#Prosa

Aus dem Land der Seen und Teiche.

Helga Glantschnig

// Rezension von Marietta Böning

Schwimm- und Eislaufnotizen.

Was haben Schwimmen und Schlittschuhlaufen gemeinsam? Diese Frage stellt Helga Glantschnigs Aphorismus-Band Aus dem Land der Seen und Teiche nicht, beantwortet sie aber trotzdem. Es ist das Ineinanderschmelzen der Schritte, der Bewegung. „Sichtragenlassen in der Gleichförmigkeit eines aber völlig autonomen Zustands“ würde auch passen.

Die Autorin hat sich dem Element des Wassers in den Seen Kärntens verschrieben. Die passionierte Eisläuferin und viel mehr noch Schwimmerin besuchte sämtliche Seen in ihrer Heimat – ein Verzeichnis der Kärntner Seen findet sich am Ende des kleinen Bandes. Notizen über ihre Erlebnisse, kontextualisiert in den jeweiligen prosaisch-realen, immer aber auch phantasievollen bis zuweilen lyrisch verklärten oder gar fingierten Landschaften verknüpft sie zu einer von 2015 bis 2017 reichenden Ereigniskette der immer gleichen Konstanten. Es ändern sich aber schleichend wirkende Faktoren: die Zeit schreibt das Älterwerden mit – exemplifiziert an der Schwimmgenossin Tr., einer alten Dame, die es sich nicht nimmt, sich fit zu halten, aber dünnhäutiger wird über die Jahre. Glantschnig schreibt auch Einflüsse wie Wettergeschehen, z. B. den außergewöhnlich kalten Winter 2016 mit und natürlich die permanente Ausdehnung der jährlichen Schwimmzeit bis tief in den Herbst hinein, während die Periode des Eislaufens immer kürzer wird. Und die Zeit kontexualisiert auch vergangenheitsorientiert. Glantschnig lässt Lektüren über das Schwimmen von Autor:innen und Kulturschaffenden (wie Goethe, Byron, Bachmann, Jonke u.a.) aus den letzten Jahrhunderten einfließen, als das alljährlich massenhafte Eintauchen noch nicht selbstverständlich war, auch nicht, dass ein jeder / eine jede schwimmen konnte. Und natürlich wirkt die Zeit auch auf die jahreszeitlich und kulturell sich ändernden Orte. So wird das Panorama des zauberhaften Landes tief verankert, während der Zauber ein Stück weit Pommesbuden, Schwimmbädern und Einbruchsgefahren weicht – eine Sehnsucht nach dem „Urzustand“ auszulösen drohende Ambivalenz. Bis auf ein paar Übergrenzgänge nach Kroatien und Italien bildet Kärnten den Schreibtopos. Dennoch liefert Glantschnig weder ein Stück Heimatkunde (was, ohne als Literatin politisch zu werden, auch nicht so einfach wäre) noch Tourismuswerbung (weil sich diese Literatur an jedem beliebigen wilden oder nicht wilden Badesee schreiben ließe).

Die Aphorismen sind einfach ein Ausdruck der Liebe zum Wasser. Zur Verwurzelung im Wasser, die dann ja auch nicht so fest sein könnte. Sie sind lyrisch und bildreich in der Verarbeitung von Naturwahrnehmung und atmosphärischer Ästhetik, meist wenn die Schwimmerin auf sich allein geworfen in ihrem Lebenselixier badet. Und sie sind prosaisch und nüchtern gehalten, wenn eine soziale Komponente hinzutritt, Glantschnig mit Bekannten baden geht oder Konversation betreibt. Die Protagonistin durchstreift mit ihren Gesellinnen oder allein ihre Badeerlebnisse in gedanklich-phantasievoller und örtlich Hinsicht: die Kioske und Gastwirtschaften, die Tiefe schwarzen Wassers und den Schauer fressender Kälte; die Pizzerien und Badehäuser; die Menschen und Enten; sich spiegelnde Bäume und das Angeln nach Tiefsinn, die A-Sozialisation der Flüchtlinge im Mittelmeer, den Klimawandel, den Naturschutz und die Privatisierung der Seen; die Sonne: zerschmelzend und den See: als dunkles Tuch. Und das Empfinden: wie es ist, wenn das Herbstlaub auf dem Steg sich häuft; wie lustvoll für eine 90-Jährige, durch knisterndes Laub zu stapfen; wie es ist, wenn der Körper in seiner Beweglichkeit autonom wird.

Diese Alltagästhetik beschert uns abermals Wehmut. Im Kopf sieht eine Bergkulisse aus wie Kitsch aus einem 60er-Jahre-Film. Die Bilder sind zuweilen so zeitverloren wie der aus dem Schnee entstandene Weihnachtsmann. Dabei ist es in Kärnten wirklich noch so. Es ist kein Kitsch, dass der Nebel in Pastelltönen Vormittagsschleier aufreißt und sich im Garten Meisen, Rotkehlchen und Buntspecht zeigen. Es ist noch ein Stück Paradies da, man muss nur mit der Kamera fokussiert arbeiten und dabei alles andere nicht vergessen. Glantschnig vergisst nichts. Sie verführt uns in eine Auszeit für sich gehen lassende Gedanken.

Essay.
Wien: Klever Verlag, 2022.
180 S.; brosch.
ISBN 978-3-903110-80-9.

Rezension vom 13.02.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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