#Roman

Schon schwankte die Welt

Felicitas Prokopetz

// Rezension von Jelena Dabić

Eine Frauenfreundschaft im Widerstreit mit einer neuen Liebesbeziehung. Was nach der aufopferungsvollen Mutterschaft kommt. Die Jungen gehen ganz eigene Wege. Und mittendrin: die Rätsel der Naturwissenschaft. Felicitas Prokopetz hat mit Schon schwankte die Welt ihren zweiten Roman vorgelegt.

Bereits in ihrem Debüt zeigte die junge österreichische Autorin Felicitas Prokopetz ihre Vorliebe für längere Titel in Satzform: Wir sitzen im Dickicht und weinen (Eichborn, 2024) wurde von Presse und Publikum groß gefeiert. Außerdem teilen beide Bücher die Covergestaltung: organische Formen in Pastellfarben, deren Deutung sich erst im Laufe der Lektüre erschließt. Die beiden im erstaunlichen Tempo nacheinander erschienenen Romane haben aber noch mehr gemeinsam: schwierige Mutter-Tochter-Beziehungen, Fragen der Gleichberechtigung von Frauen, Leben als alleinerziehende Mutter, Erinnerungen an die eigene Herkunftsfamilie. Im neuen Buch scheint zunächst aber eine flotte Liebesgeschichte im Zentrum zu stehen.

Im Mittelpunkt steht die Mittvierzigerin Viktoria, die dank ihrer schlanken Figur deutlich jünger wirkt – ihre beste Freundin Helene, mit der sie seit ihrem elften Lebensjahr unzertrennlich verbunden ist, kann ihr Älterwerden offenbar schlechter verbergen. Die beiden könnten als akademisch gebildete, privilegierte, reflektierte, mode- und stilbewusste Frauen der Gegenwart angesehen werden, mit Lebensmittelpunkt in Wien und Wohnsitzen im teuren, stilvollen achten Bezirk. Dabei ist nur Helene diejenige, die wohlbehütet in einer bürgerlichen Familie aufgewachsen ist und ihrer Freundin während der gesamten Kindheit und Jugend den Einblick in dieses bessere Leben ermöglichte; Viktoria hingegen ist ohne Vater und mit einer alkoholkranken Mutter aufgewachsen. Wie dem auch sei, beide Frauen haben sehr herzeigbare Karrieren gemacht: Helene ist Linguistin mit Lehr- und Forschungstätigkeit, Viktoria hat nach ihrem Biologiestudium 20 Jahre in einem Pharma-Unternehmen gearbeitet und entsprechend gut verdient. So gesehen entspricht sie ganz und gar nicht dem in den Medien vermittelten Bild der verarmten, sozial abgehängten Alleinerzieherin. Nun aber – nachdem Viktorias Tochter Lara ausgezogen ist, und zwar gleich nach Leipzig zu einem Grafikdesign-Studium – ist Viktoria wieder in ihr Lieblingsfach zurückgekehrt: als Forschende am Institut für Verhaltensbiologie, wo sie das Verhalten von Vögeln, namentlich Raben, untersucht. Den Raben Toni, ihr zentrales Forschungsobjekt, allerdings außerhalb ihres offiziellen Projekts, erkennt der Leser, die Leserin unschwer mitten auf dem Cover. Dieser Rabe, den sie vor einigen Jahren auf der Forschungsstation großgezogen und dann in die Freiheit entlassen hat, wird bald zum Mittelpunkt der Handlung, um den sich alle Verwicklungen, erfreuliche wie fatale, drehen – bis zum Schluss, einem originellen Epilog aus Sicht des Raben.

Die Handlung lässt sich gar nicht so einfach wiedergeben. Eines Tages tritt der 24-jährige deutsche Student Polly (eigentlich Pollux, nach der mythologischen Figur) in ebenjener Vogelforschungsstation in Viktorias Leben. Der junge, attraktive Mann ist seinerseits Student am Institut für Sprachkunst (an dem auch die Autorin studiert hat!) und schreibt als Masterarbeit ein Theaterstück, in dem ein Rabe eine wichtige Rolle spielt. Was folgt, ist eine Amour fou, die das ganze bisher wohlgeordnete Leben der beiden und alle nahen Beziehungen völlig durcheinanderbringt. So liest sich der Text über weite Strecken wie eine meisterhaft erzählte Liebesgeschichte, angesiedelt in unseren Tagen und an angesagten Orten in Wien.

Parallel dazu wird die Beziehung zwischen Viktoria und ihrer Tochter Lara entfaltet, in der wiederum Helene, mehr oder weniger Viktorias zweites Ich, fast die noch größere Rolle spielt. Es stellt sich nämlich langsam heraus, dass Helene seit Laras Eintritt ins Gymnasium regelmäßig die Nachmittagsbetreuung übernommen hat; zudem haben die beiden Frauen alle Feste mit Lara gemeinsam gefeiert und sogar jährlich im Salzkammergut Urlaub gemacht. Kurz und gut, Helene betrachtet sich insgeheim als de facto Laras “Vater”. Gleichzeitig können die eigentliche Mutter und ihre Tochter immer weniger miteinander anfangen, eine unbegreifliche Distanz hat sich zwischen die beiden eingeschlichen, die ehemals so eng verbunden waren. Dies könnte damit zu tun haben, dass Lara lesbisch ist und den neuen Lover der Mutter kategorisch ablehnt.

Dass – Achtung Spoiler! – Laras Freund Miki, der mit ihr nach Wien zu Besuch kommt, eigentlich eine Freundin, eine Partnerin ist, stellt sich für die an gewöhnliche Konstellationen gewöhnte Leserin erst sehr spät heraus – Mikis geschickt eingeführte Präsenz im Text ist ein wahrer Clou der Autorin. Und schließlich gruppiert sich irgendwann das ganze (bis auf Polly) rein weibliche Figurenpersonal um den selbstbewussten, rätselhaften Raben Toni, der Viktoria hartnäckig auf etwas aufmerksam machen will. Kurz vor dem totalen Showdown und einem Ende, das sowohl happy als auch unhappy ist, kippt die erstklassig gesponnene und ausgerollte Liebes-, Freundschafts-, Frauen- und Familiengeschichte noch kurz in eine Detektiv-, Krimi- und zu guter Letzt auch Science-Fiction-Story, wenn auch nur für wenige Seiten. Die mehrfach im Erzählen geschulte Autorin spielt diesbezüglich wirklich alle Stückerl!

Schon schwankte die Welt ist auch ein Roman, der sich dezidiert mit Fragen der ungleichen Stellung von Männern und Frauen in der Gesellschaft befasst, in den letzten Jahrzehnten ebenso wie heute. Besonders in der ersten Hälfte des Buches kommen solche Fragen in den Dialogen zwischen dem scheinbar total feministisch orientierten Polly und Viktoria öfter zur Sprache, aber auch in Viktorias Reflexionen. Zudem sehen die beiden Frauen Mitte 40 an der jüngeren Generation, was sich in den letzten Jahren tatsächlich zum Besseren geändert hat. Jede Menge sogar! Dennoch bleiben – am Beispiel des scheinbar gutmütigen und harmlosen Polly – Männer nach wie vor eher bereit zu Betrug und zur gewaltsamen Aneignung von Macht, Geld und Bedeutung. Zu diesem Schluss kommen die beiden Freundinnen, deren Freundschaft – so viel sei verraten – letztlich doch noch gerettet wird.

Prokopetz’ neuer Roman ist von Anfang bis zum Schluss eine äußerst spannend erzählte Geschichte, die die neugierige Leserschaft immer wieder zu überraschen vermag. Auch der Humor kommt hier sicher nicht zu kurz: Wie die Autorin es versteht, die vor Neoanglizismen strotzende Sprache der Generation Z, aber auch die Konsum-, Alltags- und Lebensgewohnheiten von beruflich und finanziell angekommenen urbanen Frauen Mitte 40 wiederzugeben, sorgt für etliche spontane Lachanfälle bei der Lektüre. Mit ihrem zweiten Buch ist Prokopetz wieder ein psychologisch sehr präziser, meisterhaft komponierter und unterhaltsamer Roman gelungen, der auf sehr zeitgeistige Weise die zeitlosen Fragen der zwischenmenschlichen Beziehungen originell verhandelt.

 

Jelena Dabić, geb. 1978 in Sarajevo, studierte Germanistik und Russistik in Innsbruck und Wien. Übersetzerin aus dem Serbischen, Kroatischen und Bosnischen, Literaturkritikerin und Sprachlehrerin. Zuletzt erschienen in ihrer Übersetzung: Rand von Ilija Djurovic (Treci trg, Belgrad / Drava, Klagenfurt 2023), 24 von Marija Pavlović (Roman, Drava, Klagenfurt 2021), Die schwindende Stadt von Pavle Goranović (Gedichte, edition korrespondenzen, Wien 2019) und Grüne Nacht in Babylon von Sofija Živković (Gedichte, Edition Aramo, Wien 2018). Teilnahme am 23. Poesiefestival Berlin (Juni 2022). Mitarbeit an den Anthologien Grand Tour. Reisen durch die junge Lyrik Europas. Hg. von Federico Italiano und Jan Wagner (Hanser 2019) und VERSschmuggel / Krijumčarenje stihova. Poesie aus Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Montenegro und Serbien (Das Wunderhorn, Heidelberg 2023). Rezensentin beim Portal poesiegalerie.

Felicitas Prokopetz Schon schwankte die Welt
Roman.
Köln: Eichborn, 2026.
208 Seiten, Hardcover.
ISBN 978-3-8479-0234-8.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin

Homepage von Felicitas Prokopetz

Rezension vom 24.06.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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