form und Position gelangt.

Die Transparenz von Schwinghammers Text ist schon dadurch gesichert, dass am Ende jedes Abschnittes, dem meist eine Seite zugeeignet ist, die Versziffern des Originals und die Namen der handelnden Personen nachgefügt sind („159-240: medea“), wodurch der Rückbezug eben nicht zur intertextuellen Fleißübung oder Rätselaufgabe wird, sondern sich das Spiel zwischen Ovids Text und Schwinghammers kommentierender Poetik ohne weiteres Hindernis entfalten kann. Dies erzeugt in einem keineswegs anspruchslosen Text oftmals ein Glück des Verstehens, das von anderen Werken, die sich hinter einer manchmal bemühten Hermetik verschanzen, nicht so einfach zu bekommen ist.

Covids Metamorphosen führt auch im Formalen eine Absetzbewegung aus: Während in den ersten Kapiteln der Hexameter als Formvorlage übernommen und damit noch bestätigt wird – selbst wenn sich im Inhaltlichen bereits Unbehagen regt –, findet Schwinghammer schließlich auch in der Form zum Widerspruch und stellt dem klassischen Reimschema fragende, freie und losgelöste Textanordnungen entgegen, greift zum radikaleren Mittel der Streichung oder reduziert das Aussprechen soweit, dass es fast ins Schweigen übergeht. Es endet mit einer Liste, die allerdings wenig mit der sonst zu erwartenden Sachlichkeit und Übersichtlichkeit zu tun hat. Diese Liste reduziert Komplexität nicht, sondern ist eine Art Erinnerungsmonument für die Erfahrungen, die der Blick Schwinghammers auf die Figuren Ovids den Leser*innen ermöglicht hat: „Ich möchte dir namen nennen.“ (S. 100)

Denn die „Metamorphosen“ sind für Schwinghammer nicht nur mit der Hoffnung auf den Wandel verbunden, der Instabilität des menschlichen Seins in den Kategorien Macht, Geschlecht und Identität, sondern auch Anlass für Empörung über die Ungerechtigkeiten, die Grausamkeiten und das Leiden, die die mythologische Welt von Ovid durchziehen. Die Wahllosigkeit und Rücksichtslosigkeit, die die Götter, Halbgötter und Herrscher in ihren teils so furchtbaren Taten walten lassen, werden von Schwinghammer nicht einfach hingenommen, sondern benannt und betrauert. Dazu mischt sich auch ein Element der Enttäuschung über Ovids große Erzählung, die von erstaunlicher Mitleidlosigkeit gegenüber den Opfern, die in den meisten Fällen Frauen sind, sein kann.

Und dann gibt es die Momente, in denen das Versprechen des Wandels tatsächlich eingelöst wird, sodass Schwinghammer mit einer Begeisterung reagiert, die sich ohne Weiteres auf die Leser*innen überträgt: „Die zahl meiner gestalten ist unbegrenzt, ich mache mich auf, als schlange, / als stier und stute, als käfer wie elster, und ich könnte mehr noch auflisten, allein / ich will nicht vorausdenken, welche verwandlungen mir noch bevorstehen. / Erst seufze ich, dann jauchze ich vor freude.“ (S. 56)

Lyrik.
Wien: Klever Verlag, 2022.
104 S.; geb.
ISBN 978-3-903110-82-3.

Rezension vom 17.05.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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