#Roman

Bad Regina.

David Schalko

// Rezension von Katia Schwingshandl

Ich könnte diese Rezension so einleiten, wie die meisten anderen Besprechungen von David Schalkos neuem Roman „Bad Regina“ beginnen. Ich könnte einen Verweis auf den Untergang Europas machen, der sich darin findet, die große Metapher. Auch auf das reale Vorbild für diesen Geisterort könnte ich verweisen, das ist nämlich unverkennbar Bad Gastein, das seit den Siebzigern seine herrlichen Prachtbauten verrotten ließ, und in dem auch im wahren Leben ein Investor viele der alten Gebäude zwar aufkaufte, aber dennoch leer stehen ließ. Spekulation heißt dieser Trick, der Investor hieß Franz Duval und war Wiener.

Doch auf die Vor- und Hintergrundgeschichte möchte ich hier gar nicht groß den Fokus legen, so dicht ist der Text, die Handlung allerhöchstens signifikante Nebenrolle. Wer hier im Scheinwerferlicht stehen sollte, und es im Roman definitiv auch tut, sind die 46 verbliebenen Dorfeinwohner*innen von Bad Regina, die letzten von gut 300, die sich (noch) weigern, ihre Häuser von einem gewissen Chinesen namens Chen aufkaufen zu lassen. Diese letzten 46 werden beständig weniger, woanders klopft der Sensenmann an die Tür, in Bad Regina ist es Chen, der schließlich bis zu Wegenstein, dem letzten Adeligen des Dorfes, vordringt. Othmar passt das gar nicht. Othmar ist ein ehemaliger Klubbesitzer, er scheint wie durch ein Wunder resistent gegenüber der Tristesse dieses heruntergekommenen Ortes zu sein, vielleicht dank seiner beneidenswerten Gabe „sich selbst zu übersehen“, wie ihn Selma beschreibt, sein Gspusi. Othmars Spitzbauch führt ein Eigenleben, immer wieder genießt er die Aussicht, während Othmar gichtbedingt durch Bad Regina humpelt und mit lächerlich wahnwitzigen Ideen versucht, dessen Ausverkauf zu stoppen.

„Wenn die Leute nach Tschernobyl fahren,
warum nicht auch nach Bad Regina!“

Moschinger ist der Unternehmer und Hotelier im Ort, er trägt angeblich Thomas Bernhards Lederhose, die er teuer ersteigert hat und schlägt einmal vor, Bad Regina als Themenpark wiederzubeleben. Zu sehen gäbe es für die Touristen ihm zufolge jede Menge, einmal erklärt er: „Sowohl die Unterwürfigkeit als auch die Bösartigkeit wurden in Österreich zu Sehenswürdigkeiten erklärt. Wenn man dem Österreicher beides nimmt, nimmt man ihm seine Natur.“ Was man in diesem Themenpark noch sehen könnte: den Bürgermeister Zesch, der Benzinkanister hortet und eine stählerne Unterhose trägt, aber auch den schönen Pfarrer Helge, dessen „Sündenregister länger als Santanas Gitarrensolo“ ist. Da gibt es auch noch den ehemaligen Star-DJ Alpha, der seit einem Auftritt in Othmars Klub, dem „Kraken“, und einem bekifften Skiausflug bei Othmar lebt – im Wachkoma im Rollstuhl sitzend. Oder Petra, die zuvor eigentlich Peter hieß, und die sich, der unglücklichen Liebe zu Polizist Schleining wegen, vom Fünfmeterbrett in ein leeres Becken im Helenenbad wirft. Bei ihrem Begräbnis versammelt sich zwar das ganze Dorf – 44 Personen sind noch übrig – doch alle richten ihren Blick nach unten, um ja nicht von „Schleinings Liebe auch nur gestreift“ zu werden. Die alte Zesch, Mutter vom Bürgermeister, überwacht alles von ihrem Balkon aus und wartet dort ungeduldig auf den Tod. „Traude [Zesch] war nie irgendwas gewesen, auch wenn sie bei allem mitgemacht hatte.“ Alles in allem steht bei Schalko die bunte Zusammenschau an abgründigen Charakteren im Vordergrund, die er, so wie er es am besten beherrscht, bis ins kleinste lakonische Detail auskostet.

„Die Geschichte der Zivilisation ist nicht eine des Aufstehens, sondern des Hinsetzens.“

Zitierbares zu finden stellt bei Schalkos Text keine große Schwierigkeit dar: Mit Wucht folgt eine Wuchtel der anderen. Ob einem aber angesichts des Flüchtlings Achmed, der, komplett abgefüllt zum „Führergeburtstag“ via Webcam zur Schau gestellt wird, vor lauter Wuchtel nicht auch das Lachen im Hals stecken bleibt? In der FAZ wundert man sich, was in Österreich alles noch als politisch unkorrekter Humor durchgeht, während man hierzulande Schalko gerade dafür schätzt. Er darf das. Denn spätestens wenn die Bewohner*innen für dieses Nest, das sie Heimat nennen, Chen entführen (außer dem Polizisten Schleining, siehe Leseprobe) und ihn zur Preisgabe seines Auftraggebers drängen, spätestens, wenn alle kaputten Seelen Bad Reginas das Angebot Chens, den Ort komplett neu für sie aufzubauen, ausschlagen, erkennt man das feine Paradoxon: Die Verteidigung der Heimat, aber welcher Heimat eigentlich? Das Buch glänzt am manchen Stellen vor Eloquenz und Einfallsreichtum und wie so oft bei Wunderwuzzi Schalko muss man sich auf den bitterbösen Humor einlassen, muss den Film, den er vor den Augen der Leser*innen ablaufen lässt, am besten am Stück sehen. „Man muss schon sehr viel Intelligenz aufbringen, um so deppert wie du zu sein.“ Sagt einmal jemand zu Othmar. Und man muss schon sehr viel von der österreichischen Seele verstanden haben, um so treffsichere Pointensalven abzufeuern wie Schalko.

Roman.
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2020.
400 S.; geb.
ISBN 978-3-462-05330-2.

Rezension vom 22.03.2021

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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