Jahr für Jahr strömen Millionen Menschen nach Rom oder Athen, nur um durch eine Brache zu streifen. Es sind diese antiken Stätten, die der Romantiker François-René de Chateaubriand als Terrain vague bezeichnet hat und deren Mischung aus verfallener Erhabenheit und offensichtlicher Baulücken jene ursprünglichen Zonen schafft, die für die Natur wie für den Menschen Freiraum ermöglichen. Da lässt es sich einfach gut umherstreifen und das ist in David Bröderbauers Naturkunden das Gebot des Erzählers.
Wir haben es hier tatsächlich mit einem Erzähler zu tun. Die Verknüpfung von Biologie und Literatur ist ein rares Phänomen, mir fallen noch Andrea Grill und Gertraud Klemm ein, auf die dies auch zutrifft. Novalis war Ingenieur, versiert in Technik und Naturwissenschaft. Ohne diese Disziplinen wäre ein Buch wie Hymnen an die Nacht nicht entstanden. Beim Lesen von Bröderbauers Brachenatlas ist eine ähnliche, seltene Verbindung von Naturverstehen und stilistischer Feinheit zu spüren. Denn die Charakteristik dieses Sachbuchs, das buchstäblich vielen Pflanzen auf und unter den Grund geht und einen mit viel botanischem Wissen aus der Lektüre entlässt, schafft durch das Einbeziehen subjektiver Stadt- und Landschaftserkundungen und durch eingestreute literarische Reportagen ein belletristisches Sachbuch.
Der im Botanischen Garten der Universität Wien tätige Biologe bettet seine persönlichen Betrachtungen unaufdringlich ein; und so amalgamieren literarisches Erzählen und versiertes Erklären zu einem stimmigen Ganzen.
Die Vermessung der Brache
Ein Atlas will seiner Definition gemäß die ganze Welt tragen. Das trifft auch auf dieses Buch zu. Von der Ackerbrache über die Industrie- bis zur Baulückenbrache – Bröderbauers geschulte Untersuchung, die sich über 12 Kapitel erstreckt, zeigt die lebendige Unruhe, die auf diesen stillgelegten Gründen herrscht. Das letzte Kapitel berichtet von der Weltraumbrache – tatsächlich ist ein winziger Teil der Mondoberfläche durch die zahlreichen bemannten und unbemannten Mondmissionen zur extraterrestrischen Brache geworden – unter anderem finden sich da 96 Beutel mit menschlichen Exkrementen und sogar zwei Golfbälle.
Jedes Kapitel des Brachenatlas beinhaltet ein prägnantes Pflanzenporträt, das für die jeweilige Brache spezifisch ist. Ob Hahnenfuß oder Silberregen – alle offenbaren eine Überlebensleistung, die erstaunt. Sie wirken wie botanische Fußnoten, die auch illustriert sind und damit die Landschaft ins Buch holen. Diese Doppelstruktur von Ort und Pflanzenpersönlichkeit, Essay und Porträt verleiht dem Buch seinen eigenen Rhythmus. Ein wenig komme ich mir dabei wie bei einer Exkursion vor. Erst der Vortrag, dann der Anschauungsunterricht: Man wandert, hält inne und schaut genau hin.
Manch zuweilen stark durch Öle oder Schwermetalle wie Blei, Kupfer oder Quecksilber kontaminierte Brache offenbart Arten, die sich erstaunlich anpassungsfähig zeigen. In einigen Fällen erobert die Natur rasch das zuvor vom Menschen ausgebeutete Territorium zurück. Es ist eine hoffnungsspendende Erkenntnis, die dem dystopischen Grundgefühl unserer Tage etwas entgegensetzt. Sogar auf Erzhalden mit einer hohen Schwermetallkonzentration siedeln sich Moose an und bereiten für andere Arten ein Habitat vor. Man muss nur auf den Wind vertrauen, denn dieses global wirksame Transportmittel ist wohl der größte Kurier der Evolution – jedenfalls in der Welt der Samen und damit der Flora.
Biotope für seltene und bunte Vögel
Bröderbauer weitet seine Naturbeschreibung zur sozialen Untersuchung aus. Er schildert die Randzonen als jene, an welchen Menschen etwas ausleben können, das anderswo keinen Platz findet. Es sind Räume ohne kommerziellen Zwang, die deshalb Freiheiten ermöglichen, die im urbanen Feld immer öfter marginalisiert werden. Deshalb sind Brachen auch Artenschutzräume im umfassenden Sinn – für seltene Vögel, die fast schon ausgestorben sind, wie der Triel oder auch der Wanderfalke, und die sich temporär etwa in Kohlegruben einnisten, genauso wie für überdrehte Motorradfahrer, die verlassene Kiesgruben für waghalsige Mutproben nutzen.
Auch eine Brache ist ein sich ständig veränderndes Gebiet, sie kann ihren Zenit erreichen und wieder an Biodiversität verlieren. Eine zu rasche Transformation durch den Menschen ist jedoch meist nicht im Sinne der Natur. Deshalb ist es wichtig, jemanden zu haben, der die Vorgänge auf der Brache versteht und richtige Zeitpunkte für Interventionen erkennt:
„(…) dass es leichter ist, zur Natur aufzuschauen, als ihr auf Augenhöhe zu begegnen. Um ihr ganz nahe zu kommen, müssten wir uns sogar zu ihr herablassen.“ (S. 55)
Die Brache ist laut Bröderbauer die rationalste Antwort auf globalen Stickstoffüberschuss, Bodenerosion und Verlust der Wasseraufnahmefähigkeit des Ackers. China, so berichtet er, liebäugelt mit der Ackerbrache, obwohl sie dort gar keine Tradition hat – gerade, weil sie ein Mittel gegen Überproduktion und Pestizideinsatz ist. Die historische Dreifelderwirtschaft, wo sich in einem dreijährigen Zyklus Wintergetreide, Sommergetreide und Brache abwechseln, hat eben genau diese Reha-Zeiten für Äcker vorgesehen. Erst mit dem nach den deutschen Chemikern Fritz Haber und Carl Bosch benannten Haber-Bosch-Verfahren war atmosphärischer Stickstoff für Kunstdünger – also Ammoniak – verfügbar und ermöglichte damit die industrielle Ackerwirtschaft. Im Verbund mit dem medizinischen Fortschritt war so erst das exponentielle Wachstum der menschlichen Bevölkerung möglich.
Den Acker bewohnt mancher Untermieter, der jahrelang nichts von sich sehen lässt. Der Klatschmohn etwa, dem das erste Pflanzenporträt gilt, verkörpert diese Fähigkeit mit der Präzision eines Überlebenskünstlers: Sein Samen kann Jahrzehnte im Boden überdauern. Bröderbauer zitiert Gottfried Kellers Novelle Romeo und Julia auf dem Dorfe (1856) en passant: Auch dort wächst auf einer Ackerbrache zunächst „eine einsame rote Mohnblüte“, aus der mit dem Wachsen der verbotenen Liebe zwischen Sali und Vrenchen eine „zahllose Menge von Mohnblumen“ wird.
Herkunft und Bedeutung
Sprachlich setzt der Autor wenige Neologismen, die treffend unser Verhältnis zur Natur bloßstellen, so unterstellt er dem vom Land entwöhnten, modernen Menschen eine Natur-Dyslexie und bezichtigt ihn somit, schlicht unfähig zu sein, die Natur richtig zu lesen. Deshalb ist dieses Buch auch eine didaktische Hilfe für alle, die der Natur am liebsten im Format eines Hochglanzmagazins begegnen möchten. Es fällt leichter, wenn man im Dreck das sieht, was er eben auch ist – Dünger.
Das Herkunft des Wortes „Brache“ lässt sich nicht eindeutig fassen. Es bezieht sich Bröderbauer zufolge nicht, wie oft angenommen, auf das Umbrechen des Ackerbodens, sondern lässt sich als Vermorschen infolge nährstoffzehrender Bepflanzung begreifen. Im Französischen differenziert man: la Jachère für die funktionale Ackerbrache und la friche für das dauerhaft verwilderte Aufgegebene. Im Englischen trennt sich die ackerbauliche fallow vom verödeten wasteland, das bei Kontamination noch zum brownfield mutiert. Das Deutsche fasst all das in einem Begriff zusammen: Von der Industriebrache bis zur Sozialbrache. Diese sprachliche Weite ist für Bröderbauer kein Mangel, sondern ein Hinweis. Brachen gemein ist, dass sie zumindest vorübergehend aus der Nutzung gefallen sind.
Manchmal besteht der Fortschritt darin, gar nichts zu tun. In der Betrachtung der „Deponiebrache“ zitiert der Autor Timothy Mortons Dark Ecology von 2016, der die Idee propagiert, dass wir uns der verheerenden planetaren Auswirkungen unseres Handelns unverfälscht stellen müssten. „Dunkel-depressiv“, wie Morton meint, aber auch „dunkel-süß“ – wie es der Geruch der Verwesung ist. Demnach könnten aus Deponien neue Gebirge werden. Im Übrigen ist das keine neue Entwicklung. In Rom ist der Monte Testacchio einer antiken Umweltverschmutzung geschuldet – denn “der Berg der Scherben” existiert nur, weil die damalige Einwegnutzung der Amphoren regelmäßig zu enormen Abfall geführt hat. Die einstige Brache ist heute ein beliebtes Ausgehviertel. Nur die Höhenverhältnisse haben sich in der Neuzeit verändert: Aus Hügeln wurden ganze Deponieberge.
Typologien des Übergangs
Die Vielfalt des Buchs ist auch durch die Erkundung sogenannter anderer Orte gegeben. Michel Foucault hat den Begriff Heterotopie geprägt, um Orte zu klassifizieren, die sich unterscheiden, die eigene Welten schaffen, die sich durch Zutrittsberechtigungen für eine bestimmte Klientel definieren, wie dies auf Bahnhöfe, Friedhöfe, Gärten und andere Orte starker Absichten und Zwecke zutrifft. Sie regen eine eigene Kommunikation von Menschen untereinander an, aber auch mit der jeweiligen Umgebung. Deshalb geht Bröderbauer diesen Orten nach und entdeckt hier auch eigene Besiedelungen. Der Autor zitiert den Landschaftsökologen Richard Forman, der dafür plädiert, Bahnhöfe als Grünzonen und nicht als Bauwerke zu betrachten. Sobald der Mensch reist, reist eben auch die Natur und mit der folgenreichen sogenannten Entdeckung Amerikas durch Kolumbus wächst die Welt zusammen – zumindest biologisch betrachtet. Das zeigt etwa das Vorhandensein der Kanadischen Goldrute im Areal des Wiener Nordwestbahnhofs – Pflanzen sind prädestinierte Nomaden.
Wer den St. Marxer Friedhof in Wien noch nicht kennt, sollte diese Erfahrungslücke schließen – ein Ausflug dorthin ist wie eine Reise in ein längst vergessenes Wien. In diesem Kapitel sinniert Bröderbauer auch über die Shoa, die verlassenen Friedhöfe, weil alle Nachkommen ermordet oder vertrieben wurden. Doch auch Friedhöfe zeigen eine ungemeine Resilienz gegenüber dem Nichts: Auf dem Berliner Friedhof Weißensee wurden laut einer interdisziplinären Studie Pflanzen gefunden, die in Berlin als ausgestorben galten oder erstmals überhaupt nachgewiesen wurden.
Die politische Dimension des Brachlands
Bröderbauer vermag diese unterschiedlichen Entdeckungen und Geschichten elegant zu verbinden, selbst wenn sie mitunter apokalyptisch sind, weil zum Beispiel invasive Arten keinen Spaß kennen, wenn sie Lebensraum für sich in Anspruch nehmen oder weil sie Krankheiten mitbringen, die für manche Organismen tödlich enden: Mitunter gilt auch für Pflanzen, was für Viren und Bakterien gilt.
Die spanischen Konquistadoren steckten einst die indigene Bevölkerung Mesoamerikas mit Pocken, Masern oder Cholera an – in vielen Fällen war dies tödlich. Manche fremde Pflanze wird nach einiger Zeit als heimisch verstanden wie die Kornblume – obwohl auch sie vor langer Zeit aus dem östlichen Mittelmeergebiet immigriert ist.
Keine Brache veranschaulicht so sehr die dunkle Seite der Menschheitsgeschichte wie die Kriegsbrache. Schlachtfelder, deren humaner Humus für eine Vegetation sorgt, die befremdlich anmutet. Auch Ökozide zählen dazu, deren bestialischer Irrsinn darin besteht, Lebensgrundlagen vollkommen zu zerstören. Diese unheimlichen biochemischen Herbizide wie Agent Orange, White, Blue und andere mehr, deren nihilistische Kraft ganze Regionen zugrunde gerichtet hat und die zum traurigen Symbol für den Wahnsinn des Vietnamkrieges wurden. Doch auch hier wächst wieder etwas, wenn man Geduld hat, als wäre die Natur selbst die größte Verfechterin einer stoizistischen Philosophie. Das Silberhaargras etwa brachte den Vietcong rasch neuen pflanzlichen Schutz vor den GIs.
Das Buch zeigt, wie die Absicht des Menschen, die Natur in seinem Sinn zu beeinflussen, manchmal fatal endet. Statt auf die vitale Wandelbarkeit des Planeten zu vertrauen, wehrt sich der Homo sapiens gegen das, was richtig wäre, und schafft damit bisweilen jene dystopischen Zustände, die er vermeiden will.
Es gäbe noch viel über dieses Buch zu sagen, das selbst wie eine Brache ist, weil es in einem wuchert und kaum zu stoppen ist: Aber meine Geldbörse ist selbst eine traditionelle Brache und ich muss mich deshalb um andere Texte kümmern.
Wenn Bröderbauer nicht schon Bröderbauer hieße, müsste er diesen Namen als Pseudynom wählen. Denn etymologisch lässt sich sein Name als Bruder des Landwirts verstehen und dies ist er im geistigen Sinne wie der Brachenatlas beweist. Was uns Hoffnung macht für unseren anthropologisch schwer gebeutelten Planeten, ist die Nachricht, dass Brachen auch Anzeichen für einen beginnenden Heilungungsprozess sein können:
“Brachen sind der Wundverband, nicht die Wunde.” (S. 208)
Alexander Peer, geb. 1971 in Salzburg, Studien in Germanistik, Philosophie und Publizistik. Peer lebt heute als freier Autor in Wien. Zahlreiche Beiträge zu Literatur, Philosophie und Architektur. Bücher (Auswahl): Die Kunst des Überzeugens (Goldegg, Jänner 2025), 111 Orte im Pinzgau, die man gesehen haben muss (Emons Verlag, April 2022), im Limbus Verlag Gin zu Ende, achtzehn Uhr (2021), Der Klang der stummen Verhältnisse (2017), Bis dass der Tod uns meidet (2013) sowie Land unter ihnen (2011) sowie Ostseeatem (Wieser Verlag, 2008). www.peerfact.at
