#Debüt

Anarchistenblut.

Peter Bader

// Rezension von Jürgen Thaler

Vater, Mutter, zwei Söhne. Einer von ihnen, der ältere, erschießt in Peter Baders literarischem Debüt seine Eltern und richtet sich später selbst. Für diese tragische Konstellation, die die Größe antiker Vorbilder in ihrer Ausweglosigkeit nicht zu scheuen braucht, gibt es nur einen Zeugen, den jüngeren Bruder, der die Geschichte einem dritten, der Erzählerfigur in Anarchistenblut, detailreich schildert. Diese verschachtelte Erzählsituation mit ihrem inflationären Gebrauch des Konjunktivs erinnert nicht nur in ihrer Struktur an manche Texte von Thomas Bernhard, sondern dieser hat erklärtermaßen Pate gestanden bei der Verfertigung von Anarchistenblut.

Von ihm hat Peter Bader wohl auch gelernt, daß mit einem ausgeklügelten Erzählmodell der Leser nicht nur in der Unterscheidung zwischen Realität und Fiktion leicht in die Irre geführt werden kann, sondern daß so auch die Figuren des Textes gegen einseitige reale Vereinnahmungen immunisiert werden können. Gleichwohl darf Anarchistenblut in keiner Weise als epigonenhaft abgestempelt werden. Wenn bei Bernhard in immer anderen Konstellationen die gleichen Themen ästhetisiert verhandelt werden, so wird in Anarchistenblut ein Realitätsausschnitt in stoischer Gelassenheit vorgeführt: jener der kleinen Jazzwelt in der Provinz. Die Schilderungen des Musikermilieus und der Musikerfamilie, in denen die Morde an Vater und Mutter und der Selbstmord des Täters geschehen, sind nicht nur grell und messerscharf, sondern auch von einem sarkastischen Gestus geprägt. Die Art, mit der Bader Situationen aus dem Leben der Provinzjazzer vorführt, erinnert an den besten Stellen an die stechende Direktheit der Filme von Rainer Werner Fassbinder – von Sozialkitsch ist darin nichts zu spüren -, und so führt die den Text vorantreibende Frage nach dem „Warum“ der Morde hin zu einer eigenwilligen Studie über künstlerische Milieus und autoritäre Strukturen.

In den stilistisch überzeichneten Schilderungen des Vaters und der Mutter und der familiären Situation überhaupt, aus denen die beiden Söhne nach dem Willen der Eltern nicht nur als gute oder sehr gute, sondern als die besten Musiker hervorgehen sollen, wird in drastischer Manier ein aufklärerisches Licht auf den Jazz und sein Umfeld auf der einen und die Konstellation zwischen elterlicher Wunschstruktur und familiärer Grausamkeit auf der anderern Seite geworfen. Daß die provokativen Gesten des Musikervaters den Sohn zum Mörder machen, ist familiäres Abbild eines bestimmten künstlerischen Milieus, das in Anarchistenblut mit großer Übertreibung und oft höhnischem Humor evoziert wird. Darin steckt aber gleichzeitig ein Angriff auf den Jazz selbst – und das ist der tragische Kern der ganzen Geschichte. Der Freiheits-und Utopieanspruch des Jazz wird in Anarchistenblut mit seiner realen Gegenwelt konfrontiert. Das ist die Wunde, in die Peter Bader mit Anarchistenblut sticht. Noch das Gefängnis, in das der ältere Bruder nach der Tat eingeliefert wird, erscheint in den Erzählungen des jüngeren Bruders als durchaus lebbare Übungsanstalt. Die Einzelhaft am Instrument in der Übungskammer sei grausamer als jene in der Gefängnisanstalt! Die Formen, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten des Jazz bilden die Quelle aus der das „Anarchistenblut“ fließt.

Peter Baders Anarchistenblut ist in der Reihe „Neue Texte“ des Franz-Michael-Felder-Vereins erschienen. Damit will der Felder-Verein eine Tradition wieder aufnehmen, die kennzeichnend für das erste Jahrzehnt der Tätigkeit des Vereins war: die Förderung des schriftstellerischen Nachwuchses. In den Jahren von 1978 bis 1983 erschienen in loser Folge drei Anthologien, in denen alle heute namhaften Vorarlberger Autoren und Autorinnen, so fern sie damals schon publizierten, vertreten waren. Viele dieser Autoren und Autorinnen präsentierten sich so erstmals einem interessierten Publikum. In diesen Manifestationen des literarischen Aufbruchs in Vorarlberg findet man Texte von, um nur einige zu nennen: Michael Köhlmeier, Monika Helfer, Ingo Springenschmid, Christian Mähr, Ingrid Puganigg oder Christian Futscher. Manche dieser Namen hatten damals in Literaturkreisen den Bekanntheitsgrad jenes Autors, mit dem die „Neuen Texte“ nun wieder erscheinen: Peter Bader.

Hard: Hecht, 2000.
In: Neue Texte. Die literarische Reihe des Franz-Michael-Felder-Vereins.
158 S.; brosch.
ISBN 3-85298-069-X.

Rezension vom 25.10.2000

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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