#Lyrik

2nd happy shop.

Gerhard Ruiss

// Rezension von Peter Landerl

2nd happy shop: ein ungewöhnlicher Titel.
Ist da etwa Gebrauchtware enthalten, abgenütztes, unnützes Zeug? Oder Anleitungen zum Glücklich-Sein?
Zuerst fällt einmal die Fülle an Texten auf:
Lyrik, Mundartgedichte, Skizzen, Szenen, Dialoge. Elf Seiten umfasst das Inhaltsverzeichnis. Ruiss‘ Shop hat ein breit gefächertes Sortiment vorzuweisen.
Nehmen wir uns einen Einkaufswagen zur Hand und schon wird geshopt und konsumiert:

1. Eine Packung Gedichte: Ruiss experimentiert, schneidet die Wörter auseinander, kappt die Silben, setzt sie neu zusammen, verfremdet, um neuen Sinn zu erzeugen: „gegen den / anschlag / einen gegenschlag / gegen den / gegenschlag / einen gegenanschlag“. Oft verwendet er das Prinzip der Wiederholung, das gleichsam als Verstärker operiert. Manche Gedichte erzeugen einen Sog, in den der Leser hineingezogen wird: „ich habe zudem nicht den geringsten / und schon gar nicht gegen irgendeinen / den geringsten einwand / ich habe sowohl weder gegen einen geringsten / als auch gegen irgendeinen noch rein gar keinen / irgendeinen auch nur geringsten einwand / ich habe überhaupt nichts / gegen rein gar keinen einwand“. Dialektisch sind die folgenden Verse: „ich muß / mein leben / in ordnung bringen / ich muß / in meine ordnung / leben bringen“. Manchmal geht der Spieltrieb mit ihm durch, entstehen fröhliche, skurrile Wortgebilde.

2. Eine Handvoll Mundartgedichte: Am besten gefallen die Gedichte, wo Ruiss politische oder gesellschaftliche Missstände anspricht, wo er anklagt, sich wie ein Hund in seinem Opfer verbeißt: „weamma / scho seng / ob des ned kloppt / daß ana / dea auf deitsch / nix song kau / ned boid / auf deitsch / wos sogt.“ und: „do haumma uns / wos aundas / vuagschtöd ghobt / ois daß / jetzt scho a jeda / dea an tuaban trogt / heast oida / bist du deppad / sogt.“ Im Dialekt wirkt Ruiss am überzeugendsten, am authentischsten, da knüpft er nicht nur an die Tradition eines H. C. Artmann an, sondern entwickelt diese weiter.

3. Ins nächste Regal gegriffen, eine Schachtel voll Skizzen: Mit den Zahlen nimmt es Ruiss nicht so genau: „sieben oder 45 Skizzen“ werden angekündigt, beim Nachzählen kommt man aber weder auf sieben noch auf 45 Geschichten, auch nicht auf 7 und 45. Er entwirft Kürzestgeschichten, schlank und rank, auf wenige Sätze reduziert, dabei aber nicht abgemagert, gruppiert sie um Themen wie „Ankünfte“ oder „Haus & Garten“, „Sport & Mode“.

4. Zum Abschluss eine Dose Szenen in den Einkaufswagen gelegt: Zynisch, satirisch, spöttisch macht sich Ruiss in „Augenzeugen aus aller Welt“ über die Medienhysterie her, die jede noch so banale Äußerung in einen Sager verwandeln will, kritisiert in „Erfolgsaussichten“ die (nicht existenten) Beziehungen zwischen Kulturredakteuren und Autoren. „Jede Menge Spaß“ betitelt er eine Szene, wo er sich über den allseits grassierenden Spaßzwang lustig macht. In „Spitzengastronomie. Mini-Musical“ montiert er – Anleihen nehmend bei Antonio Fians Dramoletten – zwei Zeitungsausschnitte über George W. Bush, die den mächtigsten Mann der Welt in seiner abgrundtiefen Lächerlichkeit zeigen.

Ruiss‘ 2nd happy shop ist ein gut sortiertes Geschäft, mit geschmackvoll ausgewählten Waren, das für jeden Konsumenten etwas im Angebot hat. Ein wirklich gutes Buch, das beweist, dass Ruiss nicht nur in seiner Funktion als Verteidiger der Anliegen der Autoren, sondern auch als Schriftsteller eine einmalige Stellung einnimmt.

Gedichte, Skizzen, Szenen.
Wien: edition selene, 2003.
266 S.; brosch.
ISBN 3-85266-203-6.

Rezension vom 16.06.2003

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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