#Roman
#Debüt

Alles, was du wolltest

Christina König

// Rezension von Veronika Hofeneder

Den Traum beruflicher Selbstständigkeit bezahlt Alexandra in Christina Königs Romandebüt Alles, was du wolltest teuer – ihre Partnerin Viktoria lässt sie unmissverständlich die ‚feinen Unterschiede‘ ihrer sozialen Herkunft spüren. Packend und präzise erzählt König von den subtilen Machtspielen einer toxischen Beziehung.

Christina Königs Romandebüt ist starker Tobak und macht bereits auf den ersten Seiten klar, wer hier das Geld und das Sagen hat. Alexandra ist gerade dabei, bei ihrer Freundin Viktoria einzuziehen, die mit ihrer Vergangenheit und persönlichen Besitztümer lieber nichts zu tun haben will: „Sie hält deine Switch wie eine Handgranate, drückt den X-Knopf. Wahrscheinlich würde sie am liebsten alles wegwerfen. Du zupfst ein paar Saiten deiner Gitarre. Du hast ihr gesagt, dass du mal in einer Band warst. Sie hat gesagt: Typisch.“ (S. 11) In diesem Ton geht es weiter; verbale Spitzen und Demütigungen, Bevormundungen und Übergriffe finanzieller wie persönlicher Natur stehen in dieser sehr ungleichen Beziehung an der Tagesordnung. Ein neues iPhone statt Blumen zum Einstand ist natürlich cool, markiert aber nur den Beginn Alexandras langer Schuldenkette.

Die ungleiche Machtbalance ist vor allem sozial bedingt: In ihrer Deklination der Machtspiele einer lesbischen Paarbeziehung legt König frei nach Brecht und Bourdieu die feinen Klassenunterschiede so messerscharf wie erbarmungslos offen. Das Leben mit und bei der aus wohlhabendem Elternhaus stammenden Viktoria, die als Immobilienmaklerin tätig ist, ermöglicht der aus einfachen Verhältnissen kommenden und als Masseurin arbeitenden Alexandra ein angenehmes Leben mit feiner Damastbettwäsche und Lebensmitteln aus dem Bio-Markt. Die Autorin lässt keinen Zweifel an den Sympathien für ihre Figuren: Viktorias „Kolleginnen sind Haie und ihre Kunden sind Arschlöcher. Sie liebt es.“ (S. 21) Wann genau die Beziehung gekippt ist, bleibt unklar, in analeptischer Erzählweise wird in Rückblenden aus „früheren“ und „viel früheren“ besseren Zeiten des Paares berichtet, in denen heiße Dates und leidenschaftlicher Sex auf der Tagesordnung standen.

Die Einrichtung des eigenen Massagestudios in Viktorias Gartenhäuschen und damit der Sprung in die berufliche Selbstständigkeit, bleibt für Alexandra stets ein zweischneidiges Schwert: „Du solltest anbieten, sie zu massieren. Sie finanziert dein Studio. Es ist das Mindeste, was du tun kannst. […] Soll ich dich massieren? / Ich bezahl dich auch. / Du musst mich nicht bezahlen. / Du wohnst gratis bei ihr. […] Sie sagt solche Sachen, damit du dich daran erinnerst.“ (S. 22) Darüber hinaus lanciert Viktoria für das neue Massagestudio auch noch eine teure Social Media-Kampagne, um Alexandra den Start zu erleichtern: „Alle ihre Ideen sind gut, und sie sind gut, weil sie etwas kosten dürfen und weil sie Marketingkurse belegt hat. Du hast das Plastikschäufelchen und sie den Bagger.“ (S. 53)

Alexandra gewöhnt sich bald an, etwaige Provokationen strategisch zu platzieren, um den Haussegen nicht zu gefährden: „Sie schnaubt. Es ist ein guter Zeitpunkt, um sie sauer zu machen. Du hast Geburtstag und später hast du Leute eingeladen. Sie wird sich zusammenreißen.“ (S. 28) Doch der Grat zwischen Großzügigkeit und Übergriffigkeit ist sehr schmal und die Abhängigkeit von der finanziell potenteren Freundin führt schnell in eine Spirale von Demütigung und Machtmissbrauch, aus der sich Alexandra kaum mehr zu befreien weiß.

Als nicht unoriginelle Idee entscheidet sich der Roman dann auch nicht nur für eine mögliche Auflösung, sondern bietet als zweiten Teil drei verschiedene Versionen an, wie sich die beiden Frauen miteinander arrangieren bzw. voneinander befreien könnten. So reizvoll dieser Kunstgriff ist, hätte man sich zumindest eine etwas dramatischere Variante erwartet, die den im ersten Teil immer wieder anklingenden Psychothriller, der tief in toxischen Beziehungsmustern gräbt, auch eskalieren lässt. Erzählerisch sehr gelungen ist allerdings die ungewöhnliche Du-Perspektive, die auf ideale Weise die gleichzeitige Distanz und Nähe der beiden Frauen sowie Alexandras totale Abhängigkeit von Viktoria vermittelt. Als feinsinnige Chronistin extremer Beziehungsdynamiken ist Christina König jedenfalls zu entdecken!

 

Veronika Hofeneder ist freie Literaturwissenschaftlerin und Lehrbeauftragte am Institut für Germanistik der Universität Wien; Mitherausgeberin der Werkausgabe von Vicki Baum (Wallstein, 2025). Forschungsschwerpunkte: Literatur und Kultur der 1920er- und 1930er-Jahre, Österreichische Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts, Literatur von Frauen, Literatur und Individualpsychologie, Feuilletonforschung. https://www.germ.univie.ac.at/veronika-hofeneder/

Christina König Alles, was du wolltest
Roman.
Salzburg: Otto Müller, 2025.
200 Seiten, karonierter Pappeinband.
ISBN: 978-3-7013-1328-0

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

Homepage von Christina König

Rezension vom 07.07.2025

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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