Dieser als “taub” beschriebene erste Raum ist ein Wohnraum, und darin pocht ein Kopf. Es ist der Kopf von Karla, die im ersten Kapitel – Karla Ulrika EINS 2006 – wie „aus dem Delirium einer längst vergangenen Zeit erwacht“ (S. 7). Und es ist die Erinnerung, die in Karlas Kopf pocht, die Erinnerung, die erst nur kleine Splitter sind, die hier und da aufblitzen, wenn das Licht sie trifft – „Licht das rauscht, Licht das schwoll und ich, angstvoll bis ans Herz“ (S. 7) –, um sich dann mit anderen Splittern zu einem Bild zu verbinden, das es zu rekonstruieren gilt.
„Ich musste ihm dann einfach hinterher, dem Nico“ (S. 8), erinnert sich Karla in einem inneren Monolog, in dem schon ganz zu Beginn eine fünf oder sechs Jahre zurückliegende Silvesternacht erwähnt wird. Eine Nacht, die tiefe Spuren hinterlassen hat nicht nur bei Karla, auch bei Nico und Judit, die seither in Gedanken immer wieder zu dieser Nacht zurückzukehren.
Der Roman beginnt im Jahr 2006 und im Bett neben Karla liegt Marcel, seine Augen „zart wie Glas. Glas aus viel zu wenig Schlaf“ (S. 9).
Als würde man kurz vor dem Fallen aus einem Traum erwachen, reißt Karlas fragiler Gedächtnisfaden nach 34 durchnummerierten kurzen Erinnerungsfragmenten plötzlich und jener von Nico setzt mit einem neuen Kapitel – Nico Russo EINS 2012 – ein.
„In der Auflösung liegt alles“ (S. 49), denkt Nico, der sich selbst aufzulösen scheint in den Rückschau auf bestimmte Ereignisse, während er seine unruhigen Augen, denen er nicht trauen mag, über die Häuserzeile vor seinem Fenster schweifen lässt wie zitternde Lichtpunkte über einsame Gardinen und verlassene Zimmerdecken.
Das darauffolgende Kapitel – Judit Renner EINS 2018 – wird aus der Sicht von Judit erzählt und katapultiert uns schließlich direkt nach Oberbach, an den Ort, an dem in der Silvesternacht 1999/2000 etwas passiert ist, „das seine Spuren hinterlassen hat und in das Leben hineinwirkt wie Strahlung und es fortan durchzieht“ (S. 32).
Und alles wieder auf Anfang
Wie mit einer Zeitmaschine kehrt man danach wieder zurück ins Jahr 2006 – Bruchstück um Bruchstück setzt sich aus den drei Blickwinkeln von Karla, Nico und Judit und im Abstand von je sechs Jahren ein Puzzle zusammen, das in die Vergangenheit blicken lässt; doch so leicht wollen die Teilchen nicht ineinanderpassen, und wo es einmal kurz aufklart, ist kurz darauf alles wieder in dichten Nebel und zähes Schneetreiben gehüllt – in ihrer verräterischen Stille lautstarke Metaphern für die gesellschaftlichen wie politischen Abgründe, die sich in diesem sprachlich rasanten und komplex strukturierten Roman auftun. Er taucht tief ein in die österreichische Vergangenheit, deren faulige Hände hier und da noch immer herüberreichen bis in die Gegenwart. In einem Land, „aus dessen Schoß ungebrochen autoritäre Charaktere krochen“ (S. 241) und in dem „überhaupt noch nie jemand irgendwas wissen [mochte]“ (S. 69f.). Nichts ist so prägend für die Zukunft wie die Vergangenheit.
Der Wald voll dumpfem Schnee
Zwischen Ekstase unter Stroboskoplichtern, bei hämmerndem Bass und Sexpositiv-Partys in Marcels Technoclub Koma und der Engstirnigkeit einer autoritären Männergesellschaft, zwischen der Erinnerung an ein rosa Fahrrad, angelehnt an eine Esche, einen Mann mit einer durchlöcherten Mütze, zwischen der Erinnerung an den Geruch von Petersilie und Gulasch, an rauschendes Blut in den Ohren geistern Erinnerungen wie Schemen durch den Raum. Es sind Räume der Erinnerung, die sich wie “Trabanten, die sich rund um sich selbst […], die sich rundherum im Nebel“ (S. 26) drehen. Unter Verwendung verschiedener Stilmittel wie Wiederholungen und rhythmisch eingesetzten Textelementen schreibt sich das immer wiederkehrende Trauma auch sprachlich in den Text ein. „Das Jetzt wird sich wölben, über mich wölben“ (S. 35), in diesem „Wald voll dumpfem Schnee“ (S. 11), in dem alles zu verschwinden droht – im monströsen Schlund der Vergangenheit.
In diesem Roman, der dem österreichischen Umgang mit Schuld und Vergangenheit radikal-subtil auf den Zahn fühlt, trifft Spannung auf Sprachkunst, wird ein unbestechlicher Blick in politische, gesellschaftliche und persönliche Abgründe geworfen. Thomas Bernhard lässt grüßen.
Evelyn Bubich, geboren 1988 in Klagenfurt, studierte Komparatistik, Digital Media Publishing und Kommunikationsmanagement; Autorin, Lektorin, Literaturvermittlerin; Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Tageszeitungen und Anthologien sowie im Freien Radio; Literatur-Performances und genreübergreifende Arbeiten; Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift Podium, Vorstandsmitglied der IG Autorinnen Autoren; lebt in Wien. Homepage von Evelyn Bubich
