#Roman
#Debüt

23 Tage.

Martin Mandler

// Rezension von Angelo Algieri

23 – diese Zahl ist mittlerweile mystisch geworden: Symbol für den Illuminatenorden, Verschwörungstheoretiker ereifern sich an dieser Unglückszahl und sie bietet Stoff für etliche Romane und Filme. Etwa in William S. Burroughs Text „23 Skidoo“ oder im Film „23 – Nichts ist so wie es scheint“. Auch im Debütroman 23 Tage von Martin Mandler hat die Zahl eine Bedeutung – doch bei Weitem nicht so mystisch oder bedeutungsschwanger wie in Verschwörungstexten.

In Mandlers Tagebuchroman geht es um einen anonymen Ich-Erzähler, der ständig aus seinem gewöhnlichen Leben ausbrechen möchte. Er will nicht mehr ein Niemand sein. Eklatant wird dieses Gefühl, als seine Freundin Laura sich für 23 Tage eine Auszeit von ihrer Beziehung nimmt – vom 3. bis 25. November ist sie in London. Zu allem Überfluss fliegt sie zu ihrem zweiten Lieblingsmann: dem erfolgreichen und charismatischen Consultant Brad. Die ersten Tage denkt der Ich-Erzähler ständig an Laura – bis er am 10. November von seinem Dorf in der Eifel nach Berlin fährt. Er betrinkt sich dort und im noch besoffenen Zustand fährt er am 14. November gen Westen: An der belgischen Küste angelangt, überlegt er, ob er nach England gehen soll. Tatsächlich fährt er rüber und macht Halt zwischen Dover und London, lernt dort eine Frau kennen und sie schlafen miteinander – bzw. er hätte sie gerne kennengelernt und wäre mit ihr durchgebrannt. Doch stattdessen fährt er nach London und beobachtet das Boot an der Tower Bridge, wo Laura und Brad wohnen – und der Ich-Erzähler zögert und zögert, bis er sich entschließt zu gehen. Am 21. November verlässt er London und kehrt in die Eifel zurück, ohne Laura getroffen zu haben. Sie kommt planmäßig am 25. November an und nichts scheint wie es war – zumindest für den Protagonisten.

Mandler versteht es, die Gefühle des Protagonisten innerhalb dieser 23 Tage – Sehnsucht, Herausgerissenheit, Eifersucht und Leere – präzise zu beschreiben. Doch der Autor bleibt nicht auf dieser Beziehungsebene stehen. Denn er bringt ein zentrales Gefühl seiner Generation auf den Punkt: Sie wollen mehr sein als sie sind – sie fühlen sich gefangen in der Ambivalenz zwischen Aufbegehren, aufregendem Leben und dem Istzustand der Langweilige, zwischen Lebenslaufoptimierung und Lebenskunst, zwischen Angst und Mut zur Veränderung. Mandlers Ich-Erzähler beschreibt dieses Dilemma so: „Resignation und neuer Mut machen sich abwechselnd. Nein, nicht abwechselnd, sie machen sich gleichzeitig Platz in mir“.

Bezeichnend für diese zwei Pole stehen der anonyme Ich-Erzähler und Laura – ein „Niemand“ auf der einen Seite und die Projektionsfläche für Sehnsucht auf der anderen Seite: wie Laura in Petrarcas „Canzoniere“. Doch Laura birgt mehr Konnotationen: das Lateinische laurus, Lorbeere, steht sinnbildlich für Ruhm, nach dem der Protagonist strebt und den er nicht erreicht. Aber auch Verweise auf die Popmusik lassen sich herleiten, etwa Neks international erfolgreicher Song „Laura non c‘ è“ (Laura ist nicht da/Laura ist fort).

Martin Mandler, Jahrgang 1978, ist in Tirol geboren, hat in Wien studiert und gejobbt. Er lebt mit seiner Familie in einem Künstlerhof (Link: www.kulturtransistor.de) im Dorf Kail am Rande der deutschen Eifel. Der Autor bietet in diesem Hof den „Städter-Künstlern“ Aufenthalte, um sich fern von Großstadtablenkungen auf ihre Projekte zu konzentrieren. Mandler plädiert auf dieser Homepage dafür, sich dem Diktat des Geldes zu entziehen – erst recht in der Kunst. Allerdings zeigt sein Tagebuchroman sehr richtig den Zwiespalt, in den er mit diesem Anspruch gerät.

Dem gebürtigen Tiroler ist mit 23 Tage ein unaufgeregter, nachdenklicher Wurf gelungen, der noch viel erwarten lässt.

Roman.
Wien: Luftschacht, 2011.
144 S.; geb.
ISBN 978-3-902373-65-6.

Rezension vom 24.03.2011

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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