#Roman

Aufstand

Fabian Eder

// Rezension von Angelo Algieri

Wenn New York Big Apple sei, so habe Wien den „Apfelstrudel“, schreibt Autor und Regisseur Fabian Eder in seinem kürzlich erschienen Roman Aufstand. Dabei meint er das alternative Viertel der Hauptstadt, das zwischen dem 4., 5. und 6. Gemeindebezirk liegt. Mit Studenten, Künstlern und Krawattenträgern, die in die dortigen vielen Kaffeehäusern gehen und Apfelstrudel essen.

Treff- und Angelpunkt des Apfelstrudels ist die Buchhandlung der Protagonistin Margarete Messner, genannt Maxi. Der Text spielt vorwiegend während der Weltmeisterschaft 2010. Und Messner folgt jedes Spiel in ihrer Buchhandlung. Doch noch vor den Achtelfinal-Begegnungen macht sie sich Sorgen um den „Propheten“ Hans Braunbrenner. Der pensionierte Tram-Fahrer und geistige Nachfahre des Esoterikers und Weltverbesserers WaLuLiSo (WasserLuftLichtSonne) ist seit Tagen nicht mehr erschienen. Eigenartig, da es nicht seine Art ist.

Was nach Eso-Hippie-Story klingt entpuppt sich bald als ein Polit-Thriller, der es in sich hat. Denn Messner findet heraus, dass Braunbrenner vom Wasser- und Stromkonzern N.E.W. (Neue Energie Wien) entführt worden ist. Ist Braunbrenner in der Zentrale Gefangen? Kurzerhand zettelt die Buchhändlerin einen Aufstand an, dem sich Tausende spontan anschließen. Allerdings knüppelt die Polizei ihn nieder.

Nun reagieren die Medien: Kurz bevor Messner ein Live-Interview in ZiB geben soll, erklärt der diabolische Leiter der PR-Abteilung von N.E.W. der Presse, dass der Konzern Braunbrenner nicht entführt habe. Just in diesem Moment, erscheint der angeschlagene Prophet in der Buchhandlung und erklärt, er sei bei Verwandten in Deutschland gewesen. Daraufhin kommt es zu Tumulten in der Buchhandlung. Messner glaubt nicht, was Braunbrenner sagt. Bald darauf stirbt dieser.

Noch vor seinem Tod gibt Braunbrenner Messner den Tipp, genau zu sein. Das tut sie, als sie seine kleine Wohnung durchsucht und fündig wird: ein Dokument, das sich nicht zerstören lässt. Und noch etwas Mysteriöses passiert: Ein Typ namens Phi meldet sich bei ihr per Mail und möchte wissen, ob sie das wichtige Dokument gefunden habe. Was hat es mit dem Schriftstück auf sich?

Fabian Eder präsentiert mit seinem Apfelstrudel-Roman eine schonungslose Gesellschaftsanalyse Österreichs. Wie unliebsame Querdenker im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Verkehr gezogen werden. Unbequeme Wahrheiten: Nein, Danke! Wobei er sich lustvoll auf das Stilmittel der Übertreibung einlässt, um Konturen, Positionen deutlich zu zeichnen. Bürgerengagement gegen Privatkonzern, Altruismus versus egozentrische Machtgeilheit, Überwachungsstaat versus Naivität. Außerdem thematisiert Eder kurzgedachte Privatisierung von Gemeingütern, wie Wasser und Strom. Und zeigt mit ihr die Macht, die diese Konzerne gegenüber Politikern haben.

Allerdings verweist der 50-jährige Autor auch auf eine Mitschuld der Altachtundsechziger, die ihre Ideale spätestens Anfang der 1980er-Jahre verraten haben und neoliberal, gleichgültiger wurden. Es ist somit nicht nur ein Rundumschlag gegen die „Oberen“, sondern erklärt, wie es zu den gesellschaftlichen Verhältnissen, wie sie heute liegen, gekommen ist; auch im Hinblick auf die letzten Nationalratswahlen. Das macht dieses Buch zu einer erstaunlich nachdenklichen Lektüre.

Trotz der gut erzählten, spannenden Dramaturgie – hier zeigt sich der bewährte Drehbuchschreiber – irritiert das Spiel mit verschiedenen Genres: vom Thriller über Liebes- und Kolportageroman bis hin zu Märchen. Leider wirkt diese Verspieltheit überbordend und erzwungen.

Dennoch: Fabian Eder hat mit Aufstand einen wichtigen, wachrüttelnden Text mit überzeichneten Figuren geschrieben. Brennende Themen, wie Privatisierung von Wasserversorgung und Abhörskandalen, greift er treffend und folgerichtig auf. Ein unterhaltsamer, energischer „Empört euch“-Roman!

Fabian Eder Aufstand
Roman.
Wien: Braumüller, 2013.
286 S.; geb.
ISBN 978-3-99200-100-2.

Rezension vom 01.10.2013

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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