#Prosa

Die Nacht hat hundert Wege

Wolfgang Bleier

// Rezension von Marcus Neuert

Signale an die taube Welt

In Die Nacht hat hundert Wege öffnet Wolfgang Bleier ungewöhnliche Zugänge zu Träumen und unbewusstem Erleben. Aus hochpoetischen Verdichtungen im Prosagewand entstehen eindringliche Bilder aus wiederkehrenden Motiven, konstituiert sich ein künstlerisches und liebendes Ich, in welchem sich das Lesepublikum dieses Ausnahmeschriftstellers empathisch wiederfinden kann.

Der 1965 in Dornbirn geborene und im vorarlbergischen Klaus aufgewachsene Autor Wolfgang Bleier besuchte zunächst eine Lehranstalt für Bautechnik in Rankweil, bevor es ihn mit 21 Jahren nach Wien zog; dort nahm er ein Studium der Germanistik, der Religionspädagogik und der Ethnologie auf. 1996 begann er als Buchhändler in Wiener Neustadt zu arbeiten, wo er noch heute mit seiner Familie lebt. Für seine Arbeiten hat er einige öffentliche Wertschätzung erfahren; so erhielt er u. a. 2009 das österreichische Staatsstipendium für Literatur und im Jahr darauf das Vorarlberger Literaturstipendium.

Sein schriftstellerisches Schaffen umfasst neben Beiträgen für den ORF und diverse Anthologien vor allem auch mehrere eigene Prosabände, dessen letzter, betitelt Fischfang bei aufgehender Sonne, ebenfalls im Klever Verlag erschien.

Das ist nun elf Jahre her. Wolfgang Bleier hat sich also lange Zeit gelassen – zumindest gemessen an der ansonsten üblichen Publikationsgeschwindigkeit der literarischen Szene; doch seinen Büchern haftet ohnehin etwas Zeitloses an. Es handelt sich nicht um Romane mit einem klar definierten Figurenarsenal und einer linearen und nachvollziehbaren Handlung, sondern um lyrische Prosa, die ihrem eigenen inneren und äußeren Tempo folgt (welches mitunter sehr schnell sein kann):

Fremd bin ich in der hier üblichen Sprache. Das Pferd will mir aus dem Mund rennen; ich spreche lebhaft, meine angreifbaren Wendungen nehme ich in Kauf. Ich habe die Stille zur Sprache gebracht. (S. 11)

Bleiers Texte sind Texte im Sinne des Wortes, Texturen, Verwebungen mit Kette und Schuss: über das Grundgerüst der Sprache schieben sich in rascher Folge surreale Bilder, immer wiederkehrende Motive, traumhafte Sequenzen und die Reflexionen eines wachen Geistes, der sich vom Lärm des Zeitgeistes nicht beeindrucken lässt.

Dabei geht der Autor ohne jene deutlich vernehmbare Ironie zu Werke, mit der das Surreale sonst gewöhnlich gerne spielt. Sein Antrieb scheint eher eine Art Fassungslosigkeit vor dem Ausmaß der Schöpfung, oder besser: des Schöpferischen an und für sich zu sein: „Ich werde gescholten als ein Verwirrter; dass ich begeistert bin, merken die meisten nicht.” (S. 116). Das steht geradezu exemplarisch für die zu erwartende Rezeption durch ein von eher konventioneller Literaturproduktion geprägtes Lesepublikum.

Doch „Geheimnisse sind ein Segen, die Verstehenssucht ist eine Plage, das Unverständliche ein Glück” (S. 45), erfahren wir und könnten uns diesem Postulat für die Dauer der Lektüre einfach anvertrauen. Eine Voraussetzung für den Genuss von poetischer Sprache könnte eben gerade dieses Loslassen der logischen Zusammenhänge sein, das vorübergehende Aushalten der Faszination durch Fremdheit und Verunsicherung. Und auch in der Reflexion bewahrt sich den Lesenden das Geheimnisvolle: „Niemand sägt ein gerades Brett aus meinem Text” (S. 117f.).
Vergleicht man hierzu vorangegangene Textstellen wie „[N]iemand sägt ein gerades Brett aus dem Schnittholz der Singvögel” (S. 8) oder „Es ist versucht worden, aus meinen Gedanken ein gerades Brett zu sägen” (S. 28), so ist es, als ob die Motive analog einer musikalischen Durchführung in leichten Variationen, damit aber auch semantisch und kontextuell verändert, sich durch den gesamten Text ziehen. Literatur als Rhizom, als unsichtbar zusammenhängendes und an vielerlei Stellen, zu unterschiedlichen Zeiten sich wieder manifestierendes Geflecht. Eine Literatur, die die eigene Linearität konsequent verweigert.

Mitunter lesen wir Formulierungen, die von einer fast kindlichen Frömmigkeit zu sprechen scheinen: „Gott geht zwischen Sternbildern umher, Gott geht auf und ab im Himmel.” (S. 14) Doch schon der nächste Satz konterkariert diesen singulär aufscheinenden religiösen Ansatz: „Flämmchen von Seelen lassen sich nieder auf dem Wasser, bis sie erlöschen.” (ebd.) Es gibt also für sie kein ewiges Leben – so einfach sind die metaphysischen Vorstellungen des Autors nicht zu entschlüsseln. Und übergangslos taucht uns Wolfgang Bleiers Prosa anschließend erneut in einen surrealistisch anmutenden Strom von Bildern:

Ein Stuhl schwebt über dem Meer der Häuser, die Fenster gehen auf zum Wald. Ein Pferd geht sprechend auf und ab im Zimmer, es trägt einen Zaun durch den Garten. Wind riecht an schlafenden Bäumen: der Mond wird in dampfenden Wolken gekocht (S. 14f.).

Darauf folgen nun unmittelbar Worte, die den Sound eines Bibelzitates nachzuahmen scheinen: „Buchstaben sind aus dem Namen Gottes gehauene Steine, zwei Steine bauen fünftausend Häuser.” (S. 15) Die Kursivierung des Zitats im Original könnte nun auf die besondere Wichtigkeit zur Enträtselung des kryptischen Textkonvoluts verweisen, liest sich jedoch, für sich allein genommen, eher wie ein Aphorismus über das Schreiben oder auch wie eine religiöse Erklärung für die Herkunft des Semiotischen in der Sprache.

Diese Stelle sei exemplarisch angeführt für ein ständig wiederkehrendes Phänomen des Bleierschen Duktus: strikt hintereinander weggelesen ergeben diese Sätze keinen zwingenden semantischen Zusammenhang. Dieser verweigert sich hingegen nicht vollständig. Er erschließt sich aber erst nach und nach mit fortschreitender Lektüre. Das Buch erfordert viel Aufmerksamkeit und eine geduldige Leserschaft.

Es ist, als stehe man zunächst zu dicht vor einem aus zahlreichen winzigen Steinchen zusammengesetzten Mosaik. Im Lauf der Rezeption weitet sich der Blick, Motive, oft in unterschiedliche Kontexte gestellt, werden wiedererkannt, ordnen sich zum traumhaften Kosmos eines lyrisch zu nennenden Ichs und seinen Interaktionen mit einem Du, welches mit „Liebste” angesprochen wird. Beide Figuren sind Teil einer sich unablässig verändernden, mannigfaltig changierenden Umgebung, deren Bandbreite von paradiesischer Schönheit bis zu verstörender Unnahbarkeit reicht. So begegnen wir immer wieder dem Sternenhimmel, Engeln, Vögeln, Bäumen in allen Variationen, aber etwa auch dem Fleischwolf (der bei Bleier eher ein Tier als ein Küchengerät zu sein scheint), Gespenstern aller Art und dem Wahnsinn. Als wären Adam und Eva nicht mehr in Eden, aber auch noch nicht endgültig daraus verbannt. Alles scheint möglich in diesem surrealen Geflecht.

Den beiden zugeordnet ist überdies ein phasenweise auftauchendes „Kind” oder „Söhnchen”, welches die Erlebenswelt der beiden Eltern mitprägt und umgekehrt. Nicht unerwähnt bleiben darf auch die gelegentliche Nähe des Textes zu Spielarten des Nature Writing, meist eingebettet in einen Wahrnehmungsstrom aus der Ich-Perspektive:

Ich bin der stumme Hund, bin der in der Erde schlafende Vogel, der an den Wurzeln des Schachtelhalms hängt. Eine Kratzdistel liegt mir auf der Zunge. Ich sehe den blühenden, hell leuchtenden Sternenhimmel der Schlehen. Ich drehe meinen Kopf, sehe ein Dutzend Singvögel aus dem offenen Fenster fliegen. (S. 176f.)

Und all das verknüpft sich dazu in regelmäßigen Abständen mit lyrischen Reflexionen über Sprache und Schreiben, über die Bedingungen und Bedingtheiten des poetischen Lebens.

Darüber hinaus spielen Klang und Rhythmus der Worte eine große Rolle. Es empfiehlt sich, einige beliebig herausgegriffene Passagen einmal laut zu lesen. Die dadurch entstandene Manifestation der dann im stummen Weiterlesen sich fortsetzenden subtilen Vielfalt der Klangfarben wie auch der freien Rhythmen hilft sehr, sich diesem eigenwilligen Text zu nähern.

Man könnte vielleicht einwenden, dass es nicht unbedingt eines Umfangs von fast 200 Seiten bedurft hätte, um das poetisches Prinzip des Buches und die literarische Umsetzung nachvollziehen zu können. Auch gelegentliches Vor- und Zurückblättern, sich immer wieder neu an irgendeinem Punkt Festlesen, ist eine mögliche Annäherungsform an den Text, da die zeitliche und semantische Linearität keine herausragende Rolle spielt. Und doch hängt die Gesamtlänge des Textes auf nicht unwesentliche Weise mit der Eindringlichkeit seiner Wirkung zusammen. Immer wieder stößt man auf Passagen, die schlaglichtartig die zugrundeliegende Verfasstheit des Schreibenden verdeutlichen:

Ich ernähre mich vom Gesang der Engel; seit Jahren knete ich den Text, verwandle ihn in einen Gesang mit Rissen und Schrunden. Schreiben müsste ein Wagnis sein und die Worte leicht und der Text Herberge und Kartenhaus in einem! Ich sehe die Schrift an der Wand: Signal an die taube Welt (S.192f.).

Wenn dieses Zitat den Anspruch Wolfgang Bleiers an sein eigenes Schreiben wiedergibt, so kann man nach der Lektüre von Die Nacht hat hundert Wege nicht anders als ihm bewundernd bescheinigen, dass er ihm mehr als gerecht geworden ist.

Marcus Neuert, geboren 1963 in Frankfurt am Main, Studium der Kulturwissenschaften an der FU Hagen, lebt und arbeitet nach langjährigen Stationen in Hessen und Baden-Württemberg als Autor, Musiker, Literaturkritiker und Kulturarbeiter in Minden/Westfalen und Coswig bei Dresden. Für seine Texte, die in zahlreichen Anthologien und Literaturzeitschriften sowie in mehreren Einzelpublikationen veröffentlicht wurden (zuletzt: Falken im Foyer. Einunddreißig Fallbei(l)spiele für die rätselhaften Halbschlüsse des Lebens. Geschichten und kleine Prosa sowie der Lyrikband katzenlimbo. falknerschuss. ein anagrammatisches abecedarium, beide edition offenes feld, Dortmund 2025), erhielt er u. a. Auszeichnungen bei PostPoetry NRW (2014 und 2022), beim Lyrikpreis Meran (2021) und beim Inklings-Wissenschaftspreis (2025). Weitere Infos unter marcusneuert.jimdofree.com.

Wolfgang Bleier Die Nacht hat hundert Wege
Wien: Klever Verlag, 2026.
198 Seiten, Hardcover.
ISBN: 978-3-99156-023-4.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

Rezension vom 03.06.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Informiert
bleiben

Sie können 3 Newsletter abonnieren:

  • Literaturhaus Wien News
  • Literaturhaus Wien Veranstaltungsprogramm
  • Österreichische Exilbibliothek News

Bitte schicken Sie uns eine entsprechende Nachricht mit dem Betreff „Newsletter bestellen“. Für Abbestellungen bitte im Betreff „Newsletter abbestellen“ schreiben.