#Roman

Barrikaden

Reinhard Federmann

// Rezension von Daniela Strigl (Hrsg.)

Die Form des Briefromans ist ein bißchen aus der Mode gekommen. Zweifellos bietet sie einige Möglichkeiten für eine raffinierte Komposition, sie kann aber auch eine Art Notstromaggregat für einen Roman sein, der sonst nur schwer auf Touren käme. Eine solche eher spröde Geschichte ist Reinhard Federmanns handkolorierter historischer Stich Barrikaden, den man nun zum Gedenken an das Sturmjahr 1848 neu aufgelegt hat.

Der vor zwanzig Jahren verstorbene Autor läßt in diesem Roman den jungen Franz Hafner, Sohn eines fürstlichen Verwalters, aus dem mährischen Nikolsburg zum Studium nach Wien kommen, wo er bald von revolutionären Ideen angesteckt wird. Er gerät in die blutigen März-Unruhen, die zum Sturz Metternichs führen, schreibt Artikel für die Zeitschrift „Der Radicale“, tritt der Akademischen Legion bei und avanciert zum feder- oder besser: säbelführenden Mitglied des revolutionären Sicherheitsausschusses.
Als im Oktober des Jahres 1848 die kaiserlichen Truppen unter Windischgrätz im Verein mit dem Heer des kroatischen Banus Jellacic vor Wien stehen, findet Franz Hafner sich auf den Barrikaden wieder, wo er der Übermacht mit seinem Haufen ein verzweifeltes letztes Gefecht liefert: Der Wiener Frühling ist vorbei, die Revolution niedergeschlagen, ihre Führer werden hingerichtet, Franz gelingt die Flucht nach Nikolsburg.

Das postalische Romangeflecht ergibt sich aus vielfältigen Sozialbeziehungen: Franz‘ Schwester lebt mit dem Vater in Nikolsburg, ein Studienfreund weilt als Sohn eines reichen Kaufmanns zunächst geschäftlich in Prag und flüchtet dann aus Wien in die Steiermark. Zur Tochter dieses großbürgerlichen Hauses knüpft Franz zarte Bande, die jedoch den politisch verschärften Interessensgegensatz nicht überdauern. Ein anderer Freund stößt als eine Art Revolutionstourist zu den deutschen Gesinnungsgenossen nach Frankfurt, was dem Autor die Möglichkeit gibt, auch die Vorfälle um die Paulskirche unterzubringen. Und schließlich dient Franz‘ Bruder als k. k. Leutnant im niederungarischen Esseg (Osijek), was Raum für politische Kontroversen eröffnet: Der Soldat sieht den Herrn Studiosus zunächst als verblendeten Wirrkopf, findet sich im Laufe der Ereignisse jedoch mit einem Mal unter ungarischer Befehlsgewalt – und damit auf Seiten der Aufrührer.

Allein die Briefform erlaubt es Federmann, seinen detaillierten Bericht von den historischen Geschehnissen einigermaßen glaubwürdig in den Roman zu packen. Ein Leitmotiv ist das gar rasche Verglühen des revolutionären Feuers: Als Beispiel fungiert Dr. Alexander Bach, der radikale Anführer der Massen, der im Nu zum reaktionären Justizminister mutiert. Ein Epilog „Zwanzig Jahre später“ verrät, daß aus Franz Hafner ein respektabler Hof- und Gerichtadvokat geworden ist. Eine ausführliche Zeittafel legitimiert die „Echtheit“ der geschilderten Ereignisse; was historisch Rang und Namen hat, kommt im Buch auch vor: vom armen Kaiser Ferdinand bis zum Wien-Besucher Karl Marx (nur der von aufgebrachten Budapestern ermordete Oberbefehlshaber Graf Lamberg taucht als Lambert auf).

So gut Federmann den Briefstil der Zeit trifft – die Figuren bleiben doch papieren. Weil auch das Kalkül, alle Volksschichten und politischen Gruppierungen zu Wort kommen zu lassen, allzu deutlich merkbar ist, wird Federmanns handwerkliches Geschick zum Makel. Barrikaden empfiehlt sich am ehesten zur kurzweiligen Auffrischung der Geschichtskenntnisse. Das Buch führt nicht zuletzt anschaulich vor, wie dramatisch, brutal und blutig es vor 150 Jahren in den Straßen Wiens tatsächlich zugegangen ist.

Reinhard Federmann Barrikaden
Roman.
Wien: Picus, 1998.
199 S.; geb.
ISBN 3-85452-417-X.

Rezension vom 25.09.1998

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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