#Roman

Bogners Abgang.

Hans Platzgumer

// Rezension von Erkan Osmanovic

Schuld, nur ein Gefühl?

Es ist 23 Uhr 15. Schwarze Striche auf weißem Papier: Kritzeleien. Nein, Gipfel und Berge sind zu erkennen. Die Zimmertür abgeklebt. Kälte. Dunkelheit. Kälte. Dunkelheit. Andreas Bogner erstickt. Ist das Sterben? Er liegt auf dem Boden. Für seine Kunst ist er hierhin gefahren. In Genua ist er kein Innsbrucker Künstler, kein Erbe eines reichen Autohändlers, kein Ehemann – nur ein Niemand.
Für sein Kunstprojekt Im Dazwischen hat sich Bogner im Juli 2017 samt 24 Kilogramm Trockeneis in einem Hotelzimmer verbarrikadiert. Ein Kohlestift und Büttenpapier liegen bereit. Das vom Trockeneis freigesetzte Kohlendioxid soll Bogner zum Grenzgänger zwischen Leben und Tod machen und in einem Bilderzyklus verewigt werden. Der Tod nähert sich, aber die Inspiration bleibt fern: Bogner bricht sein Projekt ab. Zurück in Innsbruck erfährt niemand davon, weder seine Frau Astrid noch sein Therapeut.

Schuld und Sühne

Ein Mann wurde nachts auf den Straßen Innsbrucks schwer verletzt und stirbt im Krankenhaus. Von der Täterin oder dem Täter keine Spur. So scheint es zumindest. Doch der Schein trügt. Und so nimmt uns Hans Platzgumer in seinem neuesten Roman Bogners Abgang mit auf die Suche nach Schuld und Sühne.

April 2018. Nicola Pammer ist aus Innsbruck nach Bregenz gefahren. Wie gewöhnlich will die Studentin ihrer Mutter vom Tiroler Studentenleben berichten. Doch statt von ihrem Leben in Innsbruck zu schwärmen, offenbart sie sich ihrer Mutter. Von einem Schock und Fahrerflucht ist die Rede – und einer Polizeifahndung:

Hat sie den Mann tatsächlich mit ihrem Wagen erwischt? War sie nicht ausgewichen? Hatte er sich nicht vor das Auto geworfen?

Aufrüstung

Faustkeil, Pistolen oder Atombomben. All das hat Bogner in einer Serie von Tuschzeichnungen verewigt. Es ist sein Blick auf den Menschen und was eine Waffe mit ihm macht. Welche Macht und Möglichkeit sie ihm gibt. Allein das Wissen, dass man jemanden verletzen oder töten könnte, reiche aus, um die Anziehung von Waffen zu erklären.
Bogner zeichnet die Waffe von Astrids Vater, der Jäger ist, und sie Bogner nur mit Unwillen übergibt. Allerdings ohne dessen Wunsch nachzukommen, sie mit echter Munition zu laden – stattdessen sind Platzpatronen in der Waffe.

Bogner muss nicht arbeiten. Das weiß leider auch der Kritiker Kurt Niederer, der in einer Radiosendung zur österreichischen Kunstszene neben vielem anderem zu Bogner festhält:

Andreas M. Bogner ist einer jener elitären, in die Jahre gekommenen Rich Kid Artists, die im Grunde keinen Strich tun müssten und dennoch jene Striche, die sie mehr aus Langeweile denn Überzeugung zu Papier bringen, in berufsjugendlicher Selbstüberschätzung als Beitrag zum politischen Diskurs empfinden. Anstatt Themen zu setzen, hecheln sie dem Weltgeschehen hinterher. Heraus kommen technisch saubere, aber zahnlose, bedeutungsschwangere Werke. Es ist nichts als die Zurschaustellung der eigenen Oberflächlichkeit.

Bogner greift zur Waffe. Sein Ziel? Niederer. Wenig später ist der Kunstkritiker tot. War es ein Unfall? War es ein Mord? Wer trägt die Schuld? Ist es Pammer, die mit Alkohol im Blut gefahren ist? Oder Bogner, der sich mit der Walther PPK seines Schwiegervaters für Niederers Worte rächen wollte?

Die Sprache Platzgumers entwickelt von der ersten Seite an einen solchen Sog, dass man sich kaum noch von ihr lösen kann. Bogners Abgang irritiert, reißt mit und fesselt uns. Satz um Satz, Seite um Seite: ein großartiger und spannender Roman.

Roman.
Wien: Zsolnay Verlag, 2021.
144 S.; geb.
ISBN 978-3-552-07204-6.

Rezension vom 08.01.2021

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Informiert
bleiben

Sie können 3 Newsletter abonnieren:

  • Literaturhaus Wien News
  • Literaturhaus Wien Veranstaltungsprogramm
  • Österreichische Exilbibliothek News

Bitte schicken Sie uns eine entsprechende Nachricht mit dem Betreff „Newsletter bestellen“. Für Abbestellungen bitte im Betreff „Newsletter abbestellen“ schreiben.