#Comic

Blutsauger

André Breinbauer

// Rezension von Marina Rauchenbacher

In Blutsauger, mit dem André Breinbauer 2026 für den wichtigsten Comicpreis des deutschsprachigen Raumes, den Max und Moritz Preis, nominiert war, verbindet der in Wien lebende Comic-Künstler gegensätzliche Ästhetiken, unterwandert den Topos der vom bösen Vampir bedrohten femme fragile und verbindet das Horrorgenre mit viel Witz mit Sozialkritik und Krimi.

Vampire haben spätestens seit Friedrich Wilhelm Murnaus Stummfilmklassiker Nosferatu (1922), der wohl bekanntesten Adaption von Bram Stokers Dracula (1897), einen besonderen ikonografischen Wert. Blasse Haut, Glatze, aufgerissene Augen, üppige Augenbrauen, eingefallene Wangen, übergroße und spitze Ohren, lange Finger, schwarzer Anzug, versteifter Stehkragen. Vor André Breinbauers neuem Comic Blutsauger zitierte etwa auch Nicolas Mahler diese Figur in der Elfriede-Jelinek-Adaption Der fremde! störenfried der ruhe eines sommerabends der ruhe eines friedhofs (Carlsen, 2018).

Bram Stokers Dracula ist in Blutsauger als Lektüre der Hauptfigur Hannah Traindl prominent vertreten, denn immerhin möchte sich Hannah angesichts ihres Nachbarn über Vampire informieren. Dieser nämlich ähnelt bedrohlich Murnaus Wiedergänger Graf Orlok. Während sich also in der sekundären Lektüre die Grauen rund um Dracula entfalten, sieht sich auch Hannah damit konfrontiert, dass sie sich vor ihrem Nachbarn fürchtet und für sie und die Leser:innen Imagination und Realität zu verschwimmen scheinen.

Das Grauen fasst Breinbauer – neben der Zeichnung des Vampirs – vor allem durch die Darstellung dunkler Straßenfluchten, Stiegenhäuser, Gänge und Tunnel, die ganz in Horrorkonvention bedrohlich irreführend wirken. Aber Blutsauger ist nicht eins zu eins dem Horrornarrativ verhaftet und so zeigt sich der Bruch mit diesem eben auch in der Farbwahl. Die dunkle Farbpalette wird durchwegs durch einen intensiven Einsatz von Farbe gebrochen. Und wenngleich auf dem Cover auch spielerisch der Titel in blutroter Prägung hervorgehoben ist, so geht die Farbwahl im Comic deutlich über das klassische Rot hinaus. Besonders die Protagonistin sticht farbig heraus, rennt etwa im pinken Herzchenpyjama durch die Gänge und Tunnel der Stadt.

Hannah erscheint zuerst als prädestiniertes Opfer ihres Nachbarn: Sie wohnt direkt gegenüber allein in einer alten Wohnung. Gleichzeitig aber ist sie die Figur, die Aufklärung einfordert und diese auch in Angriff nimmt. Sie ist eben keine von Bram Stokers Frauenfiguren, sondern eine junge, selbstbewusste Figur des 21. Jahrhunderts. Hannahs detektivische Arbeit beschränkt sich dabei nicht nur auf ihren Nachbarn, sondern auch – und am Ende vor allem – auf die Vorgänge in ihrem Haus. Dieses Zinshaus nämlich, in dem sich Hannahs Wohnung befindet, wurde von einer Immobilienfirma aufgekauft, die offensichtlich die alten Langzeitmieter:innen vertreiben will. Hier ist die metaphorische Dimension des Titels und das sozialkritische Thema des Comics verortet. Die eigentliche Bedrohung für Hannah ist am Ende weniger der Vampir, als vielmehr der Immobilienmarkt.

Im Nachwort beschreibt die österreichische Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl die Taktik diverser Vertreter:innen der Immobilienbranche anhand eigener Erfahrungen präzise: Der Bau neuer Immobilien kann dadurch ermöglicht werden, dass Altbau aufgekauft, die Mieter:innen vergrault werden und das Zinshaus abgerissen wird.

Breinbauer findet dafür im Aufeinandertreffen von Vampir und Immobilienhai eine kreative, dann doch blutig-verschmitzte Antwort, die zudem noch – ganz wienerisch – auch die hiesige Kunstlandschaft und ihre Vermarktung einbezieht. Wer also sehen möchte, wie detektivischer Spürsinn, horrorinspirierte Angstlust und sozialkritische Prägnanz überraschend witzig zusammengehen, der:die sollte jedenfalls André Breinbauers Blutsauger lesen.

 

Marina Rauchenbacher ist Literatur-, Comic- und Kulturwissenschaftlerin sowie Kulturvermittlerin. Seit April 2026 leitet sie die Pressedokumentation im Literaturhaus Wien. Sie lehrt an der Universität Wien und an der Universität für angewandte Kunst Wien, zuvor hat sie u. a. im Forschungsprojekt Visualitäten von Geschlecht in deutschsprachigen Comics gearbeitet. Sie ist Gründungs- und Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Comics (OeGeC) sowie Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Kulturanalyse (aka). Für das Sigmund Freud Museum Wien kuratierte sie 2023 unter Mitarbeit von Daniela Finzi die Comic-Ausstellung Gewalt erzählen.

André Breinbauer Blutsauger
Comic.
Mit einem Nachwort von Natascha Strobl.
Hamburg: Carlsen Verlag, 2026.
248 Seiten, Hardcover.
ISBN: 978-3-551-80898-1

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Webpräsenz von André Breinbauer

André Breinbauer Blutsauger
Seite 6 bis 20 © André Breinbauer / Carlsen Verlag 2026

Rezension vom 21.09.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Informiert
bleiben

Sie können 3 Newsletter abonnieren:

  • Literaturhaus Wien News
  • Literaturhaus Wien Veranstaltungsprogramm
  • Österreichische Exilbibliothek News

Bitte schicken Sie uns eine entsprechende Nachricht mit dem Betreff „Newsletter bestellen“. Für Abbestellungen bitte im Betreff „Newsletter abbestellen“ schreiben.