
Die Autor:innen und Herausgeber:innen Slata Roschal und Katharina Bendixen kuratierten im Juni und Juli 2026 für das Börsenblatt des Deutschen Buchhandels eine fünfteilige Serie zu Bedingungen im Literaturbetrieb, die bei manchen Schriftsteller:innen dazu führen, dass sie ihren Beruf aufgeben müssen.
Einen oder mehrere Nebenberufe zu haben ist längst Normalität für Schriftsteller:innen, auch jene, die bei angesehenen Verlagen veröffentlichen. Manchmal reicht aber auch diese Mehrarbeit nicht aus, das Leben zu finanzieren, und der einzige Ausweg scheint, das Schreiben aufzugeben. Im Vorwort der Serie unter dem Titel „Wer bin ich, wenn ich nicht schreibe?“ beschreiben Roschal und Bendixen ihre Schwierigkeiten, zunächst einmal Kolleg:innen zu finden, die bereit waren, über ihre Situation zu sprechen oder schreiben – entweder, weil sie nichts mehr mit dem Betrieb zu tun haben wollten oder sich nicht als Aussteiger:innen outen wollten.
Die Serie zeigt auf, dass es in erster Linie von den Umständen abhängt, wer schreiben kann, dass es „zum literarischen Erfolg mehr braucht als gute Texte“. Soziale Ungleichheit bestimme – neben (fehlendem) Geld in Form von Einkommen, Stipendien, Preisen, Erbe oder Besitz – wer schreiben könne. Es seien auch „die Strukturen eines Literaturbetriebs, der Verwertungslogiken über Textqualität stellt“, die eine Existenz als Schriftsteller:in erschweren, vor allem, wenn man nicht „jedes dritte Jahr einen Roman publizieren“ möchte oder kann, so die beiden Autor:innen.
„Es ist also keineswegs zufällig, wer komplett aussteigen muss; es sind Autor:innen mit Sorgeverantwortung, aus prekären Verhältnissen, mit gesundheitlichen Belastungen, ohne Aussicht auf ein Erbe. Dabei sind nur sie in der Lage, auf Augenhöhe über soziale Probleme, über Armut, Klassismus, Diskriminierung zu schreiben. Die Gesellschaft kann es sich nicht leisten, sie einfach aufzugeben. Es geht zu viel verloren, wenn ihre Perspektiven aus der Literatur verschwinden.“
In der Serie, die zwischen 18. Juni und 16. Juli 2026 auf der Website des Börsenblatts veröffentlicht wurde, schreiben fünf weitere Autor:innen über ihre Situation zu folgenden Themen: Tobias Hülswitt (Schreiben zwischen Zwang und Nähe zum eigenen Leben) // Kathrin Klingner (Zukunftsängste, Warteschleifen und Quereinstieg) // Thilo Reffert (Sinnarbeit im Klassenzimmer: Verlässliches Einkommen statt unsicherer Tantiemen) // Ricarda Junge (Zwischen Literaturbetrieb und Mutterschaft)
Was notwendig ist, um vom Schreiben leben zu können, sei längst bekannt, so Roschal und Bendixen: „die konsequente Einhaltung von Mindesthonoraren, ein breites Angebot an langfristigen Arbeitsstipendien, familienfreundliche Residenzaufenthalte und Dotierungen, die sich am durchschnittlichen Einkommen in Deutschland orientieren“. Ansonsten würde Literatur immer gleichförmiger, unkritischer werden – und, wie es die beiden prognostizieren, “zu einem luxuriösen Hobby”, einem „quälenden Ausnahmezustand“. Sie appellieren in ihrem Artikel an eine „transparente, zeitgemäße und kontinuierliche Kulturpolitik“.
Katharina Bendixen geboren 1981 in Leipzig. Sie publizierte acht Bücher für Erwachsene, Jugendliche und Kinder. Zuletzt erschien der Erzählband Eine zeitgemäße Form der Liebe (Edition Nautilus, 2025). Für ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche Preise und Stipendien, u.a. ein Arbeitsstipendium des Deutschen Literaturfonds (2020/21).
Slata Roschal, geboren 1992 in Sankt Petersburg, nahm 2026 am Wettlesen beim Ingeborg-Bachmann-Preis teil. Roschal studierte Literaturwissenschaften in Greifswald. Für ihre Arbeit erhielt sie zahlreiche Nominierungen, Stipendien und Preise, unter anderem den Kunstförderpreis des Freistaates Bayern. Sie verfasst Artikel und Rezensionen für die FAZ, SZ, ND, SWR, u. a. Zuletzt erschien der Lyrikband Ich brauche einen Waffenschein ein neues bitteres Parfüm ein Haus in dem mich keiner kennt (Wunderhorn 2025).
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