In regelmäßigen Abständen, mit jedem neuen Medium, das auf den (Buch-)Markt kommt, wiederholt sich der Abgesang auf das gedruckte Buch. Schon vor hundert Jahren wurde einer damals wirklich bahnbrechenden Innovation, dem Radio, nachgesagt, es würde dem Buch den Todesstoß versetzen. Sobald man aber in eine Buchhandlung geht oder gar eine Buchmesse besucht, werden all die Unker:innen definitiv Lügen gestraft.
Allein in Österreich gibt es über 150 Verlage, die jährlich tausende Neuerscheinungen herausbringen. Und den Statistiken zufolge machen etwa vier Fünftel des Gesamtumsatzes im Buchhandel immer noch Hard- und Softcover aus1. Aussterben sieht anders aus. Was aber den Verlagen – wie auch anderen Branchen – zu schaffen macht, sind die steigenden Kosten für ja eigentlich alles, vom Betrieb über Lohn bis zur Buchherstellung selbst. Dazu kommt noch der Marktdruck der großen deutschen Verlagshäuser, die sich schlicht bessere Präsenz und Werbung leisten können. Zwar gibt es in Österreich die Verlagsförderung durch das zuständige Bundesministerium und darüber hinaus kann bei einigen Bundesländern und Städten zusätzlich um Einzelförderungen in Form von Druckkostenzuschüssen angesucht werden, das bedeutet aber wiederum Abhängigkeit von den politischen Verhältnissen.
wahnwitzig und wirtschaftlich unvernünftig
Vor diesem Hintergrund scheint es fast eine wahnwitzige Idee zu sein, einen neuen Verlag zu gründen. Und all das weiß und kennt auch Stefanie Jaksch aus ihren bisherigen beruflichen Stationen nur zu gut. Wie „unvernünftig“ ihr Vorhaben nach wirtschaftlichen Kriterien sei, haben ihr befreundete Unternehmensberater:innen mehrfach bestätigt. Das Unverständnis ihres aus den USA kommenden Partners auf ihre geäußerte Befürchtung „Was ist, wenn ich keine Pension daraus haben werde?“, führte ihr aber die Absurdität dieser Sichtweise vor Augen, basierend auf der in unserer Gesellschaft so typischen „Fehlervermeidungskultur“. Wichtig war für die Verlagsgründerin also erst einmal, ihre bisherige Vorstellung von Selbstständigkeit und wirtschaftlichem Erfolg zu hinterfragen. Schnell war klar, dass es nicht das Ziel ist, ein neues Traditionshaus aufzubauen (“Sollte das dabei rauskommen, wäre es natürlich auch gut.“), vielmehr wollte sie das Thema Verlag grundsätzlich anders denken und umsetzen. Und auch auf die Frage, wie ein mögliches Scheitern konkret aussehen würde, fand sie letztlich nur recht unspektakuläre, wenig abschreckende Antworten.
Am Ende dieser Überlegungen stand fest, es nicht zu versuchen, ist völlig ausgeschlossen. „Das Wichtigste ist doch, dass es in dieser Zeit, in der es den Verlag gibt oder gegeben hat, es für mich und all die beteiligten Leute gut ist und war. Und das, was entstanden ist, nimmt mir ja niemand mehr.“ Wie kann also Bücherverlegen in der Zukunft aussehen? Mit dem Gedanken, Bücher zu machen, spielt Stefanie Jaksch bereits seit 25 Jahren, als sie nach ihrem Studienabschluss anfing, die ersten Praktika bei deutschen Verlagen zu machen. Doch aus dem damals noch romantisch verklärten Traum von einer holzvertäfelten Wirkungsstätte mit einer Wendeltreppe, viel Kaffee und noch mehr Büchern wurde vorerst nichts. Stattdessen machte sie ihren ersten beruflichen Erfahrungen mit Texten als Dramaturgin am Theater.
Venedig und Verlag
2011 zog sie schließlich nach Wien, um „endlich richtig etwas mit Büchern zu machen“, etwa in einer Buchhandlung zu arbeiten. Wie der Zufall es wollte, war es eine Buchhandlung, deren Besitzerin (noch so eine mutige Frau!) auch noch einem alten Traditionsverlag aus den 1950ern wieder neues Leben einhauchen wollte2. Für Stefanie war das die Möglichkeit sich zu versuchen und dabei zu lernen, ohne sich als „Verlegerin“ beweisen zu müssen.
Die nächste Station war der Wiener Verlag Kremayr & Scheriau, wo sie erst als Programmchefin für Sachbuch und Essayistik und später auch als Verlagsleiterin tätig war, immer aber wissend um den geschützten Raum einer Fixanstellung. Als sie Anfang 2023 den Verlag verließ, passierte etwas, was Sie selbst im Nachhinein als „wirklich komisch“ beschreibt. Schon am nächsten Tag saß sie mit ihrem Freund an einem lauschigen Kanal in – und da ist es – Venedig, blickte aufs Wasser und wusste plötzlich mit einer absoluten Gewissheit, dass sie einen Verlag gründen wird. Vielleicht nicht sofort, aber es wird ihn geben und er wird WASSER heißen. So wie die tollkühnen Erbauer:innen von La Serenissima dem Meer diesen Lebensraum abtrotzten, so war sich auch Stefanie Jaksch darüber im Klaren, dass einen Verlag aufzubauen, vor allem eines von ihr verlangen werde: Kühnheit. Und außerdem „fängt auch beides mit V an, Venedig und Verlag!“
Erstmal gründete sie aber die Agentur In Worten, mit der Intention, Verlagen, Kulturinstitutionen, Agenturen und Unternehmen dabei zu helfen, Buch- und Textprojekte zu realisieren. Dieser Zwischenschritt half ihr, die Selbstständigkeit zu erproben und herauszufinden, wie ihr Umgang mit Organisation, Finanzen und der eigenen Arbeits- und Freizeit aussieht. In dieser Zeit lektorierte sie viel, moderierte oft und hat vor allem selbst ein Buch geschrieben3.
Wertvolle Erfahrungen, die erst durch ihre neuen Lebensumstände möglich waren. Vor allem das eigene Schreiben erlaubte ihr, nicht nur die Perspektive von Autor:innen kennenzulernen, „es half und hilft mir jedes Mal, in Zeiten des eigenen Strudelns, wieder Klarheit zu gewinnen“.
Am Ende dieser Entwicklungsjahre könnte man sich das Bild eines Verlagsvorzimmers vorstellen, und in all den möglichen unterschiedlichen Paar Schuhen, die da in der Garderobe stehen, hat Stefanie Jaksch ein paar eigene Schritte gemacht. Und um nochmal zurückzukehren zu der anfänglichen Romantik von der hölzernen Wendeltreppe und dem vielen Kaffee: An der hat sie sich in diesen rund vierzehn Jahren im Buchgeschäft gründlich abgearbeitet und stellt im Gespräch klar: „Natürlich gibt es viele wirklich schöne Momente, aber romantisch ist am Schreiben und am Bücherherstellen, mit all den Dingen, die dazu gehören, rein gar nichts.“
Stattdessen braucht es viel Durchhaltevermögen, Disziplin und Sitzfleisch und nicht zu vergessen Geld, das handwerkliche Knowhow und eine gehörige Portion Idealismus. Was vielleicht den kleinen Unterschied in Stefanies Herangehensweise ausmacht, ist ihre Bereitschaft, sich dem, was kommt erst einmal uneingeschränkt und ohne Filter auszusetzen, jedoch nicht ohne mittlerweile gelernt zu haben, sich dabei nicht selbst zu verlieren und zu erkennen, an welchem Punkt es einer professionellen Distanz bedarf. Verlagsarbeit besteht für sie neben den wirtschaftlichen, organisatorischen und administrativen Notwendigkeiten ganz viel aus „Care-Arbeit“. Ob es die Buchhaltung, der Umgang mit dem jeweiligen Gegenüber, oder das eigene Wohlbefinden ist, „nichts darf dir egal sein, denn alles braucht die gleiche Aufmerksamkeit und eben Fürsorge“.
Offenheit Ehrlichkeit Sorgfalt
Das „Heranmäandern“ an den Punkt, wo der 25 Jahre lang gehegte Traum vom “Büchermachen“ endlich Wirklichkeit wurde, war für die Neoverlegerin essenziell, um zu lernen, den eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Manchmal – gibt sie offen zu – denkt sie aber über die Gefahr einer möglichen Hybris nach, die der Position als Verlagsleiterin innewohnen kann und der sie sich aufgrund des Wissens um ihr eigenes Können und der vorhandenen Erfahrung durchaus bewusst ist. Denn letzten Endes trifft sie die Entscheidung darüber, ob etwas zum Verlag und zum Programm passt, oder eben nicht. „Aber ich sehe es auch als Qualitätssicherung. Und genau dieser Gestaltungswille schafft ja einen konkreten und erlebbaren Raum, zu dem sich andere zugehörig fühlen können.“
Um herauszufinden, welche Kriterien, oder besser, welche Werte sowohl für ihre Agentur In Worten als auch für Ihren Verlag zentral sein sollen, half ihr der MUTplaner4 des deutschen Aktionskünstler:innenkollektivs Radikale Töchter, mit dessen Hilfe frau zudem auch ihren „Mutmuskel“ trainieren kann. Am Ende waren es Offenheit, Ehrlichkeit und Sorgfalt – diese drei Begriffe sind für Stefanie Jaksch immer noch essentiell und machen letztlich auch die Identität des Verlags aus. Offenheit, sich zum Beispiel auf andere Lebensrealitäten einzulassen, weil viele Autor:innen schon aus der nächsten und übernächsten Generation kommen; Ehrlichkeit im Gespräch, wenn es etwa darum geht, das Beste aus dem Text zu machen, und natürlich Sorgfalt, mit der alles, auch die kleinste Kleinigkeit, getan werden soll.
Raum für sanften Widerstand
WASSER Publishing bedeutet für Stefanie Jaksch, einen Raum zu schaffen, genauer gesagt, einen Raum für sanften Widerstand. Dieser Widerstand ist kein rebellisch lauter oder revolutionär kämpferischer, sondern einer im Kleinen und Alltäglichen gelebter. Etwa gegen Formen der Vereinzelung, wie sie im Gespräch erklärt. Denn niemand in unserer Gesellschaft sollte sich mit Problemen, Schwierigkeiten oder auch Ängsten allein fühlen müssen. Damit dieser Raum möglichst offen, niederschwellig und vielfältig bleiben kann, braucht es ihrer Meinung nach vor allem Sanftheit.
„In der Sanfheit liegt für mich persönlich eine viel größere Stärke als in einem gewaltvollen oder erzwungenen Gegen-etwas-Sein. Sanft bleiben hat damit zu tun, veränderbar und berührbar, aber dabei widerständig zu sein gegen den alltäglichen Wahnsinn und wenn es notwendig ist, auch mal etwas zu sagen.“ Nicht zuletzt bedeutet diese Form von Widerstand auch, sich gegen übliche Klassifizierungen zu stellen, denn wer bestimmt, was wichtig, richtig und gut ist oder eben nicht? Bedeutung erlangt etwas schon allein dadurch, dass es uns bewegt, so Stefanie, und sie zitiert einen Satz aus dem Buch alles fühlen (WASSER Publishing, 2025) von Clara Porák, einer ihrer ersten Autor:innen: „Es gibt keine kleinen Dinge.“
Die Verlagsarbeit verrichtet Stefanie Jaksch wohlweislich nicht allein. In Ursula Rinderer hat sie eine Gleichgesinnte, Freundin und vor allem ein wichtiges Korrektiv, wenn die Ideen wieder mal zu sehr fließen. Außerdem bringt die frühere Arbeitskollegin aus der Zeit bei Kremayr & Scheriau so nebenbei auch noch über zehn Jahre Erfahrung in der Verlags- und Kulturbranche mit. Julia Wagner verstärkt seit Herbst 2025 das kleine Team und bringt ihr Spezialwissen aus den Bereichen Film- und Hörspielproduktion, Organisation und Vertrieb mit ein. Mit der Kommunikationsexpertin Hannah Zach und der PR-Agentur Wolkenlos hat WASSER Publishing auch externen professionellen Support. Und nicht zuletzt sind da Stefanies ganz persönliche „Sparringpartner:innen“, enge Freund:innen aus verschiedensten Lebensbereichen, die aus vielerlei Gründen mehr als nur ein hilfreiches und unterstützendes Gegenüber sind.
Untiefen Gletscher Stromschnellen
Das erste Verlagsprogramm von WASSER Publishing erschien im Herbst 2025. Drei Bücher dreier Autor:innen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und mit denen der Verlag nicht nur seine inhaltliche Ausrichtung präsentierte, sondern auch gleich drei neue „Fließrichtungen“ eröffnete. Sterben lernen auf Japanisch von Milena Michiko Flašar taucht ein in die UNTIEFEN des Wassers, Clara Poráks alles fühlen wird zu GLETSCHER und Norbert Trawögers Zuckerbutterbrottage. Ein Zuruf treibt es mit den STROMSCHNELLEN am turbulentesten. Drei Essays, die sich mit dem Leben im Kern, mit Herkunft, Entwicklung und der Endlichkeit auseinandersetzen.
Im Frühjahr 2026 sind es weitere drei Essays von Clar Gallistl, Nicole List und Regina Denk, rund um Empowerment, Kulturarbeit und der Aufforderung, reden zu müssen5.
Und manchmal erzeugt Wasser auch einen STRUDEL, der eine ungeheure Kraft entwickeln kann und alles mit sich zieht. Mit dem gleichnamigen Format, dessen Beiträge direkt auf der Webseite publiziert werden, sollen möglichst niederschwellig jene Stimmen eine Plattform bekommen, die sich trauen, über ihre Momente des „Ins-Strudeln-Geraten“ zu schreiben. Auch hier werden den Interpretationsmöglichkeiten von Strudeln, den Themen und der Textform nicht von Vornherein Grenzen gesetzt. Die Idee ist, dass sich dieses Projekt insoweit verselbstständigt, als ein:e Autor:in eine:n andere:n vorschlägt und so ein Text den nächsten ergibt, ohne Masterplan und ohne große Kontrolle, aber voll Überraschungen, Nervenkitzel und Aha-Momenten.
Noch ist WASSER Publishing für Stefanie ein „Verlagsprojekt“, dessen weitere Entwicklung zwar nicht mehr rein in den Sternen steht, aber auf jeden Fall viel Offenheit zulässt. Denn Wasser fließt und wenn es auf ein Hindernis trifft, findet es einen Weg, manchmal als zerstörerischen Hochwasser, viel öfter aber als kleines Rinnsal, das sich einfach nicht aufhalten lässt. Ob dieser Weg, einen Verlag ein wenig anders, irgendwie neu und mancher Hinsicht unkonventionell zu führen, funktionieren wird, bleibt für sie auch in unserem Gespräch eine offene, weil eigentlich irrelevante Frage. Vielleicht auch, weil „es eben kein Verlag im eigentlichen Sinne ist…oder doch?“
Möglicherweise werden einige von Ihnen zu Wasserläufer:innen, also Autor:innen im Verlag oder zumindest zu Leser:innen der Bücher. In beiden Fällen aber auf die eine oder andere Art Teil einer wachsenden Gemeinschaft von sanften Widerständigen. Stefanie Jaksch und ihre Kolleginnen haben sich definitiv entschieden, den sicheren Beckenrand loszulassen, um sich mit Freude und Lust ins offene, weite Wasser zu wagen. Weil Wasser trägt sie und wenn wir wollen auch uns.
Für die ersten Schwimmzüge: www.dasistwasser.com/verlag
Daniela Fürst ist Kultur- und Mediensoziologin und seit 2004 redaktionell sowie organisatorisch Teil des Projektes literadio, das Gegenwartsliteratur hörbar macht.
