#Roman

12 Grad unter Null.

Anna Herzig

// Rezension von Daniela Chana

In ihrem neuen Roman 12 Grad unter Null zeichnet Anna Herzig die Dystopie einer Rechtsordnung, in der zwischenmenschliche Beziehungen ausschließlich monetär bewertet werden und in der Frauen die Verliererinnen sind. Raum für Hoffnung lässt die Autorin dabei kaum.

Es beginnt wie ein gruseliges Märchen: Im fiktiven Ort Sandburg wird ein neues Gesetz eingeführt, das es Männern erlaubt, von den ihnen nahestehenden Frauen sämtliche Kosten zurückzufordern, die diese ihnen im Laufe der Jahre verursacht haben. Binnen kurzer Frist sind die Frauen gezwungen, etwa den Wert von Geschenken, Essenseinladungen oder Darlehen zurückzuzahlen, andernfalls folgt ein Eintrag in ein öffentliches Schuldenregister, das die Betroffene de facto entmündigt. Die Handlung spielt in sehr naher Zukunft – das Jahr 2024 wird genannt und einige Male auf eine kürzlich stattgefundene Pandemie verwiesen.

Im Zentrum der Handlung steht die Künstlerin Greta, die in der einkommensschwächsten Gegend des Ortes wohnt und gerade mit ihrem ersten Kind schwanger ist. Überraschend verlangt ihr Mann per Anwaltsbrief das Geld zurück, das er in den letzten sieben Jahren für sie ausgegeben hat. Parallel dazu ist auch Gretas Schwester Elise mit Forderungen ihres Ex-Freundes konfrontiert, die sie mit ihrem Teilzeitjob am Theater niemals stemmen können wird. In der Notlage kommen die Traumata aus der Kindheit hoch: Einst haben die Schwestern unter einem gewalttätigen und psychisch labilen Vater gelitten, Greta hat diese Konstellation in ihrer eigenen Ehe wiederholt.

Zu den genretypischen Merkmalen von Märchen gehört das Spiel mit Symbolen und Allegorien, das die Autorin durchaus gut beherrscht. Ein weiteres Kennzeichen ist die Schwarz-Weiß-Malerei. Insofern mag es stilistisch konsequent sein, dass Herzig Männer ausschließlich als „Täter“ und Frauen überwiegend als „Opfer“ darstellt. Auch jene Frauen, die als Politikerinnen maßgeblich am Sandburger Gesetzesentwurf und dessen Umsetzung beteiligt sind, werden als Leidtragende enttarnt, die bemüht sind, ihre schwierige Situation durch besonderen Opportunismus zu verbessern. Inhaltlich wird durch diese Überspitzung jedoch eine diskursive Chance vergeben: Der Erkenntnisgewinn der Lektüre wäre größer, wenn die Ausrichtung des Textes nicht von Anfang an feststünde.

Nur an einer einzigen Stelle wird eine differenziertere Perspektive zugelassen, die auch der schwierigen Lage von Männern Rechnung trägt: Als die Künstlerin Greta über den Kulturbetrieb reflektiert, heißt es: „Kunst in Sandburg war ausschließlich weiblich. Die Männer arbeiteten in den richtigen Berufen, denen, die Geld brachten. Als Mann Künstler zu sein, würde in Sandburg einen sofortigen gesellschaftlichen Ausschluss zur Folge haben.“ (S. 64) Hier wird zum einzigen Mal im Text spürbar, dass auch Männer unter der Ökonomisierung der Gefühlswelt und der Starrheit der Geschlechterrollen leiden. Etwas mehr von dieser Ausgewogenheit – und der satirischen Qualität, die sich in diesen Zeilen offenbart – hätte dem Roman gutgetan.

Roman.
Innsbruck: Haymon Verlag, 2023.
144 S.; geb.
ISBN 978-3-7099-8192-4.

Rezension vom 05.06.2023

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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