#Essay

Album von der traurigen und glücksstrahlenden Reise.

Peter Rosei

// Rezension von Anne M. Zauner

Peter Rosei, Österreichs rastlosester Autor, schreibt auch in seinem neuen Buch, dessen Texte sich vom Essayistischen, Feuilletonistischen bis zur Kurzprosa spannen, über das Reisen. Schon früh war er mit Karl May und später dann mit Jack Kerouac oder Joseph Conrad unterwegs in die Fremde. „Überhaupt jede Menge Entdeckungs- und Reiseberichte“ begleiteten ihn seit seiner Kindheit.

Wer sich von Rosei nun die Schilderung exotischer Schauplätze oder den Aufmarsch skurriler Einheimischer vor die strategisch gezückte Digitalbildkamera erwartet, wird bitter enttäuscht. Denn der Autor leitet seinen schmalen Band mit einem kleinteiligen Puzzle aus Gedanken, Notizen, Erinnerungssplittern, Reflexionen, Zitaten und Impressionen über das Reisen ein. Nicht immer scheinen die Teile in ein größeres Ganzes zu passen, manchmal muss der Autor mit der Nagelschere nachhelfen, um die Teile ineinanderzufügen. Doch die Miszellaneen sind, wie spätestens sein Zeitungsartikel über eine Fahrt nach Rumänien zeigt, nur ein Prolog im Buch, eine Fingerübung für die Beschwörung von Reisebildern.

(Wenn ich reise, bin ich immer im „Glimmer“: d. h. ich sehe besser, ich höre besser, rieche besser … ich bin meistens „high“ – ohne Drogen. – Und du, Leser?), heißt es programmatisch in einer Klammernotiz.

Mit drei Reisefeuilletons über „Transsilvanien“, „Auf Kreta“ und „In Russland“, die bereits 2000 und 2001 im „Spectrum“ der „Presse“ veröffentlicht wurden, ändert sich Roseis Schreiben jäh. Es gewinnt an Kraft und Intensität. Die Sätze verdichten sich, Bilder voll Sehnsucht und Poesie entstehen und es wird klar, dass der Autor trotz der unbestreitbaren Klugheit seiner Gedankensplitter im ersten Teil des Buchs zu allererst und überhaupt ein sinnlicher Autor ist, der eine karge Hügelkette irgendwo in Transsilvanien im Auge des Lesers spiegeln kann ebenso wie den Gewitterhimmel, der sich über Nischni Nowgorod zusammenbraut.

Und doch sind die drei Feuilletonartikel wieder nur Prolog für den letzten Text des Bandes mit dem schmucklosen Titel „Am Abend vor der Reise“. Hier wird das Reisen zu packender Literatur. Man sieht Peter Roseis Alter ego in einem Zimmer mit schnellen angespannten Schritten auf und ab gehen, ein wenig wie Rilkes eingesperrten Panther, voll nervöser Unrast, bereit loszustürzen. Bilder früherer Fahrten entzünden die Phantasie des Reisenden, Wüstengegenden dehnen sich im Zimmer aus, Städtelandschaften winden sich um die eine Gewissheit: Morgen reise ich ab. Herbei beschworene Gerüche betören die Sinne. Rosei ist im „Glimmer“. Und doch: die Geliebte kommt nicht mit. Immer muss der Reisende jemanden oder etwas zurück lassen. Der Rausch des Aufbruchs vermischt sich mit dem Rausch des Abschieds. Erinnerungüberschwang, wirklicher als die Wirklichkeit des bereits gepackten Koffers. Rosei kennt die magischen Beschwörungsformeln, die die Bilder aus dem Gedächtnis zurück ins Leben zwingen.

So ist er auch dann noch unterwegs, wenn er längst wieder am Schreibtisch in Wien sitzt und das Leben seinen gewohnten Gang nimmt, nach einer Abwesenheit von ein paar Wochen oder vielleicht Monaten, wenn er sich schreibend erinnert – und mit ihm reist der gebannte Leser.

Essays.
Graz, Wien: Droschl, 2002.
147 S.; brosch.
ISBN 3-85420-603-8.

Rezension vom 20.11.2002

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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