#Prosa

Abra Palavra.

Dominik Steiger

// Rezension von Walter Wagner

sieh‘ ’n Gummi – All min Euter.

In 57 Texten, die aufgrund ihrer Kürze und rhythmischen Gestaltung durchaus als Prosagedichte bezeichnet werden können, tritt das lyrische Ich eine Reise um die Welt an. Fremde Landstriche und Metropolen tauchen auf, wechseln mit Namen, die nach Belieben aus der Geistesgeschichte des Okzidents zitiert werden, um alsbald in einem Winkel dieser verstiegenen Phantasien vergessen zu werden.

 

Ja, Dominik Steiger besinnt sich auf die Etymologie des Dichters als „Macher“, der sich der Sprache bedient, ihr Wort-Material dreht und wendet, es knetet und stampft. Alliterationen sind ihm zu billig, syntaktische Umstellungen sowie ad-hoc-Prägungen liegen ihm hingegen sehr.

Steigers poetische Zentrifuge bringt Erstaunliches hervor und zeigt mit verwirrender Originalität Facetten vertrauter Komposita oder Kollokationen. Er lässt etwa „elfen schlichten beine zu türmen“ und erklärt: „meine eltern haben mit mir schluss gemacht“.

Da bleibt kein Staunen trocken müsste man, von Steigers Permutationstick angesteckt, ausrufen. Seine anmutigen Einfälle überraschen und lassen den Virtuosen erkennen, der scheinbar spielerisch sprachliches Neuland erobert.

Gern täuscht er den Volksetymologen vor und schält den „holler“ aus „holland“ heraus und wartet gar mit einer „amsterdame“ auf.

Wer in diesem Büchlein nach Sinn sucht, wird sich bald der Vergeblichkeit seines Tuns bewusst, denn der Autor lässt sich von den Wörtern leiten und nicht von einer Geschichte, die zu erzählen wäre, daran ändern auch biografische Einsprengsel nichts.

Es ist dem Dichter um die Musik zu tun, die seine aus freien Assoziationen gewobenen Texte verströmen. Wenn „bert brest“ die Bretagne heimsucht oder auf einer Zugreise durch Japan von „fuji-kameraderie“ die Rede ist, dann legt der Dichter treffsicher die den Wörtern innewohnende schillernde Vieldeutigkeit frei. Und wenn er, „ecce abendländer“ ausrufend, den westlichen Rationalismus denunziert, vermögen seine Texte kaum ihren intellektuellen Anspruch zu leugnen. Hier will einer nicht nur spielen, sondern auch an-spielen und das mit sattem bildungsbürgerlichem Gestus.

Das „ABRA PALAVRA“ überschriebene Bändchen bietet eine bunte Sammlung genial-launiger Geistesblitze, die schon auf der ersten Seite einschlagen. Ängstlichen Naturen wird die Lektüre nicht empfohlen.

Prosagedicht.
Graz: Droschl, 2004.
72 S.; brosch.
ISBN 3-85420-669-0.

Rezension vom 17.09.2004

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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