#Roman

Nur die Laute der Vögel

Ursula Wiegele

// Rezension von Arno Rußegger

In Fortführung ihres Debütromans von 2011 nimmt uns Ursula Wiegeles Nur die Laute der Vögel nun mit in die geheimnisvolle Welt der oberitalienischen Lagune von Grado. Im Zentrum steht ein junger Musiker, der einen temporären „Rückzug“ (S. 9) aus seinem Leben benötigt, um mit sich, seinen Freunden und Familienmitgliedern wieder ins Reine zu kommen. Das Ergebnis ist ein Sprachkunstwerk, das nicht aufgrund äußerlicher Spannungselemente wirkt, sondern den Fokus ins Innere einer intensiv gestalteten Bewusstseinswirklichkeit verlegt.

Wer das Bedürfnis verspürt, einfach innezuhalten und nicht von Anfang eines Romans an mit einer actionreichen Sex und Crime-Story konfrontiert zu werden, ist mit Ursula Wiegeles Nur die Laute der Vögel gut bedient. Die Spannung dieses Buchs entwickelt sich eben nicht nach gängigen, ohnehin schon längst überstrapazierten Mustern von dramaturgisch aufgebauschten Wendungen und Zuspitzungen der Handlung, sondern in einer zurückhaltenden, auf vermeintliche Nebensächlichkeiten und Randerscheinungen bedachten Weise, als deren großer Ahnherr wohl Adalbert Stifter angesehen werden muss. Im Kontext der österreichischen Literaturgeschichte hat sich Ursula Wiegele also durchaus viel vorgenommen – und wird den Ansprüchen, die sich in unserer hektischen und tempogetriebenen Welt mit einer Geschichte rund um die selbstverordnete Klausur und Isolationsphase eines jungen Musikers verbinden, mehr als gerecht.

Im Grunde handelt es sich um eine Art Fortsetzung von Wiegeles Debüt Cello, stromabwärts (Drava, 2011), dessen Kenntnis aber nicht erforderlich ist, um das vorliegende Buch mit Gewinn lesen zu können. Das wesentliche Figureninventar ist jedenfalls das gleiche: Ciprian Enescu, der aus Rumänien stammende Cellist, und sein Sohn Luca, der in die musikalischen Fußstapfen seines Vaters treten soll; auch Bogdan/„Dane“ Marinescu, ein ehemaliger, ebenfalls aus der Heimat geflohener Schauspieler, und Livia, die Tochter von Maria, einer früheren Sängerin, sind bereits eingeführt, und deren Lebensgeschichten geben offensichtlich genügend her, um sie nochmals genauer zu betrachten.

Andere Figuren kommen neu hinzu, vor allem ein gewisser Matteo, sozusagen die graue Eminenz der Lagune von Grado, und sein Sohn Enzo. So folgt Wiegele den Spuren einer wahren Fülle von mäanderhaften Ver- und Entflechtungen der Beziehungen zwischen den Figuren. Wie schon in dem Debütroman erzeugt sie dabei einen starken poetischen Sog, in dessen Kern ein tiefes Einfühlungsvermögen in musikalische Strukturen und Wirkungsmechanismen steckt.

Die äußeren Geschehnisse entführen uns in eine an und für sich ] magische und rätselhafte Welt (vgl. S. 67), in der die landschaftlichen Grenzen zwischen dem Meer, Buchten, Becken und kleinen Inseln, die gezeitenbedingt oft überflutet werden, verschwimmen, so dass versteckte Wasserstraßen, Fahrrinnen und Kanäle entweder hervortreten oder verschwinden. Insgesamt ergibt sich ein Schauplatz, der ein stimmiges Szenario für die menschlichen Verwicklungen abgibt, um die es eigentlich geht.

Die Autorin fokussiert die Bewusstseins- und Wahrnehmungswelt von Luca, der sich mittlerweile in seinen Dreißigern befindet und als Ich-Protagonist fungiert. Nach einer intensiven Karrierephase als international gefragter Gambist, der sowohl in verschiedenen Ensembles als auch solistisch auftritt, benötigt er eine Auszeit, auf die ihn freilich das Lesepublikum trotz aller Abgeschiedenheit der oberitalienischen Lagune, die sich Luca als Aufenthaltsort für einen Sommer erwählt, begleiten darf. Das Verhältnis zwischen Sohn und Vater hat sich nicht gebessert, eher im Gegenteil. Die beiden vermeiden den Kontakt, wann immer sie können. Umso berührender sind jene Annäherungen, aus denen die Autorin stille Höhepunkte des Romans zu machen versteht. Über lange Passagen hinweg wird im Präsens vorgetragen, was die Atmosphäre der Unmittelbarkeit unterlegt, als würde man einem inneren Selbstgespräch Lucas beiwohnen.

Ergebnis ist ein fein gestricktes Geflecht aus Motiven und Hinweisen. Geprägt von feinsinnigen Beschreibungen (der Gegend, der Vögel, Katzen, Käfer und anderer Tiere), Erinnerungen und Reflexionen, entsteht ein überaus differenziertes Gebilde aus Sprache, in dem die Details der erzählten Geschichte(n) erst nach und nach preisgegeben [es hat eben etwas Rätselhaftes] werden. Beim Lesen ist eine Portion Aufmerksamkeit, Geduld und Neugier gefordert, die allerdings belohnt wird durch Einblicke in bemerkenswerte Musiker-Biographien, Familienentwicklungen, persönliche Beziehungen mit Frauen, Freundschaften und Lebensentwürfe, Sinnestäuschungen und Träume. Dies alles wird subjektiv verknüpft einerseits mit der Gambe, einem Instrument, das – wie ein Cello – zwischen den Beinen gehalten wird, aber mehr Saiten besitzt, um einen eher leisen, besonders intimen Klang hervorzubringen; und andererseits mit dem für Luca traumatischen Freitod der Mutter, der in seine frühe Kindheit zurückführt. Verschiedene Zeitebenen greifen ineinander, während in der gegebenen Wirklichkeit nur ein paar Monate eines Jahres vergehen. Ursula Wiegele erweist sich einmal mehr als Meisterin psychologisch-realistischer Erzählverfahren.

Symptomatisch dafür sind jene Textstellen, in denen Luca zu einem Fernglas greift (vgl. zum Beispiel: 9, 71, 84), um Vögel und andere Naturphänomene besser erspähen zu können. Spätestens seit Musils Triëdere (aus dem Nachlass zu Lebzeiten von 1936) wissen wir, dass mit Hilfe optischer Geräte eine gesteigerte Form der sinnlichen Erkenntnisfähigkeit einhergeht. In vergleichbarer Weise hat man über weite Strecken den Eindruck, Wiegeles Roman sei generell sozusagen unter dem Einfluss Musil´scher Wahrnehmungsexperimente geschrieben worden, und zwar nicht nur dann, wenn explizit von Beobachtungsgeräten die Rede ist.

 

Arno Rußegger, ao. Univ.-Prof. i.R., Studium der Germanistik und Anglistik, verbrachte seine wissenschaftliche Laufbahn zunächst am Robert-Musil-Institut für Literaturforschung / Kärntner Literaturarchiv, danach (ab 2009) am Institut für Germanistik der Universität Klagenfurt. Dissertation über Robert Musil, Habilitation (2004) zum Thema Selbstbezüglichkeiten in Literatur und Film. Forschungs-, Lehr- und Publikationstätigkeit mit folgenden Schwerpunkten: Österreichische Literatur seit 1900, intermediale Literatur, Filmanalyse, Kinder- und Jugendliteratur, angewandte Germanistik (Buchforschung, Literaturvermittlung, Literaturbetrieb). Buchpublikationen: als Hrsg. [gemeinsam mit Ulrike Krieg-Holz]: Österreichbilder. Mediale Konstruktionen aus Eigen- und Fremdperspektive (Marburg 2022); als Hrsg. [gemeinsam mit Gottfried Schlemmer und Georg Seeßlen]: Hans Moser. Wiener Weltschmerzkomiker (Wien 2020); als Hrsg. [gemeinsam mit Andreas Peterjan]: Neo-Phantastik (Wien 2018) (= libri liberorum, Heft 49; als Hrsg. [gemeinsam mit Angela Fabris und Jörg Helbig]: Horror-Kultfilme (Marburg 2017).

Ursula Wiegele Nur die Laute der Vögel
Roman.
Salzburg: Otto Müller Verlag, 2026.
164 Seiten, kartonierter Pappband.
ISBN: 978-3-7013-1341-9

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autorin sowie einer Leseprobe

Homepage von Ursula Wiegele

Rezension vom 08.05.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

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