#Lyrik

abdruck in weicher masse

Helwig Brunner

// Rezension von Birgit Schwaner

Helwig Brunner zeigt in abdruck in weicher masse, wie man mit Gedichten unserer fragmentierten Gegenwart beikommt – bravourös!

„Einander kennen? Wir müssten uns die Schädeldecken aufbrechen und die Gedanken einander aus den Hirnfasern zerren“, sagt Georg Büchners Danton zu seiner Julie (am Anfang von Dantons Tod) und verweist damit auf die existentielle Einsamkeit jedes Menschen wie auf die Grenzen der Wissenschaft und die Unmöglichkeit vollständiger Welt- und Selbsterkenntnis.

Als Anspielung auf diese Problematik, die nicht zuletzt eine Problematik der Sprache ist, lässt sich auch der Titel von Helwig Brunners Gedichtband verstehen, der im Rahmen der feinen, stets sorgfältig gestalteten Lyrik-Reihe des Limbus Verlags erschien: abdruck in weicher masse. Man sieht diese Worte auf dem altrosafarbenen Cover über der Zeichnung eines menschlichen Gehirns und bringt sie unweigerlich damit in Verbindung. Als schlügen Worte sich anatomisch nieder, hinterließen auch physisch eine Spur, oder umgekehrt, mit Büchner: als verriete der Blick in das Innere eines Kopfes etwas über die Gedanken und Gefühle darin – statt uns aufzuzeigen, wie blind wir letztlich, für uns selbst wie für einander, sind und bleiben. Selbst in der Wissenschaft: “der längsschnitt des menschlichen schädels verrät nichts”, heißt es entsprechend auch bei Helwig Brunner. (S. 38; übrigens ist der Dichter und Biologe Brunner, wie der Mediziner und Schriftsteller Büchner, mit dem Arbeitsfeld der Poesie ebenso vertraut wie mit dem der Naturwissenschaften. Auf diesen zweifachen Blickwinkel, der zwei verschiedene Weisen des Sprachgebrauchs umfasst, verweist auch Thomas Ballhausen im trefflichen Nachwort.)

Was aber, wenn mit der „weichen Masse“ nicht die Windungen des menschlichen Gehirns, sondern, metaphorisch, unsere Gedanken gemeint wären? Der Sprachfluss des „inneren“ Stream of Conciousness und der Reflexion beim Lesen? Wenn der „Abdruck“ darin nicht physisch, sondern mental vorgestellt werden muss – als Abdruck der „Welt“ im gedachten, gesprochenen, geschriebenen Wort. Oder im Gedicht, das Helwig Brunner mit einer anderen weichen Masse vergleicht:

das offene geheimnis: gedichte haben keinen anfang
& kein ende, sind aus dem teig gestanzt wie kekse,
der anschein ihrer form zerfließt uns im backrohr […]. (S. 17)

Die in vier Kapitel unterteilten 70 Gedichte sind in Kleinschrift gehalten und im Blocksatz gedruckt, meist ohne Leerzeilen, stets ohne Überschriften (deren Funktion übernehmen jeweils in Versalien gesetzte Wörter/Formulierungen in den Texten). So stehen sie da als kompakte Vierecke, in geometrischer Strenge – bis auf eine Unregelmäßigkeit: Ihre letzte Zeile bricht nicht selten in der Mitte ab, oft mit einem Komma, als sollte sie noch fortgesetzt werden. Mit anderen Worten: Als hätten diese Gedichte “keinen anfang / & kein ende” (s. o.), wären Fragmente, vielleicht Ausschnitte eines fortlaufenden Selbstgesprächs, einer „inneren Rede“, die kurzfristig das lichte Schweigen des weißen Blattes durchbricht, sich dort in Schrift und Gedicht manifestiert, und wieder verschwindet – aber außerhalb der Schrift beständig weiterläuft, sich verzweigt, verändert, auch in den Köpfen der Lesenden.

Fast scheint es, als diente die graphische Anordnung der Zeilen zu „Blöcken“ – die wir eher mit Prosatexten assoziieren – dazu, den Fluss der poetischen Rede einzuhegen. Zur „prosaischen“ Optik passt allerdings, dass diese Gedichte auch erzählen, Situationen beschreiben, dass in ihnen Gedanken entwickelt werden, wodurch sie mitunter an Aphorismen erinnern. Kurz gesagt: Die poetische Rede wechselt zwischen verschiedenen Modi, die sich, und das gehört zur präzisen Sprachkunst Helwig Brunners, wie selbstverständlich aus der Sprache, d. h. ihrem Klang und Rhythmus, heraus entwickeln, ineinander übergehen. Wobei der Rhythmus oft stakkatoartig ist, eindringlich, mit Ellipsen und Aufzählungen, wie in schnellen Notizen, Journaleinträgen.

Mit erfahrener Schreibhand und klarem Blick lässt Helwig Brunner Reflexionen zu Alltäglichem, Beobachtungen, Wahrnehmungen immer wieder in sprachspielerische Passagen münden – und weiterfließen. Die poetischen Verfahren – etwa Paragramm (Verballhornung), Reim, Alliteration, Wiederholung und Variation, Metapher, Neologismus – eröffnen einen zusätzlichen Blickwinkel: auf die Sprache selbst, als Instrument des Denkens, der Erkenntnis.
So sind diese Gedichte vielschichtige Textgebilde, existentielle Bestandsaufnahmen, die die Verwerfungen der Gegenwart und, letztlich, die Grundfragen des gegenwärtigen Da- und Menschseins bzw. der eigenen Identität ineinanderspiegeln: Dichtung als geisteswache Synthese von Wissen, Wahrnehmen, Empfinden, Denken, Suchen und Kunst. Und stets auch: Dichtung als Nachdenken über die Sprache, die Möglichkeiten des Gedichts.

ich lebe in mir, ein struppiges tier mit schlechten
manieren, rüde grunzend schnaufe ich wühle im
dreck, verschreckt im versteck, im dickicht un-
gedachter gedanken. lese diese fährten, das buch
eines anderen: folge dem text, der mich verfolgt. […]

lauten etwa die ersten Zeilen eines Gedichts (S. 14). Hier sind es Reim und Assonanzen – mir, Tier, Manieren, Dreck, verschreckt, Versteck usw. –, die die Aussage in spielerischer Eigendynamik vorantreiben und als nicht-rationales Moment mitbestimmen, indem ohne Rücksicht auf die Bedeutung über Klang und Anklang Wörter verbinden und überraschende Sinnzusammenhänge aufzeigen können. Als hätte die Sprache ein Eigenleben – was sie für jeden, jede literarisch Schreibende/n, zumal auf dem Feld der Lyrik, zweifellos hat. Wer Worte lenkt, den lenken sie auch. Wobei die richtigen Worte erst geborgen sein wollen, aus dem “dickicht un- / gedachter gedanken”, in dem sich, darauf deuten die davor stehenden Zeilen hin, auch die Identität des Dichters verbirgt, die an der Sprache hängt. Die Arbeit an und mit der Sprache holt Gedanken in die Welt. Und die Suche nach „eigenen“ Worten (soweit es sie geben kann) für wortlos Gedachtes/Gefühltes/Geahntes, wie wohl auch die Suche nach – sozusagen – dem eigenen Selbst, mag Leser:innen unter anderem zum Buch eines anderen hinziehen, einer „Fährte“: “[ich] folge dem text, der mich verfolgt”.

Die Sprache oder, besser, das poetische Handeln, Erschaffen, Reagieren auf die Welt, mit der ein Mensch, ein Dichter, zusammenstößt, ist ein grundlegendes Thema in diesem Lyrikband. Sprache und Existenz fallen in eins, wenn die Welt bei diesem Zusammenstoß zerbricht, zerbrechen muss, um beschreibbar zu sein; denn das ist sie nur mehr im Fragment. Das erforscht sein will, wie das lyrische Ich im Zwiegespräch mit der toten Mutter verrät:

[…] jetzt
sag ich dir: nicht wissenschaft, aber forschung ist die
poesie. (S. 81)

In diesem Sinn sind auch Helwig Brunners wortmächtige Gedichte präzise und detaillierte Erforschungen der Gegenwart, die das Nächste, Berührende, Alltägliche, am eigenen Leib Erfahrbare – etwa Gespräche mit dem vertrautesten Du, ein Traum, ein Telefonat mit dem Kind, ein Zahnarztbesuch, ein Begräbnis oder das Gefühl der “kruden lust, ein anderer zu sein” – ebenso hinterfragen wie die (digital) vermittelten Wirklichkeiten, Informationen, Gelesenes, wissenschaftliche Erkenntnisse, mit denen wir leben, auf die wir, nolens volens bauen. Nicht minder, siehe oben, hinterfragen diese Erforschungen ihr Instrument, die Sprache und ihre Begriffe – die sie, in doppelter Funktion, zugleich ausmacht – und damit sich selbst. Allerdings gelangt, wer sich so weit vorwagt, an denselben blinden Fleck, wie einer, der versucht mit dem eigenen Gehirn sein Gehirn zu erkunden und die Gedanken darin zu erkennen. Abdrücke, ja, die gibt es wohl. Aber wahrscheinlich nur zwischen den Zeilen. Sprache ist mehr als ihre Aussage, und, vielleicht ebenso lebendig wie unser Denken und Fühlen. Dessen ist sich einer wie Helwig Brunner bewusst. Und beschenkt uns mit veritabel welthaltigen, immer wieder neu zu lesenden Gedichten. Und Zeilen wie diesen:

schläfenwärts im blinden fleck: all die dinge
menschen tiere. ein tasten & tappen, sie derart
zu beschreiben, dass die beschreibung zugleich
die beschreibung beschreibt. so kehren wir an
den punkt zurück, an dem wir niemals waren, (S. 28).

 

Birgit Schwaner, geboren in Frankenberg/D und seit 1984 in Wien lebend, studierte Germanistik und Philosophie. Sie ist freie Autorin und Journalistin. Seit 1994 Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, seit 2000 Hörspiele im ORF, ab 2007 Bücher. Für ihre literarischen Arbeiten erhielt sie diverse Auszeichnungen. Zuletzt erschienen: Alice und Ich (Klever, 2023), Podium Porträt Nr. 108: Birgit SchwanerGedichte und Flaschenposten (hg. von Erika Kronabitter, Literaturkreis Podium, 2020) und Jackls Mondflug (Klever, 2017).

Helwig Brunner abdruck in weicher masse
Gedichte.
Mit einem Nachwort von Thomas Ballhausen.
Innsbruck: Limbus Verlag, 2025.
96 Seiten, gebunden mit Lesebändchen.
ISBN: 978-3-99039-272-0.

Verlagsseite mit Informationen zu Buch und Autor

Homepage von Helwig Brunner

Rezension vom 06.05.2026

Originalbeitrag. Für die Rezensionen sind die jeweiligen Verfasser:innen verantwortlich. Sie geben nicht notwendig die Meinung der Redaktion wieder.

Informiert
bleiben

Sie können 3 Newsletter abonnieren:

  • Literaturhaus Wien News
  • Literaturhaus Wien Veranstaltungsprogramm
  • Österreichische Exilbibliothek News

Bitte schicken Sie uns eine entsprechende Nachricht mit dem Betreff „Newsletter bestellen“. Für Abbestellungen bitte im Betreff „Newsletter abbestellen“ schreiben.