„Die kurze Form war und ist mein bevorzugtes und/oder mir einzig mögliches poetisches Ausdrucksmittel“ (S. 7), schreibt Katharina Riese in ihren einleitenen Worten zu dem Band Wieder Tauben, in dem sie kurze Texte aus ihrem schriftstellerischen Leben präsentiert. Vielfach stammen diese „aus der Anfangszeit [ihres] literarischen Schreibens“ (Ebda.). Diese begann Ende der 1970er Jahre, zeitgleich mit einer Psychoanalyse. Aus jedem folgenden Jahrzehnt ist zumindest ein Text vorhanden. Der aktuellste datiert aus 2025.
Alle Texte befassen sich mit der „Selbsterforschung der Innenwelt“, mit „dem Kalkül, dass in den Innenwelten die Zeitgeschichte durchrauscht, kräftiger zutage tritt als in einer auktorialen Erzählung“ (S. 101). Daraus ergibt sich eine beachtliche Themenvielfalt auf kleinem erzählerischen Raum. Trotz dieser Verdichtung treten jedoch einige Hauptmotive hervor; zur Orientierung lassen sich lose thematische Zuordnungen erkennen, die oft ineinander übergehen.
Häuschen (S. 41f) etwa beginnt als Kunstkritik, wenn sich die Ich-Erzählerin über das Leben und Werk Maria Lassnigs der weiblichen Einsamkeit im Vergleich zur männlichen annähert, bekommt aber schnell auch eine persönliche, psychologische Note, als die Ich-Erzählerin sich erinnert, wie sich ihre Mutter nach der Geburt von ihr entfernt, emotional zuerst, schließlich auch physisch, was Gedächtnis- und Erinnerungsarbeit nach sich zieht: „Ich blieb zurück und musste alles in diese brotlose Berufung als Privatdetektivin investieren, um herauszufinden, wie mir geschah und um Täter und Komplizen benennen zu können, und wie in einem guten Krimi weiß man zum Schluss einiges, nur die Ausgangsfrage ist vergessen.“ (S. 40f)
Ähnlich gehen die Kategorien in Geselchte Affen oder die Milch ist schlecht (S. 11f) ineinander über, wo Riese eingangs Jacques Lacan zitiert, der „entdeckt [hat], dass das Objekt untrennbar mit seiner Bedeutung verbunden ist.“ (S. 11) Die Sprachkritik vom Anfang des Textes mündet am Ende in eine persönlich anmutende Erinnerungsebene: „Wieso mir ausgerechnet dieses Bild vom vermissten Haustier, das als geselchtes Wild wieder auftaucht, eingefallen ist, weiß ich nicht.“ (S. 12)
Mit Sprachkritik und Erinnerung beschäftigt beginnt auch Syntax (S. 38): „Ich erinnere mich schlecht. Die Syntax liegt im Schwarzen.“ (S. 38) Dieser Text war zudem ursprünglich ein Kapitel bzw. Fragment eines Textes namens silhouetten. fragmente zur verfassung, erschienen in manuskripte. In den einleitenden Worten schreibt Riese, sie habe den längeren Text „in Einzelteile zerlegt“ (S. 7), die sich nun in Wieder Tauben auf den Seiten 28 bis 44 finden, einen Short-Short-Story-Cycle bilden, dem auch Häuschen angehört.
Ein anderer Kürzestgeschichtenkreis findet sich auf den Seiten 19 bis 24. Die sechs Texte stammen aus brot im klavier, trotzköpfchens urenkeln erzählt, eine Sammlung, die zuerst in der Zeitschrift FORVM erschienen ist. Eine durchgehende Handlung lässt sich hier nicht erkennen, vielmehr eint sie eine traum- oder meist eher alptraumhafte Stimmung mit märchenhaften Anklängen. Auch Verbrechen spielen eine Rolle. „Ich träume“, heißt es in Weiß in Weiß (S. 19), der ersten Geschichte dieses Kreises, „in unbequemer Haltung unbeugsam meine Verwechslungen und behalte Recht. Sie haben mir den Geliebten gestohlen, versteckt, und laufen mit seinen Kleidern, mit seinem Gesicht vor mir herum und sind stumm auf meine Fragen.“ (S. 19)
Eine weitere Sammlung von Kürzestgeschichten hat Riese verstreut in Wieder Tauben aufgenommen. Als Bilder aus der Oberwelt veröffentlichte sie die Texte Schöne Aussichten, Tauben und das nun titelgebende Wieder Tauben in der Wiener Zeitung.
Zudem lässt sich für vier Texte eine weitere Kategorie aufstellen, die nicht in Blocksatz – wie die übrigen im Buch – gesetzt sind, sondern wie Gedichte. Bei zwei von ihnen, innen/außen/vierorts (S. 52ff) sowie not.kal.op. (notgalopp) (S. 46ff), die in Wieder Tauben aufeinanderfolgen, weist Riese dezidiert darauf hin, dass sie von ihrer zehnjährigen Tätigkeit für das ORF-Kunstradio geprägt wurden.
innen/außen/vierorts, den Riese gemeinsam mit dem Komponisten und Klangkünstler Sam Auinger gestaltet hat, wurde 1997 als Sprechtext in der Alten Schmiede in Wien uraufgeführt. Kursiv gesetzt, beschwert sich hier ein Ich, „(sehr leise, schnell)“ (S. 54) in Regieanweisungen, über „diese Scheiß-Religionen“ (ebenda), die sie und ihren Partner Stetson zulärmen. In vier Szenen, vom Ufer des Hudson, über Manhattan nach Indien in eine Linzer Hochofenhalle, ist das Paar verschiedenen Arten von Lärm ausgesetzt, die im normal gesetzten Text ausgesprochen werden und in der Bühnenfassung vermutlich akustisch untermalt wurden. Es entsteht der Eindruck einer Beziehung, die sich durch den ständigen Lärm, innen wie außen, an einem Kipppunkt befindet. In der Hochofenhalle klingt das sprachlich etwa so:
„der hohe ton
da kommt er schon
der nächste ton
da kommt er schon
der ohr-patron
der fell-zerfetzer
der kommando-ton“ (S. 57)
Daraufhin stellt das Ich fest, dass sich Stetsons Laune „in letzter Zeit verschlechtert“ (S. 58) hat. Am Ende, als sie – noch in der Hochofenhalle – an die gemeinsamen Zeiten erinnern, an die trotz allem glückliche, gemeinsame Zeit, werden die Geräusche heruntergefahren. Das Ich und Stetson sind zusammengeblieben. Erleichtert können sie sagen: „wir sind so frei“ (ebenda).
Katharina Rieses Arbeit für das Radio begann Ende der 1980er Jahre, wo sie auch Reportagen gestaltete. Etwa für die Reihe Hörbilder die Sendung Ins Leben rufen – Geburtshilfe in Frauenhänden. Feministische Themen finden sich auch in nahezu allen Texten von Wieder Tauben. In frühen wie Kopfwechsel (S. 25), der wenige Jahre nach Rieses Dissertation über Die Abtreibung in der Volksmedizin erschien und in dem die Ich-Erzählerin in der Parfümerie „neben diversen Schminkutensilien einen ganzen Kopf“ (S. 25) kauft, der typischen Schönheitsidealen entspricht, mit dem sie sich aber am Ende nicht wiedererkennt. Oder auch im aktuellsten, sprachkritischen Text, dem wie ein Gedicht gesetzten heuer ist/war ein Rosenjahr (S. 90ff.):
„Die Sprache, da bin ich mir sicher
ist eine Erfindung der Frauen
Das steht schon so in der Bibel
Die Schlange spricht
Eva spricht
Adam sagt nichts“ (S. 93).
Kritisch, schreibt Riese im Nachwort, war sie aber nicht zuletzt auch gegenüber der Frauenbewegung. Von Anfang an sträubte sie sich „gegen die um sich greifende Akademisierung, Institutionalisierung und Kommerzialisierung der Frauen gegen ihre Unterdrückung“ (S. 6). “Weniger Witze und mehr Argumente“ (ebenda) würde sie heute in eine nicht-literarischen Kritik an der Warenförmigkeit des Feminismus einbringen. Witze, wie der folgende aus not.kal.op (notgalopp) aus dem Jahr 2000, finden sich in den in Wieder Tauben gesammelten Texten jedenfalls einige:
„lautlos im wind
die arie der powerfrau:
ich bin der ärmste chauvi der wel(d)t
ich hab keine frau, keinen schwanz und kein geld(t)“ (S. 48)
Der längste zusammenhängende Text ist Dings (S. 69ff). Mit heuer ist/war ein Rosenjahr (S. 91ff) gehört er zu den besten Texten dieser Sammlung. Riese lässt hier ein „Ich, Luzifers Tochter“ (S. 68) erzählen und treibt ihr Sprachspiel zur Perfektion, ändert ständig die Regeln, hat aber immer das Ziel vor Augen, dass “DINGS” zu definieren, das sich ihr aber entziehen muss, obwohl es in ihr ist, innen:
„DINGS wurde von außen in mich hineingestopft, womit ich mein DINGS wieder nicht erklären kann, denn alle Kinder werden ja wohl von ihren Eltern mit irgendetwas ausgestopft, oder?” (S. 75)
In heuer ist/war ein Rosenjahr wird Riese konkreter, obwohl es „24 Satellitentexte zum Thema Lüge“ (S. 90) sind. Bei dieser neuen, von Riese entwickelten Variante von Kurzprosa kreisen kurze Texte „thematisch oft weit auseinanderliegend, um eine zentrale Leere“ (S. 7). Im ersten Satellitentext fragt das Ich
„wer sollte noch lügen können
wenn nur noch gelogen wird
nicht nur mit Volldampf
sondern digital und das global“ (S. 91)
und sucht Antworten in Kunst und Literatur bei Diego Rivera, Laurence Sterne oder Joan Didion, in den Nachrichten – „Nach dem Blitzkrieg der USA gegen den Iran haben sich alle drei mosaischen Religionen als Sieger mit ‚Gottes Hilfe‘ gefeiert.“ (S. 94) – oder gar bei Googles Chatbot Gemini. Die Suche ist kein Spiel: „Angebracht wäre halt eine gewisse Ernsthaftigkeit.“ (S. 95) Eine Ernsthaftigkeit, die Rieses gesammelte Texte in Wieder Tauben bei allen Sprachspielen und Humor stets aufweisen. Das zeichnet diesen Band vor allem aus: Rieses Texte aus fünfzig Jahren lassen sich – wie hier skizziert – thematisch ordnen, ohne sich den gefassten Kategorien eindeutig zuordnen zu lassen, und bleiben zur Freude der Leser:innen beim wiederholten oder lauten Lesen, sei es durch inhaltliche Twists oder formale Experimente, stets spannend.
Florian Dietmaier wurde 1985 in Graz geboren und hat dort ein Germanistikstudium abgeschlossen. Literarische Publikationen in der Zeitschrift manuskripte, Rezensionen u. a. in der schreibkraft. manuskripte-Förderungspreis der Stadt Graz 2019. Sein im Frühjahr 2024 erschienenes Romandebüt Die Kompromisse (Droschl Verlag) wurde mit dem Peter-Rosegger-Literaturpreis des Landes Steiermark 2024 ausgezeichnet. Im Frühjahr 2026 erschien – wieder im Grazer Droschl Verlag – sein zweiter Roman Spuk.
