#Roman

Die grünen Augen der Liza de Mink

Constantin Schwab

// Rezension von Jelena Dabić

Manche Namen haben eine magische Wirkung. Hinter dem prosodisch stimmigen Liza de Mink verbirgt sich tatsächlich eine hochinteressante und widersprüchliche Persönlichkeit. Ihre Bekanntschaft mit zwei jungen Wiener Detektiven zur Zeit der Otto-Muehl-Kommune verheißt Schönes und Aufregendes, geht aber tragischer aus als erwartet. Eine beglückende, wunderbar melancholisch erzählte Geschichte über Kunst, Verbrechen, Liebe und Freundschaft.

Manche Themen nutzen sich nie ab; sie sind so gewaltig, so groß oder so rätselhaft, dass man immer noch mehr darüber erfahren möchte. Ein solches Phänomen ist die Otto-Muehl-Kommune, offiziell „Aktionsanalytische Organisation“ bzw. AAO, die der Aktionskünstler Otto Muehl bereits 1970 in Wien gegründet hatte, die aber wenige Jahre später auf den burgenländischen Friedrichshof übersiedelte und dort bis zu ihrem Ende um 1990 bestand.

Dieses Kunst- und Gesellschaftsexperiment, das zunehmend autoritär und hierarchisch organisiert war und dessen Geschichte später auch durch die strafrechtliche Aufarbeitung des dort praktizierten Missbrauchs geprägt wurde, hat sich der bereits mit dem Roman Das Journal der Valerie Vogler in Erscheinung getretene Autor Constantin Schwab (Jg. 1988) für seinen zweiten Roman ausgewählt. Bezeichnenderweise hat man es übrigens auch schon in Schwabs Erstling mit einer Mini-Kommune zu tun, und ebenso mit einer Künstlergemeinschaft. Indes ist Die grünen Augen der Liza de Mink kein Kommunenroman, auch wenn der bald von der Spannung in die Geschichte hineingezogene Leser, die von den Ereignissen faszinierte Leserin das zuerst glauben mag.

Tatsächlich bekommt der im Laufe der ganzen Romanhandlung namenlos bleibende Protagonist bereits als ganz junger Student Otto Muehl und Konsorten zu Gesicht: bei der als „Uni-Ferkelei“ in die Geschichte eingegangenen Aktion Kunst und Revolution am 7. Juni 1968 im Neuen Institutsgebäude an der Wiener Universität. Der schüchterne Zweitsemestler, der Jus und Philosophie inskribiert hat, möchte die Ereignisse der Zeit nicht verpassen; von der Aktion bleibt ihm – neben dem schockierenden Erlebten – aber schließlich die Bekanntschaft mit Matti (eigentlich Martin), einem Studienkollegen, den er bei der skandalösen Veranstaltung kennenlernt. Diese Bekanntschaft wächst sich bald zu einer richtigen Freundschaft aus, die letztlich für die beiden leicht merkwürdigen jungen Männer auch die einzige bleibt.

Das, was die beiden Studenten verbindet, ist neben ihrem Interesse an Philosophie ihre so gut wie nicht vorhandene Vergangenheit. Man könnte auch sagen: eine Vergangenheit, die für ihre gegenwärtige Position im Leben offenbar keine Rolle spielt. Nur so viel erfährt man: Der Ich-Erzähler hat recht früh beide Eltern verloren und ist in katholischen Kinderheimen aufgewachsen; das kollektive Leben dort war ihm mehr Last als Freude. Matti hingegen – diese Namensanpassung entspringt seiner schwärmerischen Liebe zu einem eher imaginierten Finnland – ist als Kind wohlhabender Eltern früh in die Obhut einer ebenso wohlhabenden Tante übergeben worden, die ihm ein eher vereinzeltes, stilles Aufwachsen ermöglicht hat, aber auch den Besuch teurer Privatschulen. Die Freundschaft der beiden wird auf ein höheres Level gehoben, als Matti mit Mitte 20 durch den Tod der besagten Tante eine Erbschaft macht. Die beiden Freunde, dem Studium immer mehr entfremdet, gründen kurzerhand eine Detektei in Wien. Erst hier kommt ein mysteriöses junges Mädchen mit dem für den Erzähler faszinierenden Namen Liza de Mink ins Spiel.

Lizas Geschichte kündigt sich recht typisch an: Eine verzweifelte Mutter aus Antwerpen schreibt das Wiener Detektivbüro an und bittet die beiden Mitarbeiter, ihre 17-jährige, auffallend grünäugige Tochter Liza zu suchen, die die Mutter in der Muehl-Kommune vermutet. So macht sich also der Protagonist auf den Weg dorthin. Für eine ganze Weile wird das radikal unkonventionelle, aber dennoch von vielen Regeln bestimmte Leben der Kommunarden zum Thema des Romans. Schon ist der Leser, die Leserin überzeugt, dass dies auch so bleiben wird.

Ohne Eile erzählt der neugierig beobachtende Inkognito-Detektiv von all den seltsamen Abläufen und Gewohnheiten in der Gemeinschaft von durchwegs sehr jungen Menschen, die eine denkbar unerotische Einheitskleidung und -frisur tragen: weite Latzhosen und stoppelkurze Haare, Männer wie Frauen. Der Höhepunkt des Tages sind aber – für die Kommunarden, Interessenten und Besucher:innen – die abendlichen Selbstdarstellungen: tänzerische, sängerische oder pantomimische Einzelperformances mitten im Sitzkreis der zuschauenden Gruppe und vor dem kritischen Blick des Ober-Kommunenmeisters. Dabei zeigt sich auch, welche zentrale Rolle künstlerische Praktiken im streng reglementierten Alltag der Kommune spielen. Schließlich findet der aufmerksame Jungdetektiv die gesuchte Liza in der Gruppe, wo sie nur als die Judith bekannt und eine begnadete Tänzerin und Choreografin ist. Im Übrigen fällt er ihr ebenso auf wie sie ihm. Dadurch, dass Liza für ihn Partei ergreift und ihn vor dem herrischen Muehl verteidigt, wird ihre privilegierte Stellung beim Kommunenchef jedoch arg beeinträchtigt. Das führt schließlich zur Flucht der beiden inzwischen heftig Verliebten.

Aber die Geschichte ist hier noch nicht zu Ende. Vielmehr endet hier die Kommunen-Handlung, möglicherweise zu früh und zu abrupt. Was folgt, ist Lizas Gewöhnung an das Leben in Wien, zunächst als erfolgreiche Nachtclubtänzerin, später als Sekretärin im Detektivbüro der beiden Männer. Was auch folgt, ist ihre Liebe zum Ich-Erzähler, die aufgrund seiner völlig fehlenden Libido rein platonisch bleibt, während sich der schweigsame und äußerst zurückhaltende Matti in erotischen Dingen als durchaus interessiert und aktiv erweist – Liza geht schließlich auch mit ihm ein Verhältnis ein.
Die Handlung erfährt aber noch einen weiteren Bruch, als eine Enthüllung über Lizas Identität das bisher Erzählte in ein neues Licht rückt. Dieser Bruch – in seiner Wirkung noch heftiger als der plötzliche Abbruch der Kommunen-Erzählung – ist nicht der einzige in diesem dramaturgisch hervorragend konstruierten Roman. Nur so viel sei verraten: Das Liebes- und Freundschaftsdreieck wird sich nicht in Wohlgefallen auflösen, und genauso wenig wird die Detektei weiter bestehen. Denn unter den Kund:innen des Detektivbüros sind auch äußerst gewaltbereite Menschen … Das melancholische Ende der in vielerlei Hinsicht ungewöhnlichen und berührenden Geschichte gehört zu ihren ästhetisch ansprechendsten Momenten – einmal abgesehen von der sehr lebendigen Schilderung von Lizas fulminanten Auftritten als Tänzerin.

Constantin Schwab hat sich für seinen zweiten Roman eine Reihe von Themen vorgenommen, auf die sich ein genauerer Blick lohnt: der Wunsch nach künstlerischer Erfüllung, der Versuch eines geschützten Lebens im Kollektiv, die Paradoxie eines jungen Mannes mit einem Blick auf Frauen ohne sexuelles Empfinden, das von Imaginationen erfüllte Leben vereinsamter Menschen, die moralisch ganz und gar nicht einwandfreie Arbeit von Privatdetektiven, und schließlich das Auf-sich-Laden von Schuld und der Umgang damit.

Das ganz Besondere an diesem rundum gelungenen Roman ist sein Spiel mit den Genres: Die grünen Augen der Liza de Mink ist Liebesgeschichte und Erzählung über Freundschaft, Zeitdokument und Kriminal- und Detektivgeschichte, bis in die Nebenhandlungen hinein. Der Roman ist auch eine Geschichte vom Leben junger Erwachsener ohne jeglichen familiären Rückhalt. Zudem gibt er viel von der Stimmung in Wien um 1975 wieder, einer Zeit, in der man noch im Büro rauchte, per Brief kommunizierte und Tagesnachrichten nur aus der Zeitung oder dem Radio erfahren konnte. Die riskante Idee, drei junge Menschen ohne Herkunft und Vergangenheit zu Protagonist:innen einer unerhörten Geschichte zu machen, geht hier auf: Jeder der Charaktere konnte offenbar nur in der Gegenwart bestehen. Eine klassisch erzählte, im Grunde völlig zeitlose Geschichte, die sich aufgrund starker, einprägsamer Szenen wohl gut verfilmen ließe.

 

Jelena Dabić, geb. 1978 in Sarajevo, studierte Germanistik und Russistik in Innsbruck und Wien. Übersetzerin aus dem Serbischen, Kroatischen und Bosnischen, Literaturkritikerin und Sprachlehrerin. Zuletzt erschienen in ihrer Übersetzung: Rand von Ilija Djurović (Gedichte, Treći trg, Belgrad /Drava, Klagenfurt 2023), 24 von Marija Pavlović (Roman, Drava, Klagenfurt 2021), Und Livada sagt von Raša Livada (Treći trg, Belgrad 2023) und Die schwindende Stadt von Pavle Goranović (Gedichte, edition korrespondenzen, Wien 2019). Mehrere Veröffentlichungen von Übersetzungen in den Zeitschriften Lichtungen, Wespennest und Manuskripte. 2026 Arbeitsstipendium des BMWKMS für die Übersetzung eines Essaybandes von Dorta Jagić. Mitarbeit an der Anthologie VERSschmuggel / Krijumčarenje stihova. Poesie aus Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Montenegro und Serbien (Das Wunderhorn, Heidelberg 2023). Rezensentin beim Portal poesiegalerie.

Constantin Schwab Die grünen Augen der Liza de Mink
Roman.
Wien: Kremayr & Scheriau, 2026.
160 Seiten, Hardcover mit Lesebändchen.
ISBN 978-3-218-01527-1.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor sowie einer Leseprobe

Rezension vom 10.09.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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