In Flashbacks erinnert sich die Erzählerin an ihre Kindheit im Belgrad der 1990er-Jahre, an die Kälte und Rohheit des Vaters, die Bosheit anderer Kinder und an die eigene Verzweiflung, während der Krieg im Hintergrund die gesellschaftliche Verfasstheit definiert. Kontrastiert werden die episodischen Erinnerungen mit Situationen aus dem Erwachsenenleben der Ich-Erzählerin in Wien, von wo aus sie auf die Vergangenheit schaut. Nur aus der zeitlichen und räumlichen Distanz, mit einem neu geformten Blick, so scheint es, ist es überhaupt möglich, vom Erlebten zu erzählen. „Nur wir, die wir diese Stadt für immer hinter uns gelassen haben, wissen, wie sich dieses Aufwachen anfühlt“ (S. 115), erklärt sie dementsprechend aus dem Rückblick bei einer Reise nach Belgrad.
Uppercut ist ein Coming-of-Age-Roman. In kurzen Episoden erzählt er von universellen Erfahrungen heranwachsender Menschen – wie zum Beispiel vom ersten Verliebt-Sein –, besonders aber von Gewalt und von der problematischen Vaterfigur. Im Rückblick bleibt die zentrale Frage ungeklärt:
„Diese Wut auf das eigene Kind. Woher, verdammt, woher irgendetwas außer der reinsten, bedingungslosesten Liebe für Kinder?“ (S. 102)
Dem Erleben von physischer und psychischer Gewalt steht in der Erinnerung die Fürsorge gegenüber. Immer wieder kommt die Erzählerin darauf zurück, auf diese Kontrapunkte, die auch Trost spenden. So erzählt sie etwa von dem Versuch, einen Mann zu retten, der – von anderen Passant:innen ignoriert – einen Herzinfarkt erleidet. Sie verweist auf die unverdrossene Gutmütigkeit der Großmutter: „‚Sei gut, meine Liebe.‘“ (S. 142) oder auf ihr „Lieblingswerk von Dostojewski“, Der Bauer Marej, das von unverhoffter Fürsorge erzählt. (S. 138f.) Iskra scheint sich nur marginal mit dem Krieg zu beschäftigen, steht doch für das Kind das eigene Erleben, das eigene Überleben im Vordergrund. Gleichzeitig ist der Krieg durch die wenigen pointierten Verweise allgegenwärtig – „Die Bombardierung war voll im Gange“ (S. 69) – und wird in der Metaphorik des Romans wieder aufgegriffen:
„Meine ganze Kindheit in Dorćol war zwischen zwei Feuern zusammengepfercht, zwischen zwei Geschoßen, die zunehmend näher kamen und ineinander übergingen.“ (S. 56)
Uppercut ist auch und vor allem ein feministischer Roman. Er erzählt von der Einsicht einer Erzählerin in die Strategien des kindlichen/jugendlichen Ich, sich in einer Gesellschaft zu bewegen und sich als Mädchen in dieser feindlichen Gesellschaft jenseits von Geschlechterzuschreibungen zu behaupten. Der Titel selbst, Uppercut, bündelt dabei das Erleben unterschiedlicher Gewaltformen – seien sie physisch, psychisch, strukturell. Ein Uppercut, also ein Schlag von unten auf den Körper, besonders gegen das Kinn der Gegner:innen, ist aber natürlich auch ein Akt der Selbstbehauptung einer Person, die sich – wörtlich in Hinblick auf die Körpergröße und metaphorisch in Bezug auf verschiedene Diskriminierungsformen – wehren (können) muss. Sie habe, so erläutert die Erzählerin, schon immer gern gekämpft, sei nachts wachgelegen und habe ans Kämpfen gedacht: „In meinen Gedanken kehrte ich immer zum Uppercut zurück.“ Und dann heißt es:
„Der einzige Weg, auf den Beinen zu bleiben, war, mit der Faust jemand anderen zu treffen.“ (S. 28)
Diese Selbstverteidigung ist in einer patriarchal-gewalttätigen Gesellschaft unabdingbar. Wie wehrt man sich gegen einen Angriff, wenn man körperlich unterlegen ist? Die Erzählerin erinnert sich an eine bedrohliche Situation, in der sie Möglichkeiten der Verteidigung durchgespielt hat:
„Oder ein Schlag in den Kehlkopf, mit voller Wucht. Oder mit der Handfläche von unten gegen das Kinn, dass er bewusstlos wird, und dann sofort in die Eier, so fest du kannst.“ (S. 98)
Und sie erinnert sich an den entscheidenden Streit mit dem Vater, bei dem er sie schließlich tatsächlich schlägt und sie „an einem Abend im April 1999, auf dem Höhepunkt der NATO-Bombardierung Belgrads, für immer aus dem Haus“ warf (S. 113).
Es sind am Ende vorwiegend Frauenbeziehungen, die ein Über-Leben dieser Kindheit überhaupt ermöglichen, so etwa jene Beziehung mit Ana Živin, mit der die Erzählerin „eine Wut, ein Bewusstsein dafür“ teilt, „dass es uns beiden zu Hause noch schlechter ging als auf der Straße.“ (S. 33). An den Mädchenfiguren zeigt der Roman exemplarisch, was die strukturelle Gewalt gegenüber Frauen im Einzelnen bedeuten kann.
Uppercut erzählt von überwältigenden, überfordernden und widersprüchlichen Emotionen, die eingeordnet und verstanden werden wollen, in denen der rekonstruierte kindliche Blick und der Rückblick der erwachsenen Erzählerin aufeinandertreffen – zwei emotionale Zustände, zwei Reflexionsebenen und unterschiedliche Möglichkeiten, das Erlebte einzuordnen. Pointierte und unverhohlen ehrliche Feststellungen treffen dabei auf metaphorische Beschreibungen: So heißt es etwa über einen sadistischen Lehrer: „Was bleibt, ist die Hoffnung, dass er am Ende in irgendeinem Loch verreckt ist, erbärmlich und allein.“ (S. 56) Oder die Erzählerin spricht darüber, „wie unglaublich einschläfernd alle Menschen in Beziehungen“ seien (S. 65). Dem gegenüber steht der Versuch, die Wucht der kindlichen Emotionen metaphorisch zu fassen:
„Aber in Wahrheit hatte ich Lava im Herzen und ein Maschinengewehr in meiner Brust.“ (S. 75)
Maja Iskra gelingt es, eine Struktur und – auch in der Übersetzung – eine Sprache zu schaffen, mit der diese großen Themen und widerstreitenden Emotionen klar erzählt werden können. Ohne aus dem Rückblick belehrend oder verstehend zu agieren, werden das gegenwärtige und erinnerte Erleben miteinander verbunden und können auch so stehen gelassen werden.
Marina Rauchenbacher ist Literatur-, Comic- und Kulturwissenschaftlerin sowie Kulturvermittlerin. Seit April 2026 leitet sie die Pressedokumentation im Literaturhaus Wien. Sie lehrt an der Universität Wien und an der Universität für angewandte Kunst Wien, zuvor hat sie u.a. im Forschungsprojekt Visualitäten von Geschlecht in deutschsprachigen Comics gearbeitet. Sie ist Gründungs- und Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Comics (OeGeC) sowie Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Kulturanalyse (aka). Für das Sigmund Freud Museum Wien kuratierte sie 2023 unter Mitarbeit von Daniela Finzi die Comic-Ausstellung Gewalt erzählen.
