#Roman

abspenstig.

Ines Birkhan

// Rezension von Gerald Lind

Mit abspenstig hat die Wiener Autorin Ines Birkhan einen von entfesselter Imagination getragenen Roman vorgelegt. Die Vielzahl an originellen Einfällen hängt dabei keineswegs lose im erzählerischen Raum, sondern ist in ein so engmaschiges wie weit dimensioniertes Bedeutungs- und Handlungsnetz eingewoben. Birkhan gelingt in ihrem vierten Roman die ungewöhnliche Verschränkung von stringentem Storytelling mit grotesk-absurdem Humor, symbolischer Komplexität, Regionalkolorit (Schauplatz ist Altaussee) und unkonventionell-sprachbewussten Schreibweisen.

Der Ausbruch aus Denk- und Vorstellungsnormen geht dabei folgerichtig mit einem spielerisch-freien Umgang mit Erzählformen einher. Wie kann man – zum Beispiel – einen Handlungsteil literarisch fassen, der sich über 400 Millionen Jahre und mehrere Erdzeitalter und Evolutionsmomente erstrecken soll? Traditionelles Erzählen kann da leicht in der Sackgasse landen, Birkhan hingegen erfasst das Geschehen auf literarisch-innovative Weise über eine Serie komplex-surrealer, auf sublime Weise mit dem Haupthandlungsstrang verlinkter Prosaminiaturen: „manchmal war es unter wasser laut. kontinente schrammten aneinander, gebirge falteten sich auf, tiefe gräben klafften. jaekelopterus und andere skorpione hatten sich in riffspalten geflüchtet, bellerophon den fuß eingezogen, muscheln ihre schalen geschlossen, und das kind kauerte in einer felsnische.“ (32–33)

Überhaupt ist abspenstig einer Ästhetik der Entgrenzung verpflichtet, die auch in der Figurenzeichnung deutlich wird. Das Figurenarsenal umfasst eine nahezu vollständig blau tätowierte Popsängerin; einen als „Meister aus dem Erdaltertum“ (13) bezeichneten Seeskorpion; den Ausseer Orts-„Chief“ (= Bürgermeister) mitsamt seinem einer absurd-folkloristischen Freak-Show entsprungen scheinenden Gefolge; einen im Zeitraffer Altersphasen durch- und zurückmorphenden Mann mit Gehstock; das „haiähnliche Wesen“ (57) Cladoselache, und so weiter. Zudem ist die jeweilige Erscheinungsform keineswegs unveränderbar festgeschrieben. Im Laufe der Handlung wird aus dem Skorpion Jakobus Opter, „ein dunkelhäutiger Mann mit rotem Hut und einem Anzug aus einem edlen beigen Stoff mit roten Punkten. Das Muster entspricht dem des Skorpionpanzers.“ (72) Aus der Haifrau wird Clade Szelaski, „schwarzhaarig, etwas plump, aber schnittig gekleidet […]. Als sie sich Kat zuwendet, öffnet sich Cladoselaches Kiefer und eine Zunge rollt heraus.“ (72) Die Ausseerinnen und Ausseer wiederum sind ständig in Gefahr, in einer quasi-umgedrehten Pinocchio-Wendung zu verholzen, das heißt zu scheinbar leblosen Holzpuppen zu werden.

Das Auftreten dieser Figuren und die sich daraus ergebenden unerhörten Begebenheiten erfolgen in atemberaubender Geschwindigkeit. Ständig geschieht etwas, das man so noch nie gelesen (oder gehört oder gesehen) hat. Die einzig erfolgversprechende Lektürestrategie bei dieser überwältigenden Menge an Sinnesreizen und Bedeutungsmarkern ist deshalb wohl, sich schlicht und vollkommen, das heißt vollkommen unvoreingenommen, auf diesen Roman einzulassen. Nicht vorschnell Kopf schüttelnd aufzugeben, sondern ein wenig Geduld zu investieren, um diesen scheinbar kunterbunt-kontingenten Karneval zu ergründen. Die Investition lohnt sich nämlich, die Puzzlesteine setzen sich auf eigentümliche Weise zusammen. Ein vielgliedriger Mythos – wenn man so will – wird sichtbar, den Birkhan unter anderem mit Versatzstücken aus dem Ausseer-Brauchtum, mit der Kunstschnitzerei zuallererst, zu kreieren scheint. Ein mythologisch aufgeladener Bedeutungskomplex, der vielleicht gerade deshalb so faszinierend ist, weil keineswegs klar ist, ob Bezüge zum erwähnten Brauchtum oder anderen regionalen Spezifika einen Anker in der außerliterarischen Wirklichkeit haben. Oder ob es sich nicht bei diesem vieldeutig schillernden Referenzrahmen doch in erster Linie um Fiktion handelt.

Der Mythos, der aus dem semiotisch-semantischen Wirbelsturm des Romans entsteht, ist nun aber nur eines der basalen Momente von abspenstig. Ebenso wichtig und Leitmovens der Handlung ist Birkhans Auseinandersetzung mit den Ursachen und Auswirkungen kindlicher Traumatisierung sowie der Suche nach Heilung, ja Erlösung. Die Hauptfigur des Romans, Ekaterina „Kat“ Manos, Sängerin der Wiener Band Polly X, leidet unter rätselhaften, medizinisch scheinbar nicht kurierbaren Schmerzen. Einzig ein Hinübergleiten in eine andere Realität, zu einem riesigen Seeskorpion mit heilenden Kräften, scheint Hilfe zu versprechen. In einer Reihe von Sitzungen lässt sich Kat von diesem Skorpion nahezu am ganzen Körper blau tätowieren und, tatsächlich, die Schmerzen werden schwächer. Zur Tätowierung des letzten freien Fleckens Haut, die zum gänzlichen Verschwinden der Schmerzen führen soll, wird Kat vom Skorpion, der eigenwillig-erratische Züge trägt, nach Aussee bestellt. Im dortigen Narzissenbad soll die finale Sitzung für den Übertritt in die urzeitliche Unterwasserwelt des Skorpions stattfinden.

Doch hier tritt nun eine zunächst diffus bleibende Macht in Erscheinung, die offensichtlich verhindern möchte, dass Kat vollständig geheilt wird. Während sie dem Angriff entkommen kann, wird der Skorpion schwer verletzt. Eine Kette von Ereignissen wird hierdurch in Gang gesetzt, die letztlich Kat und den Skorpion in Begleitung der Haifrau zum Verlassen des Urmeers bewegt. Die Unterwasserwesen werden dabei zu Menschen, bei Kat verschwindet die blaue Tätowierung. Auftauchend in einem Felsdom im Ausseer Land treffen sie auf eine dort versammelte Menge von Einheimischen, die mit einer durchchoreographierten Mischung aus Volksfest und absurdem Theater beschäftigt scheint. Eine rituelle Handlung offenbar, die unter anderem mit den Holzfiguren einer seit Generationen ortsansässigen Kunstschnitzerfamilie in Verbindung zu stehen scheint.

Die Konfrontation mit den Ausseer:innen und den Implikationen ihrer rituellen Handlungen führt Kat an die Wurzel ihres Schmerzes, der wiederum über sie selbst und die Grenzen ihrer nur scheinbar vereinzelten Körperlichkeit hinausweist: „Bald kann sie kaum mehr entscheiden, welcher Körper zu wem gehört. Ein Zustand des Verfließens, aus dem nur eines mit Klarheit heraussticht – die diamantene Gestalt von Schmerz.“ (210) An dieser Stelle zeigt sich, dass der von Birkhan kreierte Mythos und das Traumatisierungsnarrativ einander im Sinne einer symbolischen Überformung von Gewalt- und Leiderfahrung bedingen. Ursprung und peinigende Präsenz der Schmerzen wirken allerdings keineswegs „symbolisch“ oder gar ästhetisiert, sondern vielmehr das Literarische transzendierend. Trotz nicht wiedergutzumachenden Leids gibt es aber, wie sich ganz am Schluss des Romans zeigt, doch auch die Möglichkeit zur Beendung des Ohnmachtsgefühls, zu Selbstermächtigung, Aufstand, Ausbruch, Loslösung. Dies gilt nicht nur für Kat als Hauptfigur des Romans, sondern verweist auch auf ein grundlegendes Potential von Literatur: Es ist möglich, mit den Mitteln der Fiktion individuelle wie kollektive Kopf- und Körpergefängnisse aufzubrechen, Wege ins Freie, zur Freiheit zu öffnen. Ines Birkhans grandioser Roman abspenstig zeigt dies auf beeindruckende Weise.

Roman.
Wien: TEXT/RAHMEN, 2022.
232 S.; brosch.
ISBN 978-3-903365-07-0.

Rezension vom 01.08.2022

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Informiert
bleiben

Sie können 3 Newsletter abonnieren:

  • Literaturhaus Wien News
  • Literaturhaus Wien Veranstaltungsprogramm
  • Österreichische Exilbibliothek News

Bitte schicken Sie uns eine entsprechende Nachricht mit dem Betreff „Newsletter bestellen“. Für Abbestellungen bitte im Betreff „Newsletter abbestellen“ schreiben.