
Der Journalist, Autor und Filmemacher Georg Stefan Troller ist am Samstag in seiner Heimat Paris im Alter von 103 Jahren gestorben.
Troller, der in den 1960er und 1970er Jahren das deutschsprachige Fernsehen mit seinen Porträts und Dokumentationen prägte, wurde am 10. Dezember 1921 in Wien in eine jüdische Pelzhändlerfamilie geboren. Mit sechzehn Jahren flüchtete er vor dem NS-Terrorregime – erst in die Tschechoslowakei, dann weiter nach Frankreich. 1941 erhielt er ein Visum für die USA, wo er zwei Jahre später zum Kriegsdienst eingezogen wurde. Am 29. April 1945 war er als US-Soldat an der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau beteiligt.
Nach dem Krieg studierte Troller Literatur- und Theaterwissenschaft in den USA und ließ sich 1949 in Paris nieder. Ab den 1960er Jahren wird Troller mit dem Pariser Journal für den deutschen Fernsehsender ARD und der ZDF-Sendereihe Personenbeschreibung zu einem der wichtigsten deutschen Fernsehjournalisten. „Was ich nie hatte werden wollen, erwies sich als mein hauptsächliches Talent. Ich war zum Journalisten geboren“, sagte er einmal.
Der „geborene Journalist“ war ein Meister der Interviewführung und sprach mit Künstler:innen wie Marlene Dietrich, Juliette Greco, Audrey Hepburn, Pablo Picasso, Leonard Cohen oder Jean-Paul Sartre. Dabei brachte er sich auch immer selbst und seine eigene Sicht in den Dialog mit seinem Gegenüber ein und stellte sehr persönliche Fragen wie „Sind Sie glücklich?“. Mit diesem für seine Zeit unüblichen Stil wurde er bald zu einem Vorbild und hatte großen Einfluss auf nachfolgende Generationen von Journalist:innen.
Gemeinsam mit dem österreichischen Regisseur Axel Corti (1933-1993) schrieb die Drehbücher zu der auf Trollers Lebensgeschichte basierenden Trilogie Wohin und zurück (An uns glaubt Gott nicht mehr, Santa Fe, Welcome in Vienna) und arbeitete am Drehbuch von Gebürtig, der Verfilmung von Robert Schindels gleichnamigen Roman mit.
2021 veröffentlichte er unter dem Titel Meine ersten 100 Jahre (Edition Memoria) seine Lebenserinnerungen, bis zuletzt schrieb er für die Literarische Welt, die Literaturbeilage der deutschen Tageszeitung Die Welt.
2020 hatte Georg Stefan Troller der Österreichischen Exilbibliothek im Literaturhaus Wien einen Teilvorlass geschenkt: Eine umfangreiche Bibliothek und zahlreiche Mappen mit Dokumenten, Zeitungsausschnitten, Typoskripten und Notizen.
Dabei sind wertvolle Dokumente aus jedem Lebensabschnitt wie eine von Trollers Vater für seine Kinder verfasste 91seitige Lebensgeschichte oder ein von seinem Onkel Nobert, ein Überlebender des KZ Ausschwitz, gezeichneter Familienstammbaum. In diesem ist eingezeichnet, wer aus der Familie vom NS-Terrorregime ermordet wurde. Seine Eindrücke als US-Soldat hat Troller in einem Kriegstagebuch und auch fotografisch festgehalten. In Ruth Riesers Porträtfilm Auslegung der Wirklichkeit – Georg Stefan Troller, der kurz vor seinem 100. Geburtstag herauskam, erzählt der Journalist über seine Eindrücke als er als Teil der US-Army im Konzentrationslager Dachau die Leichen der Ermordeten sah: „Niemand hat das geglaubt. Ich hab’s ja auch nicht geglaubt. Ich habe geglaubt, ich bin in einer Inszenierung.“
Der Nachlass enthält auch Dokumente aus seiner langen journalistischen Tätigkeit, darunter nicht nur eine Liste mit Beiträgen, die er 1954 deutschsprachigen Radiosendern angeboten hatte, sondern auch ein 1953 verfasstes Schreiben des Chefredakteurs der österreichischen Sendergruppe Rot-Weiss-Rot, das die Unbestechlichkeit des Journalisten Georg Stefan Troller illustriert: “Machen wir’s kurz und schmerzlos. Ihr Bericht über Indochina konnte leider nicht verwendet werden, da darin zu viele Wahrheiten enthalten sind, die man hier nicht sehr gut der Öffentlichkeit, die diese missverstehen würde, mitteilen kann. […] Weiters können wir nicht gut sagen, dass die Franzosen durch ihre Kolonialpolitik der ganzen Wirtschaft in Indochina selbst schuld sind und sich nun die Suppe, die sie sich eingebrockt haben, selbst auslöffeln müssen. Dies ist wahr und in Frankreich selbst vermutlich bekannt, hier aber würde es zu schweren Missverständnissen und Unannehmlichkeiten führen.”
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