Was Regina Hofers Comics stilistisch auszeichnet, ist die flächige Schwarz-Weiß-Ästhetik, die den Widerstreit zwischen unterschiedlichen Realitätswahrnehmungen, Emotionen und Perspektiven holzschnittartig hervorhebt. Hofer ist bekannt für ihre strenge Seitenarchitektur: Jeweils vier quadratische Panels auf einer Seite erzeugen eine klare Ordnung, die das Erzählte strukturiert und auch ein Gegengewicht zum oft verstörenden Inhalt bietet.
Das ist der Fall in Hofers autobiografischem Debüt Blad (2008/2018), das sich mit Essstörung und sexualisiert und psychischer Gewalt beschäftigt, und auch im Comic Insekten, in dem sie gemeinsam mit Leopold Maurer über Maurers Großvater erzählt, der Mitglied der Waffen-SS war. In dem ebenfalls mit Maurer gestalteten Comic F22.0 brach sie mit der strengen Architektur – der Wahn, von dem dort erzählt wird, die völlige Aushebelung des Lebens, lässt sich nicht mehr in eine rigide Form bringen. F22.0 invertiert auch die Schwarz-Weiß-Logik, weiß sind dort die Zeichnungen, schwarz die Seiten. Mit ihrem neuen Band Bled kehrt Hofer wieder zur strengen Vierer-Struktur mit Schwarz auf Weiß zurück.
In der Paronomasie, also der Verbindung ähnlich klingender Wörter zu Zwecken des Wortspiels, Blad – Bled, bleibt die Produktivität der schonungslosen Kürze erhalten. Bled ist ein Tagebuchcomic, widmet sich autobiografisch der Zeit nach F22.0 und erzählt über den Genesungsprozess: über Selfcare, den Weg zurück in den Alltag und über die Rückschläge. Auch für Bled ist – wie für den Stil Hofers übergreifend – die Konfrontation von Text und Bild zentral: Der konzisen Sprache, die das Erleben reflektiert nachvollzieht, stehen expressive, oft abstrahierende Zeichnungen gegenüber, die Assoziationen aufrufen, einzelne Aspekte metaphorisch aufgreifen oder konterkarieren.
Was Hofers zeichnerische Arbeit auszeichnet, ist genau dieser Mut zur bildlichen Verstörung. Comics brauchen die wiederholte Darstellung der Körper und sie brauchen dabei auch deren Wiedererkennbarkeit, denn an und mit ihnen wird erzählt. Sie sind die Träger der Handlung. Die Idee der Wiedererkennbarkeit steht dabei in einem Spannungsfeld mit der prinzipiellen Transformierbarkeit der Körper. Diese ist ein wesentliches bildrhetorisches Element von Comics ist, weil erst dadurch Emotionen explizit verbildlicht werden können. Hofer verschiebt die Funktion der Körper ganz hin zur Transformation. Nicht so sehr unmittelbare Wiedererkennbarkeit der erzählten Figuren steht im Zentrum als vielmehr bildmetaphorisch das Erleben der Figuren aufzugreifen. Besonders im Text-Bild-Verbund oder -Widerstreit sind wir Leser:innen dazu aufgefordert, immer die eigene Wahrnehmung zu hinterfragen. Wen oder was sehen wir hier und wie können wir das Gezeigte verstehen?
Im schnellen Wechsel zwischen den oft nur einseitigen Tagebucheinträgen über ca. fünf Monate hinweg zeigt sich die Fragilität des Genesungsprozesses, die Vielfalt der oft überfordernden Eindrücke. Hofer arbeitet auch in Bled intensiv mit der visuellen Dimension von Schrift und zwar klarerweise immer dann, wenn etwas besonders betont werden soll: etwa die Notwendigkeit von „Ehrlichkeit“ im Verhältnis von Ärztin–Patientin (S. 71) oder die Bedeutung von Selbstakzeptanz und Selfcare „Ich bin mutig.“ „Ich bin stark.“ „Ich bin frei.“ „Ich lebe.“, heißt es immer wieder.
Was passiert durch das Auf-Zeichnen des autobiografischen Erlebens – in diesem Fall eben der Gewalterfahrungen und der psychischen Erkrankung? Wie schon frühere Arbeiten von Hofer kann auch Bled der Graphic Medicine zugeordnet werden, also der grafischen Auseinandersetzung mit psychischen und physischen Gesundheits- und Krankheitsthemen und dem gesamten medizinischen Bereich. Hofer thematisiert auch von Beginn an und in Zusammenspiel mit der Tagebuchstruktur die Funktion des Zeichnens selbst: „Ich will wieder zeichnen können.“ (S. 5), heißt es und schließlich stellt das Ich fest, dass das Zeichnen, das Bearbeiten der Zeichnungen und das Zusammenfügen von Bild und Text eine wichtige ordnende Funktion hat.
Bled ist – wie auch Regina Hofers andere Comics – für die Leser:innen mehrfach herausfordernd, und genau deswegen sind sie auch so spannend. Sie erzählen von Themen, die gesellschaftlich nach wie vor oft tabuisiert werden. Sie fordern Wahrnehmung, Verstehensmuster und Erwartungshaltungen heraus und zeigen damit formal just jene Verstörungen, von denen erzählt wird.
Marina Rauchenbacher ist Literatur-, Comic- und Kulturwissenschaftlerin sowie Kulturvermittlerin. Seit April 2026 leitet sie die Pressedokumentation im Literaturhaus Wien. Sie lehrt an der Universität Wien und an der Universität für angewandte Kunst Wien, zuvor hat sie u.a. im Forschungsprojekt Visualitäten von Geschlecht in deutschsprachigen Comics gearbeitet. Sie ist Gründungs- und Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Comics (OeGeC) sowie Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Kulturanalyse (aka). Für das Sigmund Freud Museum Wien kuratierte sie 2023 unter Mitarbeit von Daniela Finzi die Comic-Ausstellung Gewalt erzählen.
