#Theater
#Debüt

Alle Farben im Schwarz. Monolog für drei Echos

Valerie Melichar

// Rezension von Marcus Neuert

Ich bin. Ich kann. Ich will.

Die traurige Tradition einer männlich geprägten Vorstellung davon, dass Frauen zu viel reden, reicht im europäischen Kulturraum zurück bis zum Anbeginn schriftlicher Aufzeichnungen und mutmaßlich weit hinein in orale Überlieferungen. Auch in der Neuzeit trifft dieser Topos immer wieder auf seine Literarisierung, zuletzt etwa in Romanen wie Vox der amerikanischen Autorin Christina Dalcher, in welchem ein fiktiver religiös-patriarchalischer US-Nachfolgestaat seinen Einwohnerinnen nur noch einhundert Worte am Tag zugesteht.

Die Wiener Theater- und Lyrikautorin Valerie Melichar hat mit Alle Farben im Schwarz den Mythos von Narziss und Echo aus Ovids Metamorphosen aufgenommen, allerdings mit einem deutlichen Fokus auf der weiblichen Hauptrolle, die sie, vielleicht nicht zuletzt aus inszenatorischen Gründen, auf drei Stimmen verteilt, welche einander immer wieder aufnehmen, weiterführen oder sich gegenseitig ins Wort fallen.

Die drei Stimmen, aus denen sich die Protagonistin gewissermaßen zusammensetzt, positionieren sich im antiken, in einem dörflichen und in einem großstädtischen Umfeld. Sie erscheinen wie eine Zusammenschau aller möglichen Lebenssituationen voll tiefer Vereinsamung und Verzweiflung. Doch dabei bleibt es nicht: die Stimmen sekundieren einander, beschreiben wechselseitig Situationen und innere Stimmungen der einen oder der anderen Lebenswelt. Es ist wie ein Angebot an die Leserin, das eigene Dasein je nach Umfeld an der dreigeteilten Protagonistin zu spiegeln, sich in diesem Spiel mit Zeit und Ort einzuordnen.

Es entstehen also unregelmäßige Verzopfungen aus den drei Stimmen, zu denen sich anfangs noch eine Erzählstimme wie aus dem Off hinzugesellt, welche die Passagen spricht, die „frei nach Ovid“ das mythologische Geschehen aufgreifen und in der Diktion der Autorin davon berichten.

Wichtiger als dies jedoch ist die allmähliche Ausformung der Persönlichkeit dieser auktorialen Echo, das Vorstellen ihrer inneren Nöte, mit dem so irrational geliebten Menschen auf eine angemessene Weise kommunizieren zu können. Irrational deshalb, weil zwar auch Melichars Narziss offenbar „schön“ ist, jedoch in keiner der drei von Echo bewohnten Welten einem Ideal nahekäme: weder in der großstädtischen Sphäre („So kam er vom Klo / wischte den letzten Tropfen Urin in die Jeans“) noch in der ländlichen („fuhr mit der großen Hand unter meinen Rock / zwickte mich kurz, aber fest in den Arsch“), und in seiner antiken Variante wird er gar „ganz schwachsinnig vor Verlangen nach sich“. Eigentlich nichts, was frau irgendwie brauchen könnte, doch so einfach funktionieren die Verstrickungen der Sinne mit der Seele eben nicht.

Echos Ausgangssituation ist die der kompletten Unterwerfung unter die Dominanz des Gegenübers: „Dich zu lieben heißt, dir ganz zuzustimmen / kein Wort zu gebrauchen, das du nicht schon probiert hast.“
Doch stellt sie die Verbindung zu ihrem schmerzlich geliebten Narziss (der auf der bäuerlichen Ebene freilich zu einem schwarzhaarigen „Hias“ wird und im urbanen Milieu gleich ganz namenlos bleibt) scheinbar durch einen Trick her: „Ich tu nur so, als würde ich nichts sagen.“ In ihren Repetitionen steckt ein Subtext: „Ich spreche über mich.“

Und die, wie Echo alsbald erkennt, noch viel wichtigere Beziehung zu sich selbst erschließt sie sich auf einem ganz anderen Weg der Kommunikation –  nämlich durch das Schreiben: „[…] da kommen Dinge / die ich so von mir noch nie gehört hab / da bin ich eine, die ich noch nicht kenne“. Die Autorin leiht quasi ihrer Protagonistin ihre für diese wichtigste Gabe.

Eingebettet in den Kontext des Mythos von der plappernden, auf niemanden hören wollenden Nymphe konstituiert sich Echo auch in ihren anderen Umwelten: „mein Ungehorsam / macht mich erst zu einer Figur in dieser / Geschichte“.

Freilich brauchen diese inneren Schübe der Persönlichkeitsentwicklung Zeit zu reifen und reflektiert zu werden. Rückschläge sind vorprogrammiert, wenn in Szene 17 etwa eine die Protagonistin interviewende Stimme Echo immer wieder unterbricht und ihr im Modus klassischen Mansplainings pseudo-tiefschürfende Erklärungen für ihre Befindlichkeiten in den Mund legt – am Ende kann sie, dergestalt empathielos zurechtgestutzt, auf die Abschlussformel „Frau Echo, ich bedanke mich für das Gespräch“ nur ihrer metaphorischen Namensbedeutung gerecht werden: „Ich bedanke mich für das Gespräch.“

Doch Schritt für Schritt nimmt Echo ihre Situation an, erkennt die Vergeblichkeit ihrer Bemühungen: „Mein Fluch ist nicht das Schweigen. […] Mein Fluch ist das Antworten. Die Unfähigkeit zu schweigen / angesichts des Rufes“.

Ein Ausbruch aus der familiären Enge des dörflichen Lebens, der übergriffigen Brüder, der gewalttätigen Mutter (in der sich womöglich die strafende Juno des Mythos spiegelt?) und eine Flucht nach massiven Missbrauchserfahrungen ist die Folge. Die moderne Echo flieht in andere Teile des Landes, in Jobs, in Männerbekanntschaften, in den bewaffneten Widerstand gegen die Gesellschaft gar: „Ich lernte mit schweren Gewehren umzugehen und ich kämpfte für die Freiheit aller Menschen.“ Eine weitere von Gewalt dominierte Beziehung mündet in die Scheidung. Auch davon, dass die Protagonistin den Mann ersticht, ist die Rede: Diese und andere immer wiederkehrende Doppeldeutigkeiten und Widersprüche weisen darauf hin, dass es sich weniger um das Nachzeichnen eines einzelnen weiblichen Lebens handelt, sondern eher um eine Personifikation beispielhafter weiblicher Schicksale, wie es sie zu allen Zeiten und überall auf der Welt immer wieder gegeben hat und gibt.

Das Erzählen folgt keiner stringenten Zeitachse, die Erlebnisse und Erkenntnisse der Protagonistin werden in ihren drei Echos immer wieder aufgespalten und mit den spezifischen Mitteln von Lyrik, Drama und Epik zu einem Konvolut verarbeitet, das alle Gattungen fruchtbar miteinander zu melangieren versteht und obendrein durch ständige Repetitionen, das unablässige Hin und Her der Stimmen, einen inszenatorischen Sog bewirkt. Die optische Anlage des Textes, überwiegend in dreispaltigem Querformat, weist auf den Partiturcharakter der Verschriftlichung und auch den lautmalerischen, im Grunde musikalischen Aspekt des Werkes hin: so beginnt das Stück (denn ein solches ist es am Ende eben doch) etwa mit einer Folge von Phonemen, die aufgenommen, variiert und einander zugespielt werden, bis sich das alte Kinderspiel Stein-Schere-Papier daraus formt.

Das Stück schließt mit den gewonnenen Einsichten in die Befindlichkeiten der drei Echos, die als eine zusammengehören: Ich bin. Ich kann. Ich will. Diese grundsätzlichen Erkenntnisse sind frei für ihre individuelle Ausgestaltbarkeit, gekennzeichnet durch nachfolgende Auslassungspunkte, etwa: Ich bin traurig. Ich kann weinen. Ich will heilen. Oder: Ich bin klug. Ich kann meine Fähigkeiten einschätzen. Ich will vorankommen. Ungeachtet der immer wieder auftretenden vergifteten Beziehungsstrukturen, die ja stets auch Abbild von Herrschafts- und Diskursstrukturen sind, die der Schwächeren ihre Stimme zu- oder aberkennen und auf tradierte weibliche Aufopferungserwartungen setzen wollen. Frau bedient sich ihrer Stimme, nimmt sich das Wort. Erfindet Worte, wenn es sein soll, wie die Autorin Valerie Melichar.

So entsteht ein faszinierendes Zusammenspiel vieler Facetten einer mythologischen Frauenfigur, die in unserer Kunst und Kultur immer wieder an den Rand gedrängt wurde und die die Autorin zu einer neuen Bedeutung erhebt. Valerie Melichar hat aus der Echo der Antike eine moderne Allegorie auf den schwierigen, aber notwendigen Weg der Selbstermächtigung des Femininen herauspräpariert.

 

Marcus Neuert, geboren 1963 in Frankfurt am Main, Studium der Kulturwissenschaften an der FU Hagen, lebt und arbeitet nach langjährigen Stationen in Hessen und Baden-Württemberg als Autor, Musiker, Literaturkritiker und Kulturarbeiter in Minden/Westfalen und Coswig bei Dresden. Für seine Texte, die in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften sowie in mehreren Einzelpublikationen veröffentlicht wurden (zuletzt: Imaginauten. Ein Morbidarium in 21 Erzählungen. Free Pen Verlag, Bonn 2018 sowie fischmaeuler. schaumrelief. anagrammatische miniaturen. edition offenes feld, Dortmund 2021), erhielt er u. a. Auszeichnungen bei PostPoetry NRW (2014 und 2022), beim Ulrich-Grasnick-Lyrikpreis (2017) und beim Lyrikpreis Meran (2021). Weitere Infos unter https://marcusneuert.jimdofree.com/

Valerie Melichar: Alle Farben im Schwarz. Monolog für drei Echos
St. Pölten: Literaturedition Niederösterreich, 2024.
104 Seiten, Hardcover.
ISBN 978-3-902717-76-4.

Verlagsseite mit Informationen über Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

Rezension vom 17.04.2024

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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