#Roman

Hauch

Xaver Bayer

// Rezension von Franz Schörkhuber

Auf der anderen Seite des Spiegels

Xaver Bayers Briefroman Hauch scheint seltsam aus der Zeit gefallen und ist zugleich eine präzise Diagnose unserer Gegenwart – vor allem aber ist es ein Buch über die Natur von Poesie.

Xaver Bayers Bücher sind Versuchsanordnungen zur Wahrnehmungsintensivierung, geleitet, so glaube ich, von dem Anspruch, durch genaues Aufmerken und Beschreiben in eine gegenüber den Dingen versöhnliche Haltung zurückzufinden. Als Grundproblem vermeine ich dabei mit Blick auf das formal äußerst vielgestaltige Werk eine Dialektik auszumachen, wie sie in ähnlich gelagerten Bestrebungen Handkes, ja schon bei Stifter spürbar wurde, die Bayer aber derart austrägt, dass die Tragik virulent wird, die in der technisch verwalteten Welt jeglichem Versuch eignet, in ein unvermitteltes, autarkes, quasi ‚natürliches‘ Verhältnis zur Natur und zu den Mitmenschen treten zu wollen.

Schon in seinem zweiten Roman Alaskastraße (2003) führte Bayer vor, wie die in sich ja erhabene Idee, im Umgang mit der Geliebten keinerlei Halbheiten, Phrasen oder Automatismen zu dulden, gleichsam von selbst in Hochmut, Hybris und Verlorenheit führt; wie der Versuch, jedes Wort zu verantworten, jedem Augenblick mit Intensität zu begegnen, nicht zu gesteigertem Miteinander, sondern in die Isolation treibt; dass uns, mit Aristoteles (oder Vico) zu reden, zusehends das Bewusstsein schönen Maßes abhanden kommt, mit dem allein das Schöne, auch jenseits solitärer Verzückung, erfahrbar, teilbar, mit-teilbar bliebe.

Ich sehnte mich nach Ansprache, wollte gerne mit jemandem meinen Ausblick teilen. Aber nur allein, so kam es mir unwiderlegbar vor, konnte ich wirklich etwas sehen, konnte ich die Farbe des Holzes eines Strommastes für schön befinden oder die Rundung eines Glases. War ich in Gesellschaft oder auch nur zu zweit, so fühlte ich mich immer wie ein Hochstapler, wenn ich vorgab, etwas Schönes entdeckt zu haben. (Alaskastraße, S. 94)

Ich lese Bayers neues Buch Hauch als eine (in sich ebenso paradox wie unsicher bleibende) Antwort auf dieses (ja selbst paradoxe) Problem. Er setzt einen Schriftsteller, Veit, in ein Bauernhaus am Land und imaginiert ihm, in sicherer Distanz in der Stadt, die Übersetzerin Dora hinzu; zwischen beiden das Einverständnis: über ein Jahr hinweg nicht anders als brieflich miteinander zu verkehren. Indem Internet und Mobiltelephon – diese „Alleinseinsverhinderer, Stillevernichter und Konzentrationszerstörer“ (S. 15) – nicht zugelassen sind, spannt das asynchrone Spiel der Briefe einen Raum für Ansprache und Teilhabe auf, der es aber zugleich erlaubt, bei sich selbst und dem je erlebten Maß der Dinge zu bleiben.

Die Rollen sind relativ klar verteilt: Veit berichtet von Streifzügen durchs Umland, schildert Variationen des Windes in den Wipfeln, schreibt von Geräuschen im Gebälk, Gespinsten in der Scheune, dem langsamen Gang der Sonne wie der Wolken am Himmel; streng bedacht, in der Betrachtung zu bleiben. Dora hingegen sieht sich in der Stadt den Zumutungen modernen Nebeneinandervegetierens ausgesetzt: in analytischem Geist kommentiert sie das asoziale Gebaren der in ihre Handys stierenden Mitmenschen; sie verzagt an den Phrasen des öffentlichen Diskurses, klagt über den Rückgang langwierig erkämpfter Rechte von Frauen und Minderheiten; mit Kritik und Polemik versucht sie, sich den Anmaßungen neuer Technologien zu erwehren.

Liebe Dora,
meine Reisen bestehen derzeit im Durchstreifen der nahen Waldgebiete. Ich meide Zeiten, zu denen Menschen unterwegs sein könnten, umgehe Siedlungen und Dörfer und schlage mich ins Gebüsch, wenn ich von weitem Spaziergänger sehe. Ich kenne nunmehr alle Routen der Umgebung, auf denen ich an keinem Haus vorbei muss. Oft gehe ich sogar neben den Wegen im Gras, weil ich meine eigenen Schritte nicht hören will.
Und so wie ich heute, als mir eine Libelle eine Zeitlang schnurstracks vorangeflogen ist, gedacht habe, ich müsse ihr folgen, weil sie mich vielleicht an einen besonderen Ort führen werde, so habe ich jetzt gerade, ins Schreiben versunken, aufgeblickt, als sich draußen auf der Straße eine Fahrradklingel hat hören lassen, in der vagen Vermutung, sonst einen Hinweis auf irgendein Geschehen zu verpassen, ein Omen. Aber nichts ist geschehen, außer dass ich aufgeblickt habe. (S. 27)

Lieber Veit,
zwischen Mitternacht und Morgendämmerung bin ich meinen Gedanken schutzloser als sonst ausgeliefert, und so manche Gedankenkaskade führt mir erbarmungslos vor Augen, wie die Lage der Welt ist. Das Ausmaß der Verheerungen geht mir in diesen Stunden näher, als ob durch die Dunkelheit, die mich in meinem Schlafzimmer umgibt, erst jede schützende Distanz verschwindet. Eine Lawine bedrückender Nachrichten, die sich tagsüber angesammelt haben, wälzt sich über mich, und ich, unfähig mich dem Schlaf hinzugeben, wälze mich mit, bis ich irgendwann, wenn die Intensität des Morgenlichts zusammen mit den Geräuschen des Straßenverkehrs zunimmt, doch noch in einen Schlummer sinke, der bald darauf durch den täglich gleichen Weckton guillotiniert wird, sodass ich, wie verhöhnt, mit mir und all den widergekäuten Fürchterlichkeiten allein in die Tretmühle des Tages gestoßen werde.
Das Zermürbende daran ist, dass mir die totale Ausweglosigkeit bewusst ist. Wie bei einer raffinierten Foltermethode sorgt mein Widerstand, meine Disziplin des Trotzdem-Weitermachens dafür, dass sich die Wunden im Tagesgetriebe so weit verschließen, dass sie nachts in den Stunden des Grübelns wieder schmerzhaft aufgerissen werden können. (S. 78)

Zu Beginn des Briefwechsels ist noch beidseitiges Bemühen zu beobachten, aufeinander einzugehen, die Traum-, Wahrnehmungs- und Erlebnisberichte nicht nur als Assoziationsfedern für eigene, davon aber wegführende Gedankenkaskaden zu gebrauchen, sondern einander beizustehen, die Sichtweisen des anderen zu bestärken: Dora ermutigt Veit, wieder ans Schreiben zu gehen und sich nicht unterkriegen zu lassen davon, dass kaum noch jemand Interesse an einem echten Buch zu haben scheint. Veit wiederum bestätigt Doras Diagnosen über die allumgreifende Technologietollwut und begegnet ihren Traumprotokollen, zunächst, mit korrespondierenden, darauf antwortenden Reflexionen; etwa, wenn er als Antwort auf obigen Brief schreibt, „dass sich zwischen der realen Welt und der Sphäre des Schlafs ein immer größer werdender Bereich auftut. Diese Schwelle ist breiter geworden, als wäre sie selbst zu einem Raum angewachsen, der nicht mehr einfach mit einem Schritt zu überschreiten ist, sondern der selbst durchmessen werden muss. Und so greifen Wachen und Schlafen immer mehr ineinander über, als würden sie fortlaufend etwas Drittes gestalten wollen, einen Übergangsraum.“ (S. 82)

Schon bald aber kippt das Verhältnis: Der zwischen Veits poetischer Natur und Doras kritischer Vernunft angelegte Antagonismus befruchtet nicht länger. Zunächst werden die Gegensätze noch adressiert: Veit verweigert sich Doras Ansicht, das allerorts anhebende Wettrüsten als Vorzeichen des Kriegs zu deuten, da dies (quasi spinozistisch gedacht) heraufbeschwöre, was man bloß zu benennen glaube. „Mir steht der Sinn nach anderem. Ich erzähle Dir lieber, wie hier – altmodisch gesagt – die Tage ins Land ziehen.“ (S. 51) Zusehends verlieren sich die beiden jedoch aus den Augen, wobei es Dora ist, die diese Verspiegelung registriert und (einen Brief Kafkas an Milena Jesenská weiterdenkend) die Gespensterhaftigkeit der Situation markiert: „Und Du schreibst fast ausschließlich vom Wind und den Vögeln und was in Deinem Garten vor sich geht und was Du geträumt hast. Aber zwischen all diesen Betrachtungen kommst Du mir irgendwie abhanden.“ (S. 93) Was hier Sorge ist, nähert sich dem Vorwurf, wenn sie später schreibt: „ich frage mich, ist es Feigheit oder, noch schlimmer, Bequemlichkeit, wenn man sich von den Menschen zurückzieht und sich die Dinge so zurechtlegt, wie man will. Du sitzt da, allein in diesem Haus, und tust nichts, als aus dem Fenster zu schauen und den Wind und die Vögel zu beobachten.“ (S. 139)

Und dann frage ich mich, ob Du mit Deinem Rückzug und Deiner Abschottung nicht eben dasselbe tust wie all die Menschen, an denen wir so verzweifeln, die wir momentweise dafür hassen, die sich hinters Licht führen lassen von ihren Geräten, dem Internet, den sozialen Medien, darin versinken und zu Zombies werden. (S. 138)

Und wirklich wandelt sich die Gestimmtheit auch auf Seiten der Leserin. Die eingangs derart erhebenden, mit den Winden gleichsam mitschwingenden Schilderungen Veits werden beklemmender, seltsam amorph; und sein Credo, wonach die Dinge ihn, des Beschauers, bedürften, um lebendig zu bleiben, wendet sich mehr und mehr gegen ihn selbst. Beschwört Veit zu Beginn die Schuldigkeit, die der Mensch der Natur gegenüber habe, der er sich rückhaltlos ausliefern müsse, um deren Wesen zu heben, steht am Ende einer langen Reihe geisterhafter, zwischen realer Welt und Traum changierender Wahrnehmungen der bittere, kapitulierende Satz: „Ich empfand mit einem Mal die Überlegenheit der Dinge gegenüber den Lebewesen – der Gedanke, dass sie auch da sein werden, wenn ich nicht mehr bin. Die Dinge haben nichts von mir gewollt, dass ich sie betrachtete, war ihnen gleichgültig.“ (S. 167)

Vor dem Hintergrund dieser Bewegtheit des Textes (die freilich nie ganz eindeutig bleibt, sondern immer auch Deutungen offenlässt, die versöhnlicher stimmen) erhalten viele der von den beiden geäußerten Sätze und Gedankensplitter ihr besonderes Licht. So wie das Extrem poetischer Öffnung in die totale Entfremdung der Umwelt gegenüber kippt bzw. so wie den sich hingebenden Betrachter plötzlich die Feindseligkeit der Dinge durchfährt (Veit spricht etwa davon, dass der Wind in ihn gefahren sei, Besitz von ihm ergriffen habe), so ist das in den Briefen wiederholt umkreiste Verhältnis zwischen Technik und Natur womöglich sehr viel anders zu deuten, als wir dies gewöhnlich tun. „Eventuell“, schreibt Veit, „ist unsere gesamte Technik selbst als ein Mittel der Natur zu verstehen, die Entfernung des Menschen von der Welt voranzutreiben.“ (S. 80) Das was der Mensch als seine Errungenschaft deutet, als eine Art Trick der Natur, sich seiner zu entledigen. Die Natur will ihn gar nicht, den reinen, unvermittelten Beschauer, vielmehr ist sie darauf aus, ihre Hervorbringung in die Selbstverblendung zu führen, damit sie, in bloß eingebildeter, quasi gespiegelter Metamorphose, daran zugrunde gehe.

Man muss das Buch nicht so lesen. Seine Größe liegt darin, dass es Symbol ist und eine Vielzahl an Lesarten erlaubt; diese aber auch einfordert, provoziert. Ohne eigene Anstrengung, Nachsinnen, Nachspüren, mag es seltsam aus der Zeit gefallen, irgendwie antiquiert anmuten. Und die Reaktionen, die ich im Rahmen einer Lesung des Autors beobachten konnte, bezeugten häufig eine große Ratlosigkeit, ja Langeweile. Mich selbst aber hat dieses Buch über Wochen bewegt wie selten je eines zuvor. Wie hier der Wind Gestalt und Person wird, ist umhauend – und erinnerte mich an Wim Wenders’ Handke-Verfilmung der Schönen Tage von Aranjuez (2017). Der im Buch selbst angelegten Referenz (oder besser: Reverenz) auf Tarkowski bin ich in den Tagen und Wochen nach der Lektüre gefolgt; in der Hoffnung zunächst, daraus den Schlüssel zu beziehen, um mir das Buch aufzuschließen, zu einem eindeutigeren Verständnis vorzudringen. Wer aber Tarkowskis Werk kennt, wird wissen: Man erhält keinen solchen Schlüssel. Was man aber erhält, und ich glaube, dies ist eigentlich das Maß, an dem auch Bayers Buch bemessen werden müsste, ist eine Weitung dessen, was einem als Sinn gilt: die (sei’s auch zaghafte) Erschließung von Sinnessphären, die aufzutun einzig dem Künstler obliegt und zugleich dessen Bürde ist; und die auf den Begriff zu bringen das lächerliche Geschäft jener ist, die dann Rezensionen über solche Werke schreiben.

Warum aber „Hauch“? Und warum „auf der anderen Seite des Spiegels“? Bei letzterem handelt es sich um eine Gedichtzeile von Arseni Tarkowski, die dessen Sohn Andrej in dem wohl schönsten wie seltsamsten Film Der Spiegel (1975), zitiert. Und obwohl ich weder das dort evozierte (Traum-)Bild noch Bayers Titel bis ins Letzte verstehe, glaube ich doch, einen Zusammenhang zwischen beidem zu sehen. Der Hauch, das ist jenes Filigrane, nicht Greifbare, das der Poesie eigenste Natur ausmacht. Der Hauch, das ist auch jener zarte Atem, der den glatten, unhintergehbaren Spiegel trübt und damit jene Opazität herstellt, die die bloße Selbstbespiegelung irritiert, unterbricht, und den Blick wieder auf ein Jenseits lenkt – das dabei freilich nie in Richtung des Spiegels liegt; und das auch nur dem ein Dahinter ist, der in ihm gefangen ward. Auf der anderen Seite des Spiegels, das ist vielleicht dort, wo wir je schon standen. Aber ein Hauch genügt – und wir sind wieder weg.

 

Franz Schörkhuber, war als Lektor für deutsche Sprache und Literatur in Prizren und Bratislava tätig und ist derzeit externer Lehrbeauftragter am Wiener Institut für Philosophie.

Xaver Bayer Hauch
Roman.
Salzburg: Jung und Jung, 2026.
224 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag.
ISBN: 978-3-99027-442-2.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

Rezension vom 17.06.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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