Manon Bauer wurde am 2.10.1987 in Wien geboren und war eine vielseitige Künstlerin. Sie studierte Romanistik sowie Instrumental- und Gesangspädagogik mit dem Hauptfach Violoncello, war Lyrikerin, Kammermusikerin und Cello-Pädagogin, Kunsttherapeutin sowie freie Mitarbeiterin im Mödlinger Figuren- und Puppentheater. Mit 36 Jahren verstarb sie am 6.7.2024 an einer schweren Erkrankung.
Plötzlich geneigt die Erde
die horizonte rinnen ab wie kapernhonig
das schwarze meer kommt zurück und
zypressen steigen uns entgegen
(S. 30, kursiv ein Zitat des luxemburgischen Schriftstellers Jean Portante)
Zu Lebzeiten hat sie nur einen Lyrikband veröffentlicht: cap al silenci. variationen (keiper lyrik 25, edition keiper 2021), in dem sie sich mit Texten des katalanischen Dichters Miquel Martí i Pol auseinandersetzte, dessen Sprache und Themen Impulsgeber für das eigene poetische Sprechen in ihrem Debütband waren. Erst nach Bauers Tod erschien ihr zweiter Lyrikband schatten sonette (Edition Melos, 2025), dessen Publikation sich aus Verlagsgründen wiederholt verschoben hatte.
Die Gedichte des nun vorliegenden dritten Lyrikbands so lange wie es dauert dich auszusprechen entstanden in den beiden letzten Jahren ihres Lebens. Bauer hatte ihre Lebensgefährtin, die Künstlerin Barbara Kuhness, sowie einen literarischen Weggefährten, den Schriftsteller Semier Insayif, damit beauftragt, die Veröffentlichung an ihrer Stelle zu begleiten. Beide melden sich auch zu Wort, Kuhness in Form einer biografischen Notiz, Insayif mit einem Nachwort, in dem er das Wesen eines Nachworts hinterfragt und sich auf einige Aspekte der vorliegenden Gedichte einlässt. Von beiden ist zudem eine Kurzbiografie aufgenommen. Die Dichterin hätte vermutlich viel Freude an dem sehr sorgsam gestalteten Band, dem allerdings zwei wichtige Dinge fehlen: eine aussagekräftige Biografie der Künstlerin Manon Bauer und ein Inhaltsverzeichnis.
„wenn die zeit schlägt“ (S. 141)
Auf Bauers noch im Netz befindlicher, nicht mehr aktualisierter Homepage kann man zur Veröffentlichung ihres 2021 erschienenen Debüts folgende Erklärung lesen:
… der musikalische topos der variation wird nicht als bloßes umspielen eines vorgegebenen themas, sondern als resonanz, als erwiderung, als ausloten des gemeinsamen raums eines grundsätzlich musikalischen poetischen sprechens verstanden und verwirklicht.
Diese Aussage scheint programmatisch für Bauers Poetik zu sein. Denn auf ähnliche Weise arbeitet die Lyrikerin in so lange wie es dauert dich auszusprechen, in dem sie sich thematisch mit der Fragilität des Lebens, mit Krankheit, dem Sterben und dem Tod beschäftigt. Impulsgeber jedes Gedichts ist wieder ein Zitat oder Zitatfragment. Meist sind es ein, selten auch zwei oder drei entlehnte Verse, die Bauer kursiv gesetzt in ihre Gedichte aufnimmt, oft am Beginn, gelegentlich an dessen Ende platziert. Zudem ist bei jedem Text der Name des Urhebers oder der Urheberin des Zitats abgedruckt. Die Quellen wiederum sind im Anhang in der „Handbibliothek“ aufgelistet, einer eindrücklichen Lektüreliste.
Es handelt sich um eine Vielzahl unterschiedlicher Autor:innen, die meisten davon zeitgenössisch und aus dem europäischen, vor allem deutschsprachigen Raum. Einige zitiert Bauer häufiger als andere, was vermuten lässt, dass sie für die Dichterin größere Bedeutung hatten, ihre Inspiration anregten und ihr Dichten beflügelten. Hier sind vor allen der Schweizer Schriftsteller Raphael Urweider (19 Zitate) und der schon genannte Semier Insayif (15 Zitate) zu nennen sowie die russische Lyrikerin Jelena Schwarz und der österreichische Schriftsteller Raoul Schrott (je 8 Zitate). Die Dichterin hat zudem von sich selbst fünf Zitate ausgewählt, die nun Teil neuer Gedichte wurden.
Manon Bauer behält in den Zitierungen die ursprüngliche Orthografie bei, während sie für ihre Gedichte die durchgehende Kleinschreibung als Gestaltungsmittel wählt und die Interpunktion sparsam einsetzt. Ihre Verse sind dabei keine Variationen (lat. variatio = Veränderung), wie wir sie aus der Musik kennen, die an ein vorgegebenes Thema sowie eine melodisch oder harmonisch feststehende Gestalt gebunden sind, diese umspielen und mehr oder weniger subtil verändern. Hier hingegen sind die Zitate Material, das aus einem anderen Kontext herausgeschält und zum Ausgangs- oder Endpunkt von Bauers poetischen Meditationen wird, die mit den Zitaten in Resonanz treten, sich beziehen, die Worte weiterspinnen und so einen gemeinsamen Kommunikationsraum eines Gedichts schaffen, das auf Essenzen fokussiert, meist nur wenige Verse kurz und prägnant ist.
Stirne im Mund der Nacht
im verlorenen schnitt aus sprachen
die ton um ton aufs blatt zu legen
immer wieder neue worte hoffen lassen
(S. 72, kursiv ein Zitat von Georg Trakl)
so lange wie es dauert dich auszusprechen hat knapp 200 Seiten, gegliedert in zehn Kapitel. Diese werden durch Zwischenblätter getrennt, die auf der Vorderseite einen Vers in der Handschrift der Dichterin als Titel tragen, während die Rückseite leer ist. Jedes Kapitel enthält 18 Gedichte. Das elfte und letzte Trennblatt „Wenn die Sprache sich gelegt hat“ (S. 207) lässt den nahen, unausweichlichen Tod mitschwingen, der hier zum finalen Schlusspunkt wird, dem keine neuen Gedichte mehr folgen können. Über eine mögliche Bedeutung der Zahlensymbolik wiederum, kann nur gemutmaßt werden. So steht jedes Titelblatt und damit der Beginn jedes neuen Kapitels auf einer Seite, die die Ziffer 7 enthält, zum Beispiel 7, 27, 47, usw., die schon seit dem Altertum als heilige und vollkommene, aber auch magische und mystische Zahl galt. Auch für die Zahlen 10 und 18 lassen sich im Internet interessante Bedeutungen finden. Darauf näher einzugehen, würde allerdings den Rahmen einer Rezension sprengen.
„der grund / eines wortes“ (S. 80)
In ihrem Nachwort zum Vorgängerband schatten sonette äußert sich Manon Bauer im Oktober 2023 ebenfalls programmatisch:
… auch ein einzelner Vers kann als ein eigenständiges Gedicht herausgegriffen werden und steht zugleich immer in Beziehung zu den anderen Zeilen. Die Themen sind wie Nester, Knoten, die überall im Text neue Bezüge finden. Jedes Wort wirft Schatten auf die umliegenden Wörter, … (S. 76)
Bereits die Themen dieser zweiten Lyrikpublikation setzten sich „aus Erhebungen und Abgründen des Menschseins zusammen. Beginnend mit körperlicher Versehrtheit und der Nähe zum Tod wird der Bogen bis zur scheinbaren Auflösung oder Erlösung oder Auffaltung im Anderen, im Du, im Leben gespannt.“ (S. 77)
Auch in diesen Gedichten spielte die Dichterin mit dem Thema Variation. Formal handelt es sich um einen klassischen Sonettenkranz, dessen Teile linksseitig platziert sind, während ihnen auf der rechten Seite ihre Variation, ein Schattensonett, zugeordnet wird. Dieses ist eine Hybridform, für die Bauer das Sonett reduziert und mit der Form des japanischen Tanka mischt. Wie sie vorging, erläutert die formbewusste Dichterin im Nachwort von schatten sonette: „Die Quartette werden zu Terzetten, die an Haiku/Senryū erinnern, und die Terzette werden auf siebensilbige Distichen reduziert.“ (S. 76)
Thematisch gibt sie in einigen der Texte deutliche Hinweise auf eine neurologische Krebserkrankung, indem sie Gehirnstrukturen benennt und Symptome einer Raumforderung andeutet. So heißt es gleich im ersten Gedicht merlin, dass „pilze wuchern in und durch mein hirn […] medulla oblongata langsam durchlöchernd“, ein „fibrillieren krampfen“ erwähnt wird und dass „sich sprache vor der felsbeinpyramide“ krümmt. (S. 14) In anderen Gedichten spricht sie von einem „corpus mosaik“ (S. 42), von Schmerzen, ihrer Wut und Auflehnung oder davon, dass ein „müder garten der ungelebten dinge schreit“ (S. 58).
Im Vergleich mit schatten sonette sind die Gedichte in so lange wie es dauert dich auszusprechen formal deutlich kürzer und nicht in Strophen gegliedert. Bauer verwendet auch keine Endreime, doch es gibt Anlautreime, Assonanzen, ein gekonntes Spiel mit Enjambements oder gelegentlich, ähnlich wie in Gedichten von Semier Insayif, die Trennung zusammengesetzter Wörter in Silben, wodurch mehrfache Lesarten ihrer Versen entstehen.
Es erstaunt nicht nur, sondern ringt Hochachtung ab, unter welch existentiellen Bedingungen Manon Bauer ihre Dichterinnenstimme erhob und als Vermächtnis ihre letzten Gedichte entstehen ließ.
bis wohin
wächst ein sterbender (S. 122)
fragt ein Gedicht. Man hofft, erträumt oder phantasiert gelegentlich, dass ein Erschaffen von Kunst bis zum Tod möglich sei und damit auch noch bei schwerster Krankheit und im Prozess des Sterbens, obwohl rational vielleicht jede:r weiß, jede:r nachvollziehen kann, dass eine Lähmung der Hand, eine Beeinträchtigung der Sinnesorgane oder des Denkens, völlige Erschöpfung und die erlebte Dissoziation der körperlichen Integrität jede Kreativität und damit die künstlerische Entfaltung behindern kann.
Die Dissoziation zeigt sich in diesem Band anschaulich bei den körperlichen Wahrnehmungen. Hier sehen wir wohl auch die Gesamtheit eines Körpers. Viel öfter jedoch gibt es Betrachtungen von und Bezüge zu einzelnen Teilen, etwa Gesicht, Haut, Rücken und Rückgrat, Knochen, Rippen und Herz, die gelegentlich noch in kleineren Bestandteilen betrachtet werden, also nicht nur der Fuß oder der Bauch, sondern Ferse und Nabel, nicht allein der Mund, sondern Zunge oder Rachenwand, was unter anderem auch Ausdruck dafür ist, dass die Körpereinheit verlorengeht und man die Kontrolle verliert, wenn die Teile sich verselbständigen.
woraus setzt du dich zusammen
wie viele teile musst du finden
bis du einmal weißt
jetzt kannst du dich umranden
(S. 203, kursiv ein Zitat von Julia Costa)
Viele Gedichte lassen sich zudem den Wahrnehmungen zweier Sinnesorgane zuordnen. Da ist zum einen das Ohr und damit verbundene Wortfelder wie Ton, Stimme, Worte und immer wieder die Sprache selbst. Zum anderen gibt es eine Vielzahl von visuellen Eindrücken durch die Verwendung von Worten wie Auge, Blick, Bild, Licht und Schatten, Meer, Mond, Spiegel oder Horizont.
Die Texte sind begründet in einer subjektiven Krankheits- und Sterbenserfahrung, und man ist geneigt, sie als bildstarke poetische Darstellung eines persönlichen Leids zu lesen. Doch sie reichen darüber hinaus, nicht nur deshalb, weil sie nicht privat bleiben, sondern mitgeteilt werden und uns alle angehen, weil auch wir sterblich sind. Sie betreffen uns, haben uns schon betroffen und werden uns betreffen als Person, als Freund:in oder Verwandte.
Wenn wir den Rahmen unserer erwarteten Bilder sprengen und uns auf Bauers Gedichtangebot einlassen, entdecken wir an den Rändern zum Beispiel Verse, die sich leise, aber beharrlich gegen den Lärm der Welt und meinungsstarker Umgebungen stellen, der andere verstummen lässt, und Verse, die für das Innehalten, das zeitgerechte Schweigen plädieren, damit auch das Leise gedeihen und zu Wort kommen kann.
Lesend nehmen wir Teil an Manon Bauers so nüchtern klaren wie sinnlichen Gedanken, die wellenartig durch die Seiten mäandern, was dadurch verstärkt wird, dass die Gedichte keine Titel tragen, Überlegungen manchmal abrupt abbrechen, manchmal an anderer Stelle wieder aufgegriffen und weiterentwickelt werden oder Verse unvollständig bleiben – wie ein Torso, weil sich manches im Moment sträubt, zu Ende gedacht und formuliert zu werden und offen bleibt als Angebot für unsere Assoziationen. So sind diese poetischen Meditationen nicht zuletzt eine Einladung an uns Leser:innen, sie wirken zu lassen, das eigene Leben und Sterben zu durchdenken und offen gebliebene Fragen vielleicht für sich selbst zu beantworten.
Die Welt wird zurückkehren
die gedanken werden zurückkehren
und die namen, die wir ihnen gaben
etwas davon wird zurückkehren
sagst du
mit welchem wort
sagst du es
mit welcher sprache
mit welchem mundwenn das wort zurückkehrte
wie lebendig wäre noch die sprache die es tragen müsste
wenn die sprache zurückkehrte
wie lebendig wie nah
wäre noch dein mund
(S. 195, kursiv ein Zitat von Aleš Šteger)
