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Leben in Prosa

Mo. 28.7.2025

Eine Ausstellung im Linzer Stifterhaus zeichnet Leben und Werk der Autorin Brigitte Schwaiger nach

// von Marianne Jungmaier

Unter dem Titel „Wenn man schreibt, hält man das für Realität, was man schreibt.“ zeigt das Stifterhaus Linz eine Ausstellung über die Schriftstellerin Brigitte Schwaiger (1949-2010). Der von Germanist und Kurator Stefan Maurer sorgfältig zusammengestellten Schau gelingt es, ein differenziertes Bild der Autorin zu zeichnen, die 1977 mit ihrem Debütroman Wie kommt das Salz ins Meer einen Welterfolg hatte, dessen Folgen sie ein Leben lang beschäftigten.

Zu sehen sind in dieser ersten umfassenden Personale noch bis März 2026 Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, Video-Mitschnitte, Fotografien, Korrespondenzen, Bücher, Gemälde und Zeichnungen der Autorin. „Hier [im Stifterhaus, Anm.] ist genau der richtige Ort, die Autorin nach ‚langer Abwesenheit‘, wieder in das ‚Schöne Licht‘ der Öffentlichkeit zurückzuholen, um zwei ihrer Buchtitel in diesem Kontext zu zitieren“, so Maurer, der sich jahrelang mit Werk und Person der oberösterreichischen Autorin beschäftigt hat.

Das Titelzitat verweist darauf, dass sich Brigitte Schwaiger Zeit ihres kurzen Lebens im Spannungsfeld zwischen Erfolg und Armut, Öffentlichkeit und Privatheit, Kunst, Alltag, Ruhm und Prekariat bewegte. Die Ausstellung nähert sich der breiten Schaffenspalette der Schriftstellerin, die zahlreiche Romane, Theaterstücke und Gedichte verfasste und darüber hinaus eine talentierte Malerin war, aus unterschiedlichen Perspektiven an.

Im Erdgeschoss des Stifterhauses finden sich neben einer ausführlichen Biografie und sämtlichen literarischen Buchveröffentlichungen der Autorin Stationen zur Entstehung ihres Bestsellers, zur medialen Inszenierung ihrer Autorinnen-Persona und Schwaigers Verweigerungsstrategien dieser Inszenierung sowie zu ihrem Umgang mit Öffentlichkeit. Neben dem literarischen Oeuvre bildet visuell wie inhaltlich Schwaigers bisher kaum bekanntes bildnerisches Werk einen Schwerpunkt.

Wie deutlich wird, kam Schwaigers literarischer Erfolg nicht von ungefähr und auch nicht über Nacht. Die Schriftstellerin, die bereits mit 17 Jahren – mehr als zehn Jahre vor ihrem großen Erfolg – erstmals in den Südtiroler Nachrichten literarisch publizierte, bemühte sich aktiv, im Literaturbetrieb Fuß zu fassen. Sie bat (damals) bekannte Kolleg:innen wie Herbert Eisenreich um Unterstützung, schrieb die Zeitschrift manuskripte und den Residenz Verlag an.

Der große Erfolg gelang Schwaiger schließlich 1977 mit ihrem Roman Wie kommt das Salz ins Meer, der sie ins Rampenlicht katapultierte. Das Buch, in dem eine namenlose Ich-Erzählerin von ihrer unglücklichen Ehe in einer patriarchalen Gesellschaft erzählt, traf den Nerv der Zeit. Mehr als 100.000 verkaufte Bücher in kurzer Zeit, Übersetzungen, Einladungen zu Buchmessen, Fernsehinterviews folgten. Prominente Schriftsteller:innen wie Friedrich Torberg oder Peter Henisch schrieben Rezensionen. Gertrude Fussenegger setzte sich dafür ein, dass Schwaiger 1984 den oberösterreichischen Landeskulturpreis zugesprochen bekam.

Wie aus vielen, sorgsam aufbereiteten Zeitdokumenten ersichtlich wird, stellten die damaligen Medien die junge Autorin als „Fräuleinwunder“ dar und schrieben über sie in Hinblick auf Beziehungen, Männer oder Religion. Sämtliche Texte wurden von großen Portraits begleitet, die deutsche Zeitschrift Stern ging so weit, ein Baby-Foto der Autorin mit „Pin-up“ zu betiteln. Schweigers Schriftstellerinnen-Persona wurde im „male gaze“ der Presse zu einem Objekt der Begierde.

Dem gegenüber stellt die Ausstellung Belege, die die große Ernüchterung Schwaigers nach diesem Erfolg belegen. Sie begann, sich der von anderen entworfenen Inszenierung zu verweigern, lehnte unter anderem eine Teilnahme am Bachmann-Wettbewerb oder eine Aufnahme in die Grazer Autorenversammlung ab, um nicht (mehr) vereinnahmt oder verurteilt zu werden. In Interviews war ein unsicherer Mensch zu erleben, den die Mühlen des Literaturbetriebs mitgenommen hatten.

Im Manuskript Albertonis Buch, das 1990 erweitert und verändert als Schönes Licht (Langen Müller, 1990) erschien, kritisiert und thematisiert Schwaiger den Literaturbetrieb. Vor allem den Umgang von Verlagen mit Autorinnen stellte sie als problematisch dar. Schwaiger solidarisiert sich mit der deutschen Kollegin Karin Struck, die wie sie große Anerkennung für ihr Debüt, den 1973 bei Suhrkamp erschienenen Roman Klassenliebe, bekam und später mit den Folgen zu kämpfen hatte.

Mit ihren nachfolgenden Werken konnte Schwaiger nicht mehr an den Erfolg des Debüts anknüpfen. Presse, Kritik und Unterstützer ließen sie fallen. Die Autorin arbeitete weiter und lebte, auch nach anfänglichem großen finanziellen Erfolg, die letzten Jahre in prekären Verhältnissen und war auf Sozialhilfe angewiesen. Die Ausstellung macht deutlich, wie stark Schwaigers Biografie ihr Schreiben geprägt hat.

„Das Spiel mit Fakt und Fiktion hat sie bis zum Prinzip der absoluten literarischen Selbstentblößung beherrscht wie kaum eine andere Schriftstellerin“, so Stefan Maurer. „Sie kann als Patin des heute publikumswirksamen Genres der Autofiktion bezeichnet werden.“

Schwaiger thematisierte in ihren Texten den Druck von Öffentlichkeit und Branche, dem Bild entsprechen zu müssen, das von ihr gezeichnet worden war, aber auch die Beziehung zu ihrem Heimatort Freistadt im Mühlviertel, ihr gesellschaftspolitisches Engagement, etwa für Tierrechte und gegen die Präsidentschaft Kurt Waldheims, oder ihren prekären Status als mittellose Schriftstellerin und Psychiatriepatientin.
Armut und Krankheit begleiteten Brigitte Schwaiger in den letzten Jahren ihres Lebens.

Die letzte Station der Ausstellung befasst sich mit Schwaigers Versuchen, Traumata und Lebensthemen literarisch und künstlerisch aufzuarbeiten. Sie zeigt Briefwechsel mit Kolleg:innen wie Andreas Okopenko, der sich über ihren Gesundheitszustand besorgt zeigte.

Erschütternd zu lesen sind die Berichte zu ihrem Suizid im Jahr 2010. So findet sich ein polemischer Artikel in der Tageszeitung Die Presse, der hämisch über ihr Leben als gescheitert berichtete: „Reisende soll man nicht aufhalten“ steht da als Kommentar zu Schwaigers Selbstmord.

Den sichtbarsten und prominentesten Teil der Ausstellung bilden jedoch Brigitte Schwaigers Bilder. Als Gegenpol zu ihren literarischen Werken hängen sie an der Rückwand des Saals – großflächige kräftige Malereien, die Talent, Tiefe und Feingefühl offenbaren. Die mehrheitlich unbetitelten Arbeiten wurden teilweise in privaten Sammlungen gefunden und zeigen Szenen aus Freistadt, Landschaften, Personen und Selbstportraits.

Diese prominente Positionierung ihrer bildnerischen Arbeiten kann als Kommentar gedeutet werden: Brigitte Schwaigers Leben war ein der Kunst anheimgegebenes, und hat sich – in all seinen Höhen und Tiefen – zwischen Literatur und Malerei entfaltet.

Brigitte Schwaiger – „Wenn man schreibt, hält man das für Realität, was man schreibt.“
Ausstellung im Adalbert-Stifter-Institut des Landes Oberösterreich
Adalbert-Stifter-Platz 1, 4020 Linz

Kurator: Stefan Maurer
Ausstellungsgestaltung: Gerhard Himmer

Ausstellungsdauer: 25.06.2025–13.03.2026
Öffnungszeiten: Di–So,  10–15 Uhr
Am 18.11.2025 präsentiert Kurator Stefan Maurer den Ausstellungskatalog im Stifterhaus.

TIPP: Wer Zeit für einen Tagesauflug mitbringt, kann vor der Ausstellungsbesichtigung einen Abstecher nach Freistadt machen: Dort lädt seit 2023 der Brigitte-Schwaiger-Literaturweg (barrierefrei) ein, auf 12 Stationen via Smartphone und QR-Code über die Autorin zu lesen, zu sehen und zu hören.

Brigitte Schwaiger-Biografie auf der Homepage der Österreichischen Nationalbibliothek

Marianne Jungmaier, studierte Digitales Fernsehen, Medien und Kulturwissenschaften (B.A.) und Journalismus (M.A.). Veröffentlicht Prosa und Lyrik, zuletzt den Gedichtband Gesang eines womöglich ausgestorbenen Wesens (Otto Müller, 2024). Homepage von Marianne Jungmaier

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