#Theater

Als ich heute aufwachte, aufstand und mich wusch, da schien mir plötzlich, mir sei alles klar auf dieser Welt und ich wüsste, wie man leben soll

Xaver Bayer

// Rezension von Peter Landerl

Nach seinen beiden Romanen „Heute könnte ein glücklicher Tag sein“ (2001) und „Alaskastraße“ (2003), die in Österreich, aber auch in Deutschland Aufsehen erregt haben, hat Xaver Bayer nun in Franz Hammerbachers wunderbarer Edition Korrespondenzen, einem Solitär in der nicht eben glänzenden österreichischen Verlagslandschaft, ein sorgfältig gemachtes, schönes Buch veröffentlicht: Als ich heute aufwachte, aufstand und mich wusch, da schien mir plötzlich, mir sei alles klar auf dieser Welt und ich wüsste, wie man leben soll. Dieser Satz ist Titel, zugleich der Anfang des Stücks und ein Zitat. Bayers erster Theatertext ist im Auftrag des Wiener Schauspielhauses für eine szenische Lesung im Rahmen der Reihe „Check out Tschechow“ entstanden und ist eine Adaption dessen Stücks „Drei Schwestern“.

Bayer hat sein Stück um drei Figuren gebaut: X, ein junger Mann, Y und Z, zwei junge Frauen, alle Mittzwanziger. Ihre Namen sind austauschbar und nicht zufällig am Ende des Alphabets zu finden. Desillusioniert sitzen sie beieinander, langweilen sich, rauchen und reden über ihre Wünsche, Probleme und Träume. Ihre Sprache ist durchsetzt von Werbeparolen, sodass dem Leser und den Figuren nie ganz klar zu sein scheint, ob sie eigene Meinungen oder Übernommenes präsentieren. Das Leben ist ein Spiel! Nur wenn eine Figur die Auszeitkarte zeigt und die anderen beiden Plastiksäcke über den Kopf stülpen und nichts mehr hören, ist Raum für Wahrheit, für Ehrlichkeit: X beklagt die omnipräsente Langweiligkeit: „Wie jeder andere von uns habe ich bessere und schlechtere Tage oder will allein sein oder brauche Gesellschaft, habe Durchfall oder sehne mich nach Liebe. Ich bin es müde. Ich bin es leid.“ Y wird von der eigenen Machtlosigkeit gelähmt und fühlt sich wie ein Mensch aus einem Videoclip, der „inmitten des Verkehrsstroms einer Stadt plötzlich stehen bleibt, während alles Treiben um ihn herum zunehmend hektischer und hastiger wird.“ Z schließlich gesteht, dass sie sich danach sehnt zu heiraten und Kinder zu bekommen: „Von mir aus brauche ich keinen Beruf haben. Ich will meine Kinder großziehen. Ich will keine Karriere machen. Das überließe ich meinem Mann. Aber das darf man heutzutage gar nicht laut sagen.“

Konsequent treiben die drei ihr Spiel fort, imaginieren neue Identitäten. Identitätssuche ist für sie nicht Veränderung der eigenen Person, sondern das Schlüpfen in neue Identitäten, wie man schnell seine Kleidung wechselt. Sie träumen davon, Neger (aber natürlich nicht in der Dritten Welt) zu sein, weil die sich so gut bewegen, oder ein weißer Hip-Hopper, Drogenboss, Christiane F., Sophie Scholl oder Anne Frank, Supermodel oder Mädchenhändler. Insgeheim sehnen sie sich nach einer starken Hand, einem Tritt in den Hintern, sind aber zu feig, es sich einzugestehen. Jugend von heute ist zu beschränkt, um einen Weg zu finden, die gesellschaftlichen Zustände zu ändern. Ihre geheimsten Wünsche sind, nach dem Unfalltod der Familienmitglieder zu verwesen, an einer seltenen Krankheit zu sterben oder eine Seuche zu überleben und von einem Raumschiff von der Erde fortgetragen zu werden. Die Leere des Lebens wird angefüllt mit Ablenkungsmanövern wie Kaffee aufstellen, Hüftgymnastik machen, in Zeitschriften blättern. In ihren Rückzugsfantasien, in der Kritik des Jetzt drücken sich die Antagonismen Protest und Angepasstheit, Leiden und Zynismus aus. Bedrückend, irgendwie. Einerseits versteht man die Figuren in ihrer Endzeitstimmung, andererseits will man sie anschreien und aus ihrer Lethargie wachrütteln. Diese Zerissenheit hat Bayer in seinem kurzen Text sehr schön dargestellt. Nur konsequent, dass er die rundherum sichtbaren Dekadenzerscheinungen unserer kapitalistischen Gesellschaften in Kriegssehnsucht münden lässt: „Der Krieg ist ja angeblich das beste Aphrodisiakum.“

Bayer hat nicht nur Tschechow-Zitate in seinen Theatertext „geschmuggelt“, auch Zitate von den Beatles, Eminem oder Velvet Underground. Über die stilistische Antiquiertheit mancher Tschechow-Zitate schreibt er: „Und gerade in dieser Antiquiertheit, die eigentlich ein Selten- oder Schon-lange-nicht-mehr-Gehörthaben ist, steckt etwas, das mehr aufschreckt als alle Parolen der Helden von heute: die Ahnung, dass auch in Zukunft Menschen beieinander sitzen und sich mehr oder minder explizit über die merkwürdige Leere ihres Lebens unterhalten werden, während rundherum alles andere ohne sie passiert und vonstatten geht.“

Das Stück endet mit einer Untergangsvision, begleitet von Velvet Undergrounds „Pale blue eyes“. Ein ruhiges, gelassenes fade out, begleitet von Gitarre, Bass und Schlagzeug: „Ich glaube, wir sind alle krank. Und es ist irgendwie zu spät.“

Xaver Bayer Als ich heute aufwachte, aufstand und mich wusch, da schien mir plötzlich, mir sei alles klar auf dieser Welt und ich wüsste, wie man leben soll
Theaterstück.
feat. Anton Cechov.
Wien: Edition Korrespondenzen, 2004.
48 S.; brosch.
ISBN 3-902113-27-8.

Rezension vom 11.05.2004

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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