Mi, 2.12.2026, 19.00

Ukrainische Gegenwartsliteratur
Ein Sonderheft der Lichtungen

¡Präsentation!

Wenn heute von ukrainischer Literatur die Rede ist, richtet sich der Blick häufig zuerst auf den Krieg. Die Literaturzeitschrift Lichtungen, dafür bekannt, Perspektiven über Sprach- und Landesgrenzen hinweg sichtbar zu machen, widmet der Gegenwartsliteratur aus der Ukraine eine Sonderausgabe.

Das von Chrystyna Nazarkewytsch und Marie Gamillscheg kuratierte Sonderheft eröffnet bewusst einen anderen Zugang: Es versammelt Stimmen aus unterschiedlichen Regionen der Ukraine, aus verschiedenen Generationen und literarischen Genres. Die Texte sind während des russischen Angriffskrieges entstanden, doch im Mittelpunkt steht der Mensch: Seine Verletzlichkeit und Widerstandskraft, seine Hoffnung und seine Fähigkeit, unter extremen Bedingungen weiterzuleben.

Zu Gast sind die Lyrikerin, Journalistin und Dokumentarfilmerin Anna Juttschenko aus Lwiw sowie die in Saporischschja geborene Dramatikerin, Regisseurin und Theatermanagerin Anastasiia Kosodii. Juttschenkos 2025 erschienener Debütband Über die Unmöglichkeit Steine zu zähmen kreist um Natur, Stille und die zerbrechliche Suche nach Harmonie. Kosodii macht die Gegenwart der Ukraine in ihren international aufgeführten Theaterstücken erfahrbar, zuletzt wurde sie mit dem Walter-Mossmann-Preis ausgezeichnet.

In Lesungen und Gesprächen werden die Autorinnen von der Übersetzerin und Germanistin Chrystyna Nazarkewytsch aus Lwiw sowie von der Schriftstellerin und Übersetzerin Marie Gamillscheg begleitet. Gemeinsam eröffnen sie einen vielstimmigen literarischen Blick auf eine Ukraine, deren Gegenwart weit mehr umfasst als das Bild eines Landes im Krieg mit dem Aggressor Russland.

Die Lesung wird auf Ukrainisch und Deutsch, das Gespräch auf Englisch gehalten.

Anna Juttschenko wurde in Poltawa geboren, wo sie auch Pädagogik studierte. Seit ihrem Abschluss an der Journalismus-Schule der Ukrainischen Katholischen Universität Lwiw lebt sie als freie Journalistin, Lyrikerin und Dokumentarfilmerin in Lwiw. Sie wurde unter anderem durch ihre Teilnahme am Projekt RecVisite einer größeren Öffentlichkeit bekannt, für das sie Interviews mit der älteren Generation der ukrainischen Dichter:innen, den Vertreter:innen der 1970er Jahre, führte.
2025 erschien ihr Debütband Über die Unmöglichkeit Steine zu zähmen mit Gedichten aus den letzten zehn Jahren. Es sind 118 freie Verse, die das eigene Verschmelzen mit der Natur variieren. Die Autorin fürchtet sich nicht davor, die für sie so wertvolle und zugleich zerbrechliche Beziehung ohne jegliche Ironie zu beleuchten. Ihr wichtigstes Thema, die Suche nach Harmonie und Stille, wird durch den von Russland entfesselten Krieg in der Ukraine bedroht und spielt in ihrem Werk seither eine große Rolle.

Anastasiia Kosodii wurde in Saporischschja geboren. Sie ist Dramatikerin, Theaterregisseurin und -managerin. Nach dem Beginn der russischen Invasion in den Ostgebieten der Ukraine lebte sie in Kyjiw und Berlin und machte den Krieg in der Ukraine zum Thema ihrer Arbeit. Ihre Stücke wurden in mehrere Sprachen übersetzt und in zahlreichen europäischen Theatern aufgeführt, u. a. im The Royal Court Theatre (London), in den Münchner Kammerspielen, im Gorki Theater (Berlin), im NTM Nationaltheater Mannheim, im Schauspielhaus Wien und im Staatstheater Hannover. 2022 war sie Writer-in-Residence in Mannheim. Ihr Stück Acht kurze Kompositionen über das Leben der Ukrainer*innen für ein westliches Publikum ist, wie der Titel sagt, ein Versuch, die aktuelle Situation in der Ukraine darzustellen. Das Stück ist eine kartographische Textbegehung der ukrainischen Realität nach dem 24. Februar 2022.
In der Begründung der Jury zur Vergabe des Walter-Mossmann-Preises, mit dem Anastasiia Kosodii 2026 ausgezeichnet wurde, heißt es, dass es der Autorin gelänge, „in einer Welt, die sich an den Krieg und an die steigenden Opferzahlen zu gewöhnen scheint, das Unfassbare zum Klingen zu bringen“. Seit Sommer 2026 ist Kosodii Chefdramaturgin im Lesja-Theater Lwiw, das seinen Schwerpunkt im sozialpolitischen Dokutheater setzt.

Marie Gamillscheg, 1992 in Graz geboren, arbeitet als freie Schriftstellerin und Übersetzerin. 2018 war sie Stipendiatin des Artist-in Europe-Programms (Land Steiermark) in Lwiw. Für ihren Debütroman Alles was glänzt (Luchterhand, 2018) wurde sie u. a. mit dem Debütpreis des Österreichischen Buchpreises ausgezeichnet und für den aspekte-Literaturpreis nominiert. 2020 adaptierte sie ihn mit makemake produktionen für die Bühne (UA Kosmos Theater Wien 2022). Ihr zweiter Roman Aufruhr der Meerestiere (Luchterhand, 2022) war für den Deutschen Buchpreis 2022 und den Clemens Brentano Preis 2023 nominiert.

Chrystyna Nazarkewytsch, geboren 1964 in Lwiw, Ukraine, wo sie auch lebt und arbeitet. Von 1981 bis 1986 studierte sie Germanistik an der Nationalen Iwan-Franko-Universität Lwiw. 1993 promovierte sie, davor studierte sie ein Semester lang Ukrainistik an der Ukrainischen Freien Universität in München. Sie unterrichtet an der Nationalen Iwan-Franko-Universität und an der Ukrainischen Katholischen Universität Lwiw: Deutsch als Fremdsprache (DaF), Theorie und Praxis der Übersetzung, Textanalyse. Literaturstipendiatin Land Steiermark 2022, Writer in Residence der Kulturvermittlung Steiermark 2023. Von ihr ins Ukrainische übersetzte Autor:innen: u. a. Jenny Erpenbeck, Ralph Dutli, Natascha Wodin, Karl-Markus Gauß, Joseph Roth, Bodo Hell, Olga Flor.

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