#Prosa

brütt

Friederike Mayröcker

// Rezension von Ivette Löcker

oder Die seufzenden Gärten.

Die Dichterin inmitten von Stapeln Papier: Bücher, Zeitschriften, Zeitungsausschnitte, Notizen sind sorgsam geschichtet in ihrer kleinen Wiener Wohnung. Eine Kulisse, vor die Friederike Mayröcker gern plaziert wird. Die Ich-Figur des neuen Werks der Autorin ähnelt dem Bild der (welt-)scheuen Künstlerin – mit Absicht, ist zu vermuten. Das Spiel mit dem Autobiographischen nimmt seinen Anfang, Friederike Mayröcker schreibt ihr Projekt – die Verschmelzung von Kunst und Leben – weiter.

Am Anfang steht die Verunsicherung im Alltag. Körperliche Alterserscheinungen lösen Irritationen aus. Das Ich sieht schlechter als früher, es ist nicht mehr so geschickt und reagiert langsamer – wie mit den Veränderungen umgehen? Das Altern und die Vergänglichkeit sind bestimmende Themen von brütt oder Die seufzenden Gärten. Die Liebe wird so zur „letzten Liebe“ und Joseph, das imaginierte Gegenüber, zur letzten Zuflucht für die Gefühle des Ich stilisiert. Die Ich-Erzählerin, Autorin wie ihre Schöpferin, reiht Tagebuchausschnitte, Erinnerungen, Briefzitate, Reflexionen über Philosophie, Kunst, Literatur aneinander, und der Text schreitet voran. Die ecriture automatique der Surrealisten beeinflußt den Rhythmus des Textes, der Zufall im Kleid hoher Assoziationskunst strukturiert ihn. Mayröcker schiebt eine poetologische Metaebene ein, wenn sie die Ich-Figur über das Schreiben und dessen Vorbedingungen nachdenken läßt.

Der Text basiert vor allem auf dialogischem Schreiben. Der Adressat ist meist Joseph, und die Beziehung zwischen ihm und dem Ich bestimmt den Text. Er spiegelt die Liebesbekenntnisse des Ich wider, den Rückzug Josephs, die Versuche der Wiederannäherung und des Verstehens. Blum oder Elisabeth von Samsonow sind dankbare Zuhörer-Figuren, wenn das Ich seinen Kosmos an Reflexionen enffaltet.

Wenn schon ein Etikett für den Text gefunden werden soll, dann: experimentelle Poesie. Die Sprachexperimente der 50er und 60er Jahre der Wiener Gruppe finden im Schreiben Friederike Mayröckers ihre individuelle Weiterbearbeitung. Die Autorin koppelt ihre sprachlichen Experimente immer an die Lust am Schreiben. Der Vorgang ist ein sinnlicher – „denn wir schreiben ja mit der Haut, mit den Haaren, mit den Augen, den Zähnen, dem Geruchs- und Geschmacksinn, gleicherweise mit der Pupille, der Muschel des Ohres, der Beweglichkeit des Blutes, dem Wasser Sog usw., siehe Giordano Bruno“ (S. 288). Die Lust am Experiment öffnet neue Sinnzusammenhänge und lenkt das Denken in verschiedene Richtungen. Tollkühnheit, Raserei, Leidenschaft sind für Mayröcker unabdingbar fürs Schreiben. Die Dichterin hat ein berauschendes Werk geschaffen, „so daß der Leser, ohne daß er es will, aufschreien muß, von Sinnen kommt, dem Irrsinn verfällt, usw.“

Friederike Mayröcker brütt
Tagebuchausschnitte, Briefzitate, Reflexionen.
Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1998.
351 S.; geb.
ISBN 3-518-40994-8.

Rezension vom 09.03.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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