Das literarische Quellenmaterial in Deutschland und Österreich ist heute über alle Kontinente verstreut. Nicht nur die Kriegsereignisse, sondern auch schwerwiegende Ankaufs- und Sammelversäumnisse haben es so zersplittert, daß es auch der beste Fachmann nicht mehr übersehen kann. […] Aus diesem Grund wurde im Jahr 1965 […] eine Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur ins Leben gerufen, um zunächst einmal für den Zeitraum von 1890 bis zur Gegenwart zu retten, was noch zu retten ist […].
Es ist ein besonderes Fernziel der „Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur“, wenigstens für die Literatur ab 1945 ein möglichst vollständiges Archiv aufzubauen […].
Viktor Suchy Die „Dokumentationsstelle“ (In: Arbeiter-Zeitung, 14. April 1971, S. 8.)
Viktor Suchy (1912–1997) hat als Gründer der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur im Jahr 1965 zentrale Bedeutung für den Literaturbetrieb. Darüber hinaus war er selbst ein gut vernetzter Akteur im Literaturbetrieb der Nachkriegszeit bis in die 1990er Jahre, was sich an seinen Tätigkeiten als Juror und Laudator diverser Literaturpreise, Vorsitzender und Mitglied verschiedener literarischer Gesellschaften, wie der Grillparzer- und Hofmannsthal-Gesellschaft, oder seiner Funktion als Aufsichtsrat der Literar-Mechana zeigt.
Als „kenntnisreichen und hingebungsvollen Betreuer der österreichischen Literatur“ feierten Ernst Jandl und Friederike Mayröcker den mit ihnen befreundeten Viktor Suchy anlässlich seines 70. Geburtstags. Sein Engagement als Archivar und Sammler der österreichischen Literatur seit 1890, ebenso des künstlerischen Schaffens des Exils, als Exponent einer Oral History der österreichischen Literatur, aber auch seine Aktivitäten als Radiojournalist, Verlagslektor, Literaturwissenschaftler und -kritiker sowie Lyriker, werden in der Ausstellung thematisiert.
Nicht nur biografische Stationen und Facetten Viktor Suchys seit den 1930er Jahren werden aufbereitet. Deutlich wird, wie seine sammelnde Tätigkeit als langjähriger Generalsekretär und späterer Präsident der „Dokumentationsstelle“, die er in ihren Anfängen als „ein Kind des literaturwissenschaftlichen Notstandes unserer Zeit“ bezeichnete, eminent mit seiner Tätigkeit als Literaturvermittler verzahnt sind. Suchys Biografie, sein Nachlass, der im Archiv des Literaturhaus Wien verwahrt wird, sowie die Geschichte der Dokumentationsstelle für neuere österreichische Literatur spielen eine zentrale Rolle. Die von Suchy auf ein Fundament gestellten historischen Bestände der Dokumentationsstelle zeigen sich dabei eng mit jenen des Literaturhaus Wien verwoben. Anhand ausgewählter Exponate wird das literarische Leben durch den Fokus auf Suchys unermüdliche Aktivitäten spür-, hör- und sichtbar gemacht.
Eine aktuelle Perspektive auf den Literaturbetrieb und den damit einhergehenden Bedingungen des literarischen Schreibens öffnet die Ausstellung mit Statements der Autor:innen Annemarie Andre, Elias Hirschl, Martin Peichl und Jana Volkmann.
Viktor Maria Philipp Suchy (geb. 28. November 1912 Wien, gest. 31. Juli 1997 Wien) war der uneheliche Sohn der Opernsängerin Margit Suchy und des Librettisten Victor Léon. Nach der Matura am Bundesrealgymnasium Mödling 1933 begann er ein Studium an der rechts- und staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien. Politisch engagierte er sich in dieser Zeit bei der Heimwehr beziehungsweise bei der Vaterländischen Front. Ab 1936 studierte Suchy Germanistik, Romanistik, Geschichte, Kunstgeschichte, Psychologie und Philosophie. Nach dem so genannten “Anschluss” verwies man ihn als “Mischling ersten Grades” von der Universität. 1940 wurde er zur Wehrmacht einberufen, aber bereits 1941 wieder entlassen, da er aufgrund seines jüdischen Vaters als “wehrunwürdig” galt.
1945 fungierte Viktor Suchy für einige Monate als Bezirksparteisekretär der ÖVP Meidling, bevor er bei Eduard Castle seine Dissertation über Friedrich Rückert abschloss und sich als freier Schriftsteller, Hörspielautor und -regisseur versuchte. Gelegentlich verwendete er das Pseudonym Philipp Noel. Von 1946 bis 1954 war Suchy Cheflektor und verantwortlicher Redakteur der Monatszeitschrift Wissenschaft und Weltbild. Als Cheflektor des Grazer Stiasny-Verlags gab er von 1957 bis 1964 die Taschenbuchreihe Das Österreichische Wort heraus. Er gründete die Dokumentationsstelle für neuere Österreichische Literatur und war von 1965 bis 1978 deren Generalsekretär. An der Wiener Katholischen Akadenie war Viktor Suchy als Dozent tätig.