
Selma Asotić wird als aktueller Friederike Mayröcker Residence-Gast in den Monaten Mai und Juni 2026 in Mayröckers (1924-2021) ehemaliger Schreibwohnung in Wien leben und arbeiten.
Asotić wurde, wie alle 5 Residence Gäste 2026 von einer dreiköpfigen Jury ausgewählt, der die Autor:innen Heike Fiedler (CH/D), Josef Haslinger (A) und Monika Rinck (D) angehören. Das in Gedenken an eine der bedeutendsten österreichischen Dichter:innen initiierte Residence-Programm richtet sich speziell an Lyriker:innen und bietet jährlich fünf Dichter:innen einen jeweils 2-monatigen Schreibaufenthalt.
The question for any poet is simple: what is the role of poetry in an era of mass unrest and growing injustice? What can we, as poets, offer at a time when poetry seems to be the last thing on anyone’s mind?
Selma Asotić, 1992 im belagerten Sarajevo (Bosnien-Herzegowina) geboren, studierte zunächst in ihrer Heimatstadt Komparatistik und machte später ihren Master of Fine Arts in Poesie an der Boston University, wo sie eng mit dem US-amerikanischen Poet Laureate Robert Pinsky zusammenarbeitete. Asotić gab von 2017 bis 2021 die in Sarajevo erscheinende feministische Theorie- und Kunstzeitschrift BONA heraus und ist als Übersetzerin und Dolmetscherin tätig. Ihr erster Gedichtband Reci vatra wurde im Frühjahr 2022 sowohl in Serbien als auch in Bosnien und Herzegowina veröffentlicht, mit dem Stjepan-Gulin-Preis (2022 ) sowie dem Štefica-Cvek-Preis (2023) ausgezeichnet. Die deutsche Übersetzung erschien im November 2025 unter dem Titel Sag Feuer in der edition suhrkamp (aus dem Bosnischen übersetzt von Marie Alpermann und Rebekka Zeinzinger).
Selma Asotić ist auch die Gestalterin der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift flugschrift. flugschrift No 55: Ljubavne pjesme za sahrane i revolucije / Liebesgedichte für Begräbnisse und Revolutionen. Die von Asotić gestaltete und von Rebekka Zeinzinger übersetzte Ausgabe geht der Frage nach, welche Rolle die Poesie in einer Zeit massiver Unruhen und wachsender Ungerechtigkeit spielt und untersucht das revolutionäre Potenzial des intimsten, introspektivsten Genres – der Liebeslyrik.
In einer Zeit der militärischen Spezialoperationen und Selbstverteidigungsmanöver den Trauerschleier abnehmen, der Sprache ihre Würde zurückgeben. Über die Liebe, das Substrat jeder Revolution, zu schreiben, bedeutet, in seinem Hoffen militant zu bleiben, im Gegensatz zu den Kanzlern und Generälen, die uns ausrichten lassen, jegliche Hoffnung vor den Toren der Hölle zu lassen, in die sie uns stoßen wollen. Die Hölle nicht zu akzeptieren. Die Hoffnungslosigkeit nicht zu akzeptieren. Die Liebe zu besingen. Nie hatte die Poesie eine andere Aufgabe.
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