#Lyrik

blättersitten

Friederike Mayröcker, Manfred Gruber

// Rezension von Helmuth Schönauer

Um ein Gespräch über ein handsigniertes Buch aufzunehmen, lautet die entscheidende, trockene Frage immer: Welche Nummer hat es? – Meines hat die Nummer 224 und liegt bei fünfhundert Exemplaren fast ideal in der Mitte.
Der Foto-Text-Band des Oberösterreichischen Fotokünstlers Manfred Gruber und der Wiener Schriftstellerin Friederike Mayröcker verströmt Kargheit und Konzentration. Bereits der Umschlag, schwarz-weiß straff gestaltet wie ehemals der berühmte Thomas-Bernhard-Roman „Korrektur“ verweist auf Strenge und Aufmerksamkeit, die vom Leser abverlangt werden.

Manfred Grubers Bilder von Bäumen, Sträuchern, Blättern und Schnee sind Reduktionen vom Mannigfaltigen. Oft ist der Konstrast zwischen Wasser und Baumstrunk so scharf, daß das betrachtende Auge zusammenzuckt, dann wieder lösen sich Blätter in Schnee auf oder umgekehrt. Die Naturbilder verführen wie von selbst zu Meditationen, und auch jemand, der schnell weiterblättert, muß mit den ungebremsten Wirkungen der Nachbilder rechnen.
Zu diesen Naturbildern hat Friederike Mayröcker poetische Antworten formuliert, die manchmal wie eine Bildunterschrift, dann wieder wie ein ausgeträumter Gegenentwurf oder ein losgelöster Gedankenteil die Bilder vervollständigen. Text und Bild sind so aufeinander angewiesen, daß sich letztlich nicht mehr feststellen läßt, wer wen ergänzt.

blättersitten sind einmal als Blätter des Geschriebenen zu verstehen, man denke an die „magischen Blätter“, einem wichtigen Werk Friederike Mayröckers, andererseits sind die Blätter aus der Natur angesprochen, die dem luftigen Gebilde aus Text und Bild den homogenen Zusammenhalt verleihen. Der Text „(2)“ etwa ist nicht nur zwischen zwei Bilder mit Schnee gestellt, der sechszeilige Kurztext versammelt so viel mit Absicht gesetzte Leere um sich, daß die einzelnen Wörter sich quasi als Fährten und Schneespuren lesen lassen. Die Autorin bricht diesen visuellen Raum auf, indem sie die sakrale Erlebniswelt des Sakramentes hinzufügt, „[…] den Forst betretend, riecht es nach Sakrament“.
Die im Alltag häufig gebrauchte Fügung „angezuckert“ für leichte Schneebrösel in der Landschaft verdichtet sich bei Friederike Mayröcker zum unterstrichenen Schlüsselbegriff „Nerven Zucker“, der Begriff wird feinnervig und geht gleichzeitig auf die Nerven.

Obwohl es sich rein äußerlich bloß um vierzehn Bilder und Kurztexte handelt, ist man als meditierender Leser tagelang mit dem Auflösen der Rätsel beschäftigt, und je länger man an der Lesearbeit sitzt, umso umfangreicher wird das Werk.
„blättersitzen“ ist eine dritte Kategorie, die als Vektor den Kategorien Text und Bild entwächst.

Friederike Mayröcker, Manfred Gruber blättersitten
Fotos / Texte.
Innsbruck: Haymon, 1999.
60 S.; geb.
ISBN 3-85218-309-X.

Rezension vom 08.10.1999

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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