#Roman

Aufgeklappt.

Ludwig Laher

// Rezension von Arno Rußegger

Schon der Titel von Ludwig Lahers neuestem Buch ist in gewisser Weise Programm, ein erster Hinweis darauf, dass hier der Versuch unternommen worden ist, eine Engführung zwischen dem Leben eines Menschen und seiner Transformation in gedrucktes Sprachmaterial gleichzeitig zu gestalten und zu hinterfragen.

Nach „Selbstakt vor der Staffelei“ (1998) über den dänischen Maler Viktor Emil Janssen und „Wolfgang Amadeus junior: Mozart Sohn sein“ (1999) ist „Aufgeklappt“ der letzte Teil einer Triologie, die sich mit vergessenen Persönlichkeiten aus verschiedenen Bereichen der Kunst befasst. Diesmal geht es um einen österreichischen Dichter aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts namens Ferdinand Sauter (1804 – 1854), der – um es mit H. C. Artmann zu sagen – seine ganze Existenz als einen poetischen Akt stilisierte, während er realiter kein einziges Buch, sondern vor allem Zeitschriftenbeiträge veröffentlicht hat. Sauter war nämlich, was man gemeinhin ein ,Original‘ nennt, verschrien als verkommenes Genie, das den direkten Kontakt mit dem Publikum suchte, um sich live zu produzieren. So gelten wesentliche Teile seines Werks bis heute als verschollen; eine erste Ausgabe seiner „Gedichte“ (Wien, 1855) kam – trotz des Drängens wohlmeinender Fans – erst posthum zustande.

Laher hat mit bewundernswerter Akribie in Archiven und Bibliotheken, auf Friedhöfen und in Ämtern die sehr verstreuten, mitunter fast völlig verblassten Spuren Ferdinand Sauters freigelegt und weiter verfolgt. Das Ergebnis ist nicht bloß eine Künstlerbiographie im herkömmlichen Sinn, die auf einer möglichst umfassenden Zusammenstellung und Auswertung von historischen Dokumenten, Briefen, Akten, Zeugnissen, Berichten, Manuskripten, Notizzetteln, anderen Lebensgeschichten u.ä. beruht. In „Aufgeklappt“ wird dergleichen zwar auch referiert, der in 46 kurze Kapitel gegliederte Roman ergibt aber etwas anderes als die Summe recherchierbarer Daten und Realien, vielmehr ein mit großem schriftstellerischen Raffinement ausgeführtes, gleichermaßen vielstimmiges wie kohärentes Textgeflecht.

Das vorgeführte Collage-Verfahren erlaubt es dem typischen, rhetorisch mit allen Wassern gewaschenen Laher’schen Ich-Wir-Erzähler, zwischen den Zeiten zu changieren und oft überraschende Brücken zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu schlagen. Dabei vermag er den Eindruck höchster Authentizität der Aussage zu erheischen, auch wenn er abschweift oder sich ausgesprochen witziger Formulierungen bedient, um im nächsten Absatz gleich wieder seiner Phantasie oder philosophischen Reflexionen Raum zu geben, hellsichtige Analysen anzustellen oder blanke Ironie walten zu lassen.

Stets orientiert sich der Stil an der Perspektive eines entschiedenen Parteigängers für die Belange einer Dichtung, die geprägt ist von einem klaren Blick für historisch gewachsene gesellschaftliche Strukturen, Mentalitäten und ihre Konsequenzen. Laher gibt nicht vor, man könnte die Vita des Ferdinand Sauter (oder irgendeines anderen Menschen) einfach von A bis Z rekapitulieren, sondern er erzählt auf eine Weise, dass dessen gesamtes sozial-politisches Umfeld in markanten Umrissen erkennbar wird. Indem er außerdem dauernd Vergleiche mit der eigenen Situation zieht, werden Schlaglichter auf heutige Zustände geworfen, die plötzlich genauso restaurativ und beklemmend erscheinen, wie diejenigen um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Anschaulich und unterhaltsam, historisch genau und sarkastisch verzerrt, wird man als Leser in das Österreich Metternichs versetzt, wo Spitzelwesen, Denunziation und Zensur eine erste Hochblüte erlebten … und kann sich so seine Gedanken über das Österreich zu Beginn des 21. Jahrhunderts machen. Wie am eigenen Leib wird nachvollziehbar gemacht, warum einer wie Ferdinand Sauter sich innerlich gegen die absolutistische Staatsmacht stellen musste.

In dem ebenfalls im Frühjahr 2003 erschienen Gedichtband „Feuerstunde“ (Wieser Verlag, Klagenfurt) thematisiert Ludwig Laher einen „klimawandel“ (S. 59) in der Gesellschaft, der auf „dreckige wortschwälle“ und „sprachgeröll“ zurückzuführen sei, also auf einen vor allem katastrophal medienverseuchten Umgang mit der Sprache. Am Ende des Texts wird die Frage nach dem Verbleib „freiwilliger helfer“ aufgeworfen, die wie nach einem Murenabgang für geistige Aufräumarbeiten sorgen sollen. Das ist nicht zuletzt als ein Appell zu verstehen, endlich mehr gesellschaftspolitische Macht an die Poeten zu delegieren.

Der Autor geht mit gutem Beispiel voran und verkörpert selbst ein Engagement, mit dem er sich sowohl an schwierigen Themen abzuarbeiten versteht, als auch an den formalen Mitteln, die für ihre Gestaltung zur Verfügung stehen. Am liebsten siedelt Laher seine Geschichten im „Windschatten der Geschichte“ (so der Titel eines Bandes mit Essays, 1994) an, um immer wieder aufs Neue so etwas wie die literarische Quadratur des Kreises anzustreben: Bücher, die Biographie, Essay, Erzählung, Nachruf, (alternative) Literatur- und Kulturgeschichte, zeitgeschichtliche Analyse, Abrechnung und Loblied in einem sind.

Roman.
Innsbruck: Haymon, 2003.
157 S.; geb.
ISBN 3-85218-417-7.

Rezension vom 18.09.2003

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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