#Sachbuch

Berliner und Wiener Moderne

Peter Sprengel, Gregor Streim

// Rezension von Alfred Pfabigan

Wer da meint, das gefeierte „Wien der Jahrhundertwende“ sei allseitig – also auch im literarischen Bereich – „ausgeforscht“, wird durch diesen Band eines Besseren belehrt. In ihrer „Literaturgeschichte des Austauschs und der Vermittlung zwischen beiden Zentren“ Berlin und Wien beschreiben Sprengel und Streim Phänomene, die mit einer vergleichbaren Verbindlichkeit bisher unbehandelt waren: die wechselseitigen Wahrnehmungen und die medialen Vermittlungen der Berlin-Wien-Beziehungen, den direkten Austausch zwischen den beiden Zentren und in einem Zwischenteil die literarischen Städtebilder, in denen Autoren aus beiden Städten ihre Vision des modernen Berlin und des modernen Wien gestalteten.

Die Geschichte der publizistischen Institutionalisierung einer eigenständigen Wiener Moderne und die damit verbundene Abgrenzung von der vermeintlich vollkommen anders gearteten Berliner Moderne war ein vielschichtiges Spiel des Literaturbetriebes, eine Geschichte von Kampf, Konkurrenz und Kooperation, angetrieben von ideologischen Orientierungen wie auch von persönlichen Neigungen, Eitelkeiten und Machttrieb. Von Anfang an bestimmen einfache Stereotype das öffentliche Bild vom Unterschied des kulturellen Lebens der beiden Metropolen: hier das sachlich-funktionale-naturalistische („amerikanische“) Berlin, dort das irrational-symbolistische-impressionistische Wien. Jede Seite der Stereotype wird in unendlichen Variationen verarbeitet, die notorische Traditionslosigkeit Berlins und die Überladung Wiens mit Geschichte werden gelegentlich als Chance, gelegentlich als Defekt interpretiert. In der extremen Zuspitzung – etwa bei Arthur Moeller-Bruck – wird Wien als „weiblich“ gedeutet und als „leicht“ und „krank“. Manche dieser Antinomien, die ja auch in Österreich positiv rezipiert wurden, sind allerdings keineswegs ein originäres Produkt der Fin de siècle-Mentalität, sondern nur eine zeitgemäße Adaption von Stereotypen, die schon in der Zeit nach der Gegenreformation entstanden sind und von Friedrich Heer in seinem „Kampf um die îsterreichische Identität“ beschrieben wurden.

Hermann Bahr, dieser nicht zu überschätzende, in seinen Jugendjahren deutschnational und sozialistisch argumentierende, „Transmissionsriemen“ literarischer Moden, hat in dieser komplizierten Relation zwischen Berlin und Wien um einiges mehr interveniert, als bisher bekannt war. Bahrs großangelegter und einflußreicher Versuch einer Definition der österreichischen – nicht nur literarischen – Identität hat von vornherein die Abgrenzung zu Berlin ins Zentrum gestellt. Die damit verbundene Konzeption war allerdings von äußerster Elastizität – im berüchtigten „Kriegssegen“ heißt es etwa: „Wir haben uns wieder, nun sind wir nichts als deutsch“. Bahr ist hier kein Einzelfall, die starke Differenzierung zwischen dem „Preußischen“ und dem „österreichischen“ wird vor allem in der ersten Phase des Weltkrieges reduziert auf ein Denken der Identität bzw. der Komplementarität. Auch Stefan Zweig hat im Dezember 1914 die Begriffsbildung rund um „österreichischer Dichter“ als „künstlich und wie alles künstliche verderblich“ dargestellt. Der ehemalige „Fackel“-Mitarbeiter Robert Scheu hat gar die Gründung einer gemeinsamen deutsch-österreichischen Stadt mit dem wohlklingenden Namen „Nibelung“ oder „Treuenfels“ vorgeschlagen. Hofmannsthal allerdings, zu Kriegsbeginn ein Vetreter der Komplimentaritätsthese, gelangte im Kriegsverlauf zum Ergebnis einer Unvereinbarkeit österreichischen und preußischen Geists, deutete den Kriegsausbruch als schmerzliches Bewußtwerden eines Identitätsdefizits und vollzog eine „kulturpolitische Wende hin zum österreichischen“, einen „Versuch, im Rückbezug auf die Barockzeit eine ‚österreichische Kultur‘ zu begründen“.

Unversöhnliche Mentalitäts- und Kulturgegensätze ortete im Verlauf des Weltkrieges auch Karl Kraus. Berlin hatte er schon früh als „Symbol für die Maschinisierung des Lebens, für entfesselten Kapitalismus und technische Surrogatskultur“ gedeutet, und jetzt verstand er den Krieg – so die Autoren in einer zugespitzten Formulierung – als „Ausfluß der Berliner Mentalität“. Doch auch Kraus hat einen Zick-Zack-Kurs hinter sich. Sprengel und Streim erklären sein Frühwerk, vor allem wegen der Bewunderung für Maximilian Harden, dessen „Zukunft“ die „Fackel“ ja ein wenig imitiert, konsequent aus einer positiven Orientierung an Berlin. Mit seiner nicht nur in der „Demolirten Litteratur“ artikulierten Kritik am (Bahrschen) österreichischen „Sonderweg“ in die Moderne hätte er den paradoxen Erfolg einer Bekräftigung einer „autochthonen Identität“ gehabt und damit unwillentlich Bahr in die Hände gearbeitet. Doch schon die Distanzierung von Harden im Zuge der Eulenburg-Affaire hätte auch eine von der Berliner Moderne bedeutet. Damit war allerdings das assoziative Feld nicht ausgereizt und Kraus ging über den ihm mit Schnitzler und Hofmannsthal gemeinsamen Glauben von Berlin als einer Art „notwendigen Gegengewichts“ zu Wien hinaus und deutet zwischen 1909 und 1911 Berlin als positive Alternative. Im Gegensatz zu den anderen österreichischen Schriftstellern, die sich um eine Etablierung in Berlin bemühten, hat er sich allerdings nicht in den Literaturbetrieb eingefügt, sondern war die Bezugsperson jener, die sich von der Moderne der Jahrhundertwende abgrenzten: der Expressionisten. Die Geschichte des von Franz Pfempfert und Herwarth Walden vermittelten Versuchs des Karl Kraus, die „Fackel“ in Berlin zu verankern, ist schon oft erzählt worden. An dieser neuen Darstellung überrascht, wie viel sich Kraus – bei aller Wahrung seiner Unabhängigkeit – von Walden hat sagen und raten lassen; was das Ergebnis betrifft, meinen Sprengel /Streim, Kraus sei „in gewissem Sinne zu einem Berliner Autor“ geworden. In jedem Fall gab die enge publizistische Allianz zwischen „Fackel“ und „Sturm“ Kraus für kurze Zeit eine Hermann Bahr vergleichbare Stellung als Transmissionsriemen zwischen Berlin und Wien. Bald allerdings folgte die Ernüchterung, auch der „Sturm“ geriet bei Kraus in den Verdacht einer „journalistischen Kunstauffassung“ und nach einer Reihe von Literaturgeschichte gewordenen Zerwürfnissen mit Berliner Literaten endete diese singuläre Kooperation mit dem berühmten Satz: „Das Eindringen der Fackel in Berliner literarische Interessen ist mir peinlich.“ Für die österreichischen Expressionisten, manche von ihnen „abtrünige“ Kraus-Anhänger, blieb Berlin die Wunschmetropole. „Man muß nur wissen, was uns in Wien damals Berlin bedeutet. Eigentlich alles.“, erinnerte sich Hans Flesch-Brunningen noch 1965 an seine literarischen Anfänge, denn: „Dort druckt man alles, was neu und modern ist.“ Flesch-Brunningen war nicht der einzige Avantgardist, der nach Berlin wechselte: Schönberg, Ehrenstein, Kokoschka, Theodor Tagger (= Ferdinand Bruckner), Uriel Birnbaum und Franz Grüner folgten.

Gestützt auf persönliche Kontakte hat sich in den beiden Metropolen eine Intensität in den kulturellen Beziehungen hergestellt, ein echtes Verhältnis des Austauschs und der wechselseitigen Einflußnahme, der Konkurrenz und der bereichernden Konfrontation, das sich von der heutigen Beziehungslosigkeit zwischen Berlin und Wien deutlich abhebt. Sprengel / Streim beschreiben in ihrer beeindruckenden Studie, der trotz des sperrigen Umfangs und des entsprechenden Preises eine Verbreitung über die enge Öffentlichkeit der literaturwissenschaftlichen Seminare zu wünschen ist, den hochinteressanten Fall einer „Vernetzung“ zweier Metropolen, fast einer Vorform einer positiven „kulturellen Globalisierung“. Gerade in diesem Kontext kann der Band auch als Beitrag zum immer noch wichtigen Thema der „österreichischen Identität“ gelesen werden.

Peter Sprengel, Gregor Streim Berliner und Wiener Moderne
Vermittlungen und Abgrenzungen in Literatur, Theater, Publizistik.
Wien, Köln, Weimar: Böhlau, 1998.
(Literatur in der Geschichte. Geschichte in der Literatur. 45)
718 S.; brosch.; m. Abb.
ISBN 3-205-98766-7.

Rezension vom 29.10.1998

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Informiert
bleiben

Sie können 3 Newsletter abonnieren:

  • Literaturhaus Wien News
  • Literaturhaus Wien Veranstaltungsprogramm
  • Österreichische Exilbibliothek News

Bitte schicken Sie uns eine entsprechende Nachricht mit dem Betreff „Newsletter bestellen“. Für Abbestellungen bitte im Betreff „Newsletter abbestellen“ schreiben.