Im Nachwort gibt Tanja Paar die Quellen ihres Romans Am Semmering preis: „Dieses Buch speist sich aus den Erzählungen meiner Großmutter Klara und meines Großvaters Bertl, der Eisenbahner war. Trotzdem ist es literarische Fiktion. Ausgangspunkt meiner Recherchen war ein Scheitel – eine Perücke, wie sie orthodoxe Jüdinnen tragen, wenn sie verheiratet sind – unter einer mysteriösen Porzellanpuppe, die mir hinterlassen wurde.“ (S. 255)
Dass die Geschichte, die Paar daraus in ihrem Roman entwickelt, nicht nur literarisch interessant ist, sondern auch kulturhistorisch, liegt daran, dass sie am titelgebenden Semmering angesiedelt ist: der Sommerfrische von Wiens Elite der letzten Jahrhundertwende, Standort von noblen Villen und weltberühmten Unterkünften wie dem Südbahnhotel oder dem Panhans. Bereits auf der ersten Seite tauchen große Namen auf wie jene des Komponisten Ernst Krenek, des Dichters Franz Werfels und von Alma Mahler, die in wechselnden, komplizierten Beziehungen zueinander stehen.
Gar nicht kompliziert scheint die Beziehung der Protagonistin Klara zu „ihrem“ Bertl. Sie ist glücklich mit ihm und versucht es ihm als nicht berufstätige, frisch gebackene Ehefrau recht zu machen, wo sie nur kann. Obwohl nicht in der Ichperspektive erzählt, verwandelt sich die Erzählstimme deutlich Klaras Diktion und Gedankenwelt an. Dabei bildet die Autorin sowohl die Ellipsen beim Denken ab als auch seine Wiederholungsschleifen. „Ob Bertl sie deshalb? Immer wieder hatte sie sich gefragt, ob er sie wegen der Schuhe? Ob er sie für mehr gehalten hatte als sie –?“ (S. 14f.) Tatsächlich trug die Tochter eines böhmischen Flickschusters aus dem Wiener Bezirk Rudolfsheim-Fünfhaus schöne Schuhe, als sie Bertl kennenlernte.
Manches scheint redundant: „Der Vater hatte seine Stammplätze – und er roch ein Schwammerl von weitem. Sie wunderte sich, wie er das machte, hatte er doch stets die Selbstgedrehte im Mundwinkel. Zum Rauchen war sie ihm zu wertvoll, aber er genoss den Geschmack des Tabaks. Trotzdem roch er ein Schwammerl sofort und von weitem.“ (S. 91) Aber so klingt es halt nun einmal, wenn man dem sogenannten Volk genau aufs Maul schaut.
Und das tut Paar so charmant wie überzeugend. Ihre Protagonisten nehmen die mondäne Welt des Semmering nur als Kulisse wahr, an der sie spazieren gehend und ein bisschen tratschend teilnehmen. Lokalkolorit und -idom geben dem Roman dabei Plastizität und Farbe – mit Wörtern wie „Krispindel“, „Hunderlschwumm“, „Ziegelböhmisch“, „Katholerer“ etc.
Nach einem Prolog, der im Jahr 1945 spielt und die Sommerfrischen-Idylle, die Jahr für Jahr mehr Risse bekommen wird, bereits im Vorhinein als Schein offenbart, setzt die Handlung im Jahr 1928 ein. Klara und Bertl sind bereits seit vier Jahren verheiratet, aber Klara ist noch immer nicht schwanger – eines der Hauptthemen, um die ihre Gedanken kreisen. Ansonsten scheint sie zufrieden, um nicht zu sagen glücklich in ihrer kleinen Welt aus Gemüsegarten, Kochen für den Gatten und Kartenspielen mit einem ungewöhnlichen Freundeskreis.
Als ihre beste Freundin bezeichnet das „Mädel aus der Vorstadt“ Klara die Jüdin Rahel, Witwe und Mutter dreier Kinder, die für die jüdischen Gäste des Semmering koscher kocht. Dazu gesellt sich der „Ex-Baron“ Fritz, der Bertl im Beiwagen auch gerne Klassengrenzen überschreitend auf Motorradtouren mitnimmt, sowie der ausgebildete Konzertpianist Szabo, der als Geschäftsführer einer Villa arbeitet. „Also wenn wir nicht alle am Berg gelebt hätten, wären wir einander sicherlich nie begegnet“, sagt er einmal (S. 117). Aus Szabos Sicht sind immer wieder drei, vier Seiten lange Rückblicke eingestreut, die kursiv gesetzt sind. Das liegt an der Rolle, die er im Roman (und in der Geschichte der Autorin) spielt: als, Achtung Spoiler, vermutlicher Vater des Kindes, das Klara mit Bertl schließlich aufziehen wird.
„Für meine Mutter“ lautet die Widmung des Romans. Dieser bleibt aber beileibe nicht auf einer persönlichen Ebene stehen. Durch die Zeitungslektüre Klaras lässt die Autorin gekonnt das politische Geschehen einfließen. Angesichts des aufkommenden Nationalsozialismus erscheint der „Kulturkampf“ zwischen eingefleischten Sozis wie Bertl und Einheimischen wie der Weithammerbäuerin, deren Kräuter Klara auch nicht zu der ersehnten Schwangerschaft verhelfen, bald harmlos. Und der Satz von Klaras Mutter „Ihr lebt im Paradies“ stimmt sowieso nur in Bezug auf die umgebende Natur.
1938, nach dem „Anschluss“ an Hitlerdeutschland, wird es brandgefährlich für Rahel. Dass sie ihre Religion inzwischen abgelegt und den Scheitel unter der Puppe versteckt hat, spielt für die Logik der Nazis keine Rolle. Klara fleht Szabo an, Rahel zu heiraten, um sie vor der Deportation zu schützen. Vergeblich. Fritz landet 1945 im Anhaltelager Wöllerdorf. „Das hätte sich damals auch keiner gedacht, dass die illegalen Nazis und die Schutzbündler einmal würden gemeinsam im Gefängnis sitzen müssen“, sinniert Szabo (S. 192).
Das wirkliche Grauen bleibt in diesem fein gesponnenen, historisch interessanten Roman abgesehen vom Prolog allerdings außen vor – als Botschaft aus einer zwar nahen, doch kategorial anderen Welt, die das Bild der Idylle zwar trüben, aber nicht zerstören kann. Wenn sich in den Jahren 1939 bis 1945, die zu einem Kapitel zusammengefasst sind, die Ereignisse überschlagen, werden die Verbrechen der Nazi-Herrschaft zwar in Schlagwörtern abgehandelt, spürbar werden sie aber kaum.
Am Semmering stellt ein Denkmal für die kleinen Leute und ihre harmlosen Wünsche und Alltags- sowie Freizeitbeschäftigungen dar wie einkaufen gehen, kochen und backen, Schwammerln suchen, Motorrad fahren, Tarock spielen oder eislaufen. „Jetzt, so viele Jahre danach, verstehe ich erst, wie glücklich wir damals waren“, sagt Szabo, dem die Rolle des Einordnens des Geschehens zufällt. „So als könnte ich das Glück erst begreifen, wenn es weg ist.“ (S. 176)
Damit steht das Buch in einem krassen Gegensatz zu dem ebenfalls 2025 erschienenen Roman Die letzten Tage von Martin Prinz, der im nahen Reichenau an der Rax angesiedelt ist. Er handelt weitgehend aus Tätersicht von einem Standgericht, bei dem in den titelgebenden letzten Tagen vor der Kapitulation des NS-Regimes noch zwanzig Menschen grausam und sinnlos ermordet wurden. Bei Prinz regiert die mitleidlose Sprache von Beamten, die ihre eigenen Verbrechen so rational wie verschlagen, so larmoyant wie uneinsichtig zu verteidigen versuchen. Paar blickt durch die Brille ihrer naiven Protagonistin Klara, deren Gemüt möglicherweise zu schlicht ist, um das Böse, das um sie herum stattfindet, in Worte fassen zu können oder auch nur an sich heranlassen zu wollen. Die aber ehrlicherweise zugibt: „Nein, sie war keine Heldin.“ (S. 217)
