Dunkelheit senkt sich über ein namenloses Dorf: Ein Fremder mit langen Zähnen und gekrümmten Fingern kommt angefahren und bleibt – für eine Nacht. So die Prämisse von Elfriede Jelineks Erzählung Der fremde!, die von Nicolas Mahler bereits 2018 für die Reihe „Die Unheimlichen“, herausgegeben von der Comickünstlerin Isabel Kreitz im Carlsen Verlag, als Comic gestaltet wurde.
Ursprünglich erschien Jelineks Text in der Anthologie Der gewöhnliche Schrecken. Horrorgeschichten (Residenz Verlag 1969) – herausgegeben ausgerechnet von Peter Handke. Die Erzählung, deren vollständiger Titel vielsagend Der fremde! störenfried der ruhe eines sommerabends der ruhe eines friedhofs lautet, befindet sich dabei in guter Gesellschaft – von Jandl, Jonke und Mayröcker bis Frischmuth, Artmann und Bernhard (um nur einige der Bekanntesten zu nennen) versammelt Handke hier viele der zentralen österreichischen Autor:innen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Thema Horror. Horror soll dabei, wie Handke in einem kurzen Vorwort zur Wiederauflage bei dtv 1971 bemerkt, nicht mit abgeklärter Koketterie begegnet werden. Es gehe nicht um schwarzen Humor, sondern um das Fassen des Schreckens, der jeden Tag auch auf hellerleuchteten Straßen lauert und meist unerkannt an uns vorübergeht. Eine gute Horrorgeschichte, so Handke, müsse sich „vielmehr offen und durchschaubar machen für diese finsteren Zustände“ (Der gewöhnliche Schrecken, dtv 1971, o. S.). Ein Ansatz, mit dem er bei Jelinek vermutlich offene Türen einrannte.
Die gute Gesellschaft ist nun auch das Thema dieser Geschichte: Ein Fremder kommt in ein österreichisches Dorf und trifft auf die Einheimischen, treibt als Vampirgestalt sein Unwesen, rüttelt durch sein bloßes – andersartiges – Anwesenheit (und gelegentliches Blutsaugen) an Strukturen und Gewissheiten:
es handelt sich um schreie in der nacht
die den leuten
anlaß zu vermutungen geben.
irgendwo ist jemand
der nicht hierher gehört. (S. 28.)
Themen und Motive, die bei Jelinek in den kommenden Jahrzehnten immer wieder auftauchen sollten. Der Fremde ist in dieser Erzählung die personifizierte Destabilisierung: Mal ist er eine männliche Gestalt, mal ein „Mädel“, mal ein Fremder, dann doch auch Einheimischer. Er ist schwer zu fassen, ein Störenfried – auch sprachlich entlarvt Jelinek in bekannter Manier Floskeln und bringt Gemeinplätze ins Wanken.
Dass die Überführung dieser frühen Geschichte von Nicolas Mahler in das Medium Comic nun zu Jelineks rundem Geburtstag durch neue Szenen erweitert und neu aufgelegt wurde, ist nur konsequent. Verschafft sie doch nicht nur einem eher unbekannten Text neue Aufmerksamkeit, sondern wirft auch ein wohlverdientes Schlaglicht auf die Meisterschaft Mahlers – nicht, dass der bekannteste und mit allem, was die deutschsprachige Comiclandschaft an Preisen zu bieten hat, ausgezeichnete (allein 2026 etwa der e. o. plauen Preis und der Wilhelm-Busch-Preis) Autor es nötig hätte.
Mahlers Comicversion bedient sich mit diebischer Freude bei der Ikonografie klassischer Horrorfilme – allen voran Friedrich Wilhelm Murnaus Nosferatu (1922), dessen Protagonist mit den langen Schneidezähnen und klauenartigen, überdimensionierten Händen den Leser:innen von vielen Seiten entgegenspringt. Aber auch das Schattenspiel, durch das der Fremde mal mit der Dunkelheit verschmilzt, mal in der Helligkeit einer Türöffnung oder eines Fensterrahmens plötzlich bedrohlich klar erscheint, findet Entsprechungen in der Szenografie des Stummfilmklassikers. Wie bei Jelinek changiert der Fremde bei Mahler zwischen Horrorpersonal und höflichem Kaffeetrinker und taucht auch schon mal in der Gestalt der Autorin höchstpersönlich auf. Dabei tritt gerade die schneidend-humorvolle Dimension des Texts bei Mahler scharf hervor, etwa wenn die Bäckerin mit einem Brezelkopf versehen wird – ohne die Geschichte dabei ins Lächerliche zu ziehen.
Mit gewohnt sparsamem Strich arbeitet Mahler die Essenz des Ausgangstexts heraus und fügt „dem Etwas, das ich geschrieben habe, etwas Neues“ hinzu, wie Jelinek im Klappentext zitiert wird. Mahler inszeniert in seinen Zeichnungen ein ständiges Hinaus- und Hineinschauen in den Alltag der Dorfbewohner:innen – und nach dessen Abreise bleibt die Ruhe gestört, auch wenn man es nicht wahrhaben will:
etwas rast in die dunkelheit.
verschiedene menschen
atmen erleichtert auf.
es ist als ob der fremde
nie dagewesen wäre.
das gegenteil ist in wahrheit der fall. (S. 48f.)
Man könnte fast sagen – wenn man den Vergleich bemühen möchte –, dass dies auch das Prinzip von Mahlers Literaturadaptionen ist: ein genaues Hineinschauen in den Text und ein Darüber-hinaus-Schauen in den Zeichnungen. Ein produktives Stören der Ruhe eines scheinbar fertigen Texts: Der Fremde war da und hat etwas Eigenes in der Geschichte hinterlassen.
Johanna Lenhart, Studium der Germanistik und Vergleichenden Literaturwissenschaft in Wien. 2017-2022 OeAD-Lektorin an der Ain-Shams-Universität Kairo, Ägypten, und an der Masaryk-Universität Brno, Tschechische Republik; 2022-2024 externe Lektorin an der Masaryk-Universität; seit 2023 beim Ars Electronica Festival im Projektmanagement im Bereich Demokratiebildung und Digital Transformation tätig; Forschungsschwerpunkte umfassen u. a. österreichische Literatur der Gegenwart, Comic sowie Genreliteratur und -film.







